Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.12.2011

22:14 Uhr

Requiem für Václav Havel

Trauer, Tränen und die tschechische Trikolore

Mit einem pompösen Staatsakt nehmen die Tschechen Abschied von ihrem Helden Václav Havel. Der stets bescheidene frühere Präsident hätte so viel Prunk nur mit Ironie ertragen, meinen Freunde.

Abschied von Vaclav Havel

Video: Abschied von Vaclav Havel

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

PragDurch den Prager Veitsdom dringt die Kälte den Trauernden bis ins Mark. Vor dem Altar ziert die tschechische Trikolore den einfachen Holzsarg des Ex-Präsidenten Vaclav Havel, der sich selbst vor allem als Bürger sah. Als die Tschechische Philharmonie zu Antonin Dvoraks Requiem ansetzt, können selbst gestandene Sicherheitsbeamte auf der Empore die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Der am Sonntag nach langer Krankheit gestorbene Havel hatte sich nie seiner selbst Willen in den Vordergrund gedrängt. „Sein Credo waren die Menschenrechte“, erinnert sich ein Havel-Vertrauter. Wie kaum ein anderer gab Havel den Menschen im bleiernen Kommunismus Hoffnung auf ein Leben in Freiheit. Neben seinem mit einer schwarzen Schleife versehenen Porträt leuchten am Freitag die vier Kerzen des Adventskranzes, als Zeichen der Hoffnung auf Gottes Heil.

In der in Tschechien beschönigend „Normalisierung“ genannten Zeit nach dem Warschauer-Pakt-Einmarsch von 1968 zeigte Havel mit anderen Künstlern, dass man sich gegen den Willen der Machthaber auflehnen musste. Das danken ihm viele bis heute. Außenminister Karel Schwarzenberg verspricht seinem alten Weggefährten am Sarg: „Herr Präsident Havel, wir werden weiter dafür kämpfen, dass Wahrheit und Liebe siegen. Wir werden nicht nachlassen. Darauf können Sie sich verlassen.“

Nachruf auf Václav Havel: Abschied von einem Freund

Nachruf auf Václav Havel

Abschied von einem Freund

Ein Mann, dessen Biographie mit dem Fall des eisernen Vorhangs verbunden ist.

Als Geschützsalven die Mauern der Kathedrale erschüttern und der Sarg des verstorbenen Präsidenten durch das goldene Tor auf den Vorplatz getragen werden, geht auch ein böhmisches Märchen zu Ende. Frühere politische Gefangene - Dichter, Schauspieler und ehemalige Heizer - hatten in den 1990er Jahren höchste Ämter erreicht. Sie brachten frischen Wind und eine ungeheure Euphorie in die mächtige Prager Burg.

Havels Freund und persönlicher Fotograf Oldrich Skacha war immer dabei und begleitete den Dramatiker nun auch auf seinem letzten Weg. Er kannte ihn seit 1967, der Aufbruchszeit des Prager Frühlings. „Ich habe seinen Tod als Befreiung eines Menschen empfunden, der wirklich gelitten hat“, sagte der enge Vertraute Havels vor der Trauerfeier.

Seine zunehmende körperliche Ohnmacht habe den Dramatiker deprimiert, dessen Gesundheit auch durch die langen Gefängnisaufenthalte gebrochen wurde. Eine Woche vor seinem Tod habe Havel dennoch nicht auf die Begegnung mit dem Dalai Lama, dem geistigen Oberhaupt der Tibeter, verzichtet. „Wir glauben, dass Vaclav ihn zum Abschied sehen wollte“, berichtete Skacha. Spirituell sei er mit dem Dalai Lama auf gleicher Welle gewesen. Havel habe dessen Lebensglauben und ungeheuren Optimismus bewundert.

Wie hätte der äußerst bescheidene Havel die von einigen wenigen als zu pompös kritisierten fünftägigen Trauerfeierlichkeiten beurteilt? „Er war ein Theatermensch, der die Dinge von ihrer szenischen Seite zu betrachten wusste“, sagte der Theologe und frühere Havel-Vertraute Tomas Halik. „Ich denke, er würde es mit einer gewissen Ironie sehen.“

Stationen eines kämpferischen Lebens

5. Oktober 1936

Vaclav Havel wird als Sohn eines Bauunternehmers geboren. Nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 und der Verstaatlichung muss sein Vater als Büroangestellter arbeiten.

1951

Wegen seiner „bourgeoisen“ Herkunft wird Vaclav Havel an der Ausbildung gehindert. Von 1951 an absolviert er eine Lehre als Chemielaborant und holt 1954 an einem Abendgymnasium das Abitur nach.

1960

Von 1960 an arbeitet Havel am Prager „Theater am Geländer“ als Dramaturg und Hausautor. In seinen Dramen persifliert er das totalitäre Staatssystem und die Bürokratie.

1964

Havel heiratet Olga Splichalova. Sie stirbt 1996 an Krebs.

1968

Während des „Prager Frühlings“ engagiert sich Havel als Vorsitzender des „Clubs unabhängiger Schriftsteller“. Da für seine Werke ab 1968 im gesamten Ostblock ein Veröffentlichungsverbot gilt, verdient er sein Geld als Hilfsarbeiter in einer Brauerei. In den 70er Jahren spielen rund 60 deutschsprachige Bühnen seine Stücke mit großem Erfolg.

1977

Havel wird Mitbegründer und Sprecher der Menschen- und Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“. In der Folgezeit wird er mehrfach festgenommen und wegen „staatsfeindlicher“ Aktivitäten zu insgesamt fünf Jahren Haft verurteilt.

Dezember 1989

Nach der „Samtenen Revolution“ wird Havel einstimmig zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten der CSSR bestimmt.

Januar 1993

Nach dem Zerfall der Tschechoslowakei in zwei eigenständige Republiken wird der parteilose Havel vom Parlament in Prag zum Präsidenten der Tschechischen Republik gewählt.

Dezember 1996

Ärzte diagnostizieren bei Havel Lungenkrebs und entfernen ihm eine bösartige Geschwulst aus dem rechten Lungenflügel. In den Folgejahren muss sich Havel unter anderem einer Notoperation unterziehen.

Januar 1997

Havel heiratet die 43-jährige Schauspielerin Dagmar Veskrnova.

Januar 1998

Das Parlament wählt Havel in der zweiten Runde für eine letzte Amtszeit als Präsident wieder.

Februar 2003

Havel scheidet aus dem Amt.

Mai 2006

Mit seiner Autobiografie „Fassen Sie sich bitte kurz“ feiert Havel nach 15 Jahren ein Comeback als Schriftsteller.

Mai 2008

Die Premierenaufführung seines Stücks „Abgang“ im Prager Theater Archa wird von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen.

Januar 2009

Nach der Entfernung eines Abszesses im Halsbereich verschlechtert sich Havels Zustand dramatisch. Die Ärzte fürchten wegen einer Lungenentzündung um sein Leben.

Sommer 2010

In der für ihn neuen Rolle des Regisseurs verfilmt Havel auf einem Schloss in Nordböhmen seine Tragikomödie „Abgang“.

März 2011

Havel wird mit einer akuten Lungenentzündung in ein Prager Krankenhaus eingeliefert. Nach der Behandlung mit Antibiotika verlässt er die Klinik, um wenige Tage später im Prager Lucerna-Kino sein Debüt als Filmregisseur zu präsentieren. Die Verfilmung seines Theaterstücks „Abgang“ erhält gemischte Kritiken.

Ende März 2011

Havel zieht sich zur Erholung von seiner jüngsten Lungenentzündung aufs Land zurück. Auf Anraten seiner Ärzte sagt er alle Termine ab.

Dezember 2011

Havel richtet einen Appell an die Öffentlichkeit, Dissidenten in aller Welt zu unterstützen. Mitunterzeichner sind der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der Tibeter, und der französische Ex-Außenminister Bernard Kouchner.

18. Dezember 2011

Havel stirbt auf seinem Gut nahe dem ostböhmischen Ort Hradecek.

Von

dpa

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Katzenleben123

24.12.2011, 22:32 Uhr

Es ist so wie immer: !Die Besten sterben zu jung!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×