Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.01.2012

06:28 Uhr

Rettung oder Untergang

Das Schicksalsjahr der Griechen

VonGerd Höhler

Kriegt Griechenland 2012 doch noch die Kurve – oder stürzt das hoch verschuldete Land in die Staatspleite? Die Entscheidung könnte schon im ersten Quartal des neuen Jahres fallen.

Für Griechenland ist ein schwieriges Jahr zu Ende gegangen - ein noch schwierigeres könnte begonnen haben. dpa

Für Griechenland ist ein schwieriges Jahr zu Ende gegangen - ein noch schwierigeres könnte begonnen haben.

AthenEs waren ernste, ernüchternde Worte, mit denen Lucas Papademos zum Jahreswechsel vor seine Landsleute trat. Ein „sehr schwieriges Jahr“ sei zu Ende, ein weiteres „sehr schwieriges Jahr“ beginne. So stimme der griechische Ministerpräsident in seiner vom Fernsehen übertragenen Neujahrsansprache die Griechen auf weitere Opfer ein. Denn die Gefahr eines Staatsbankrotts ist nach Einschätzung des 64-jährigen parteilosen Wirtschafts- und Finanzfachmannes keineswegs gebannt.

„Wir müssen unsere Anstrengungen entschlossen fortsetzen, damit die bisher gebrachten Opfer nicht umsonst sind und die Krise nicht in einen unkontrollierten, katastrophalen Staatsbankrott mündet“, warnte Papademos. Die nächsten drei Monate seien „besonders kritisch“: die Entscheidungen, die es nun zu fällen gelte, „werden den Weg Griechenlands für die kommenden Jahrzehnte bestimmen“.

Wie griechische Politiker früher ihren Staat abzockten

Kostenloser Dienstwagen

Ein auf Steuerzahlerkosten geleaster Dienstwagen für jeden der 300 Abgeordneten.

Kein Porto

Befreiung vom Briefporto

Acht kostenlose Telefonanschlüsse

Bis zu acht kostenlose Festnetzanschlüsse für jeden Abgeordneten

Handy-Guthaben

200 Euro im Monat für Handy-Telefonate

Kostenlose Hotel-Unterkunft

Kostenlose Unterkunft in einem Athener Hotel für Abgeordnete aus der Provinz

Freifahrscheine

Freifahrscheine für Busse, Bahnen und Fährschiffe

104 Flugtickets

104 kostenlose Flugtickets im Jahr für Abgeordnete,  deren Wahlkreis weiter als 200 Kilometer von Athen entfernt ist

Sitzungspauschale

150 Euro für jede Teilnahme an einer Ausschusssitzung. Die Unterschrift in der Anwesenheitslistereicht, die tatsächliche Teilnahme wird nicht kontrolliert

Griechenland am Scheideweg: „Überleben wir das Neue Jahr?“, fragt die Wochenzeitung „Proto Thema“ und dämpft die Erwartungen ihrer Leser: „Im besten Fall wird es uns 2012 schlechter gehen als 2011“; schlimmstenfalls drohe dem Land der Untergang. Griechenlands größte Tageszeitung „Ta Nea“ erschien zum Jahreswechsel mit einer Papademos-Karikatur auf der Titelseite. Sie zeigt den Premier als Weihnachtsmann.

Doch Geschenke hat er nicht mitgebracht. Die Taschen seines Kostüms sind nach außen gekehrt. Papademos kommt nicht nur mit leeren Händen. Er muss den Griechen ins Portmonee greifen und jetzt jene Geschenke wieder einsammeln, die seine Vorgänger in den zurückliegenden Jahrzehnten großzügig ans Wahlvolk verteilt hatten. „7,5 Milliarden neue Steuern“ sollen die Griechen im neuen Jahr zusätzlich aufbringen, stöhnt die Wirtschaftszeitung „Naftemboriki“.

Mehr als ein Dutzend Abgaben werden erhöht oder neu eingeführt. Unterdessen setzt sich die Talfahrt der Wirtschaft fort. Nachdem die Wirtschaftsleistung 2011 um rund sechs Prozent schrumpfte, dürfte sie 2012, im fünften Jahr der Rezession, um weitere drei Prozent zurückgehen. Allein der griechische Einzelhandelsverband rechnet für dieses Jahr unter seinen Mitgliedsfirmen mit 60.000 Insolvenzen. Ob die Steuererhöhungen in diesem Niedergang überhaupt  etwas bringen, außer die Konjunktur noch mehr abzuwürgen, ist fraglich.

Aber Papademos hat keine Wahl. Die Vorgaben der Kreditgeber sind strikt: in diesem Jahr sollen die Griechen das Haushaltsdefizit von zehn auf 4,7 Prozent und bis 2015 auf 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) drücken. Am 16. Januar werden die Delegationschefs der Troika wieder in Athen erwartet. Sie wollen dort nicht nur die Haushaltsführung prüfen. Sie erwarten auch greifbare Fortschritte bei den immer wieder aufgeschobenen Strukturreformen und den bisher äußerst schleppend verlaufenden Privatisierungen.

Kommentare (22)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Arminius

02.01.2012, 06:48 Uhr

Die enorme Gewinne die deutsche Konzerne im Euroraum realisiert haben, sind, wegen des starken Euro, fast nur ins Nichteuroausland reinvestiert worden. Bsp.: VW will größter Autobauer der Welt werden und baut Fabriken in der ganzen Welt mit Gewinne die im Euroraum realisiert wurden.
Egal wer die Gewinne macht, Hauptsache sie werden wieder da reinvestiert wo sie realisiert wurden.
Das ist aber wegen der deutschen Vakuum- oder Schleuderpumpe, nicht der Fall.
Es ist eigentlich eine Kapitalflucht vom Euroraum ins Nichteuroausland, über den permanenten deutscher Leistungsbilanzüberschuss, im Gange.
Das dürfen wir uns Europäer aller Couleurs und aller Ländern nicht gefallen lassen, mit allen Mitteln, legal oder illegal, muss das verhindert werden.

Alfons

02.01.2012, 07:05 Uhr

"Es drohen Hyperinflation und Verelendung bei einer Rückkehr zur Drachme"
Also genau das, was Griechenland vor dem Euro hatte.
Die Zeit mit dem Euro wurde dafür genutzt, mit Krediten den Griechen vorzugaukeln, dass sie sich ihr Kranken- und Rentensystem leisten könnten.
Das ist mit ein bisschen Ziegenzucht und Olivenanbau aber wohl doch nicht machbar.
Nimmt man ihnen die Möglichkeit, auf Kosten anderer zu leben, finden sie sich eben auf dem Niveau von Albanien und Bulgarien wieder; die realen Verhältnisse werden dann der Leistungsfähigkeit und -Bereitschaft ihrer Bevölkerung angepasst. Wo liegt das Problem?

izh000

02.01.2012, 07:27 Uhr

Absolut zutreffend.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×