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24.07.2014

20:21 Uhr

Rettungssanitäter in Gaza

Die nächste Horrorschicht

Sie sammeln Leichenteile ein, müssen tote Kinder bergen: die Rettungssanitäter in Gaza. Immer wieder geraten sie unter Beschuss – der Israelis und der Hamas. Doch Aufgeben kommt für sie nicht in Frage.

Zwischen Hoffnung und Angst: Wer als Rettungssanitäter im Gazastreifen arbeitet, muss immer mit dem nächsten Raketenangriff rechnen. dpa

Zwischen Hoffnung und Angst: Wer als Rettungssanitäter im Gazastreifen arbeitet, muss immer mit dem nächsten Raketenangriff rechnen.

GazaIn ihrem ärmlichen Ambulanzposten in Gaza bereiten sich palästinensische Rettungssanitäter auf ihre nächste lange Horrorschicht vor. Sie müssen mit Bombardements und Beschuss rechnen, mit zahlreichen getöteten Zivilisten und manchmal auch mit dem Tod von Kollegen. Inmitten der israelischen Militäroffensive im Gazastreifen, mit rund sechshundert Toten innerhalb von zwei Wochen, sehen sie sich als „Familie“, als Seelenverwandte, die mit kaum verkraftbaren Erfahrungen umgehen müssen.

Sie sammeln Leichenteile ein, müssen immer wieder tote Kinder bergen. Mal geraten sie in den Bombenhagel israelischer Luftangriffe oder in das Schussfeld von Heckenschützen der radikalislamischen Hamas. Schon mehrere von ihnen wurden verwundet.

Fragen und Antworten zum Gaza-Konflikt

Worum geht es der Hamas?

Die radikalislamische Hamas-Bewegung kämpft um ihr Überleben. Im Westjordanland wurde sie in den vergangenen Wochen durch Massenverhaftungen und Beschlagnahmungen fast zerschlagen, im Gazastreifen ist sie nach dem Machtwechsel in Ägypten isoliert und finanziell liegt sie am Boden - "sie hat nichts mehr zu verlieren", sagt Muchaimer Abu Saada, Politikprofessor an der Al-Aksa-Universität in Gaza. Deshalb sucht die Hamas die Unterstützung der breiten palästinensischen Bevölkerung durch schnelle Erfolge - sei es die Aufhebung der Gaza-Blockade, sei es durch einen spektakulären Angriff auf israelische Ziele. Deshalb weitete sie diese Woche Ziele und Zahl ihrer Raketenangriffe aus und startete Kommandoaktionen mit Tauchern und durch Geheimtunnel.

Was will Israel erreichen?

„Am Ende darf die Hamas keine Mittel mehr besitzen, um Raketen zu fabrizieren“, sagt Gilad Erdan, Angehöriger des Sicherheitskabinetts und in der Regierung für das Ressort Umwelt zuständig. Anders als bei der Eskalation im November 2012 will sich Israel diesmal nicht mit einer Feuerpause zufriedengeben. Die Regierung stimmt die Bevölkerung deshalb auf einen längeren Waffengang und mögliche eigene Verluste ein.

Entsendet Israel Bodentruppen nach Gaza?

Zwei unterschiedliche Bodeneinsätze werden diskutiert: Eine langanhaltende Invasion hätte zum Ziel, wie im Westjordanland alle Strukturen der Hamas zu zerschlagen. Kürzer könnte ein Einmarsch verlaufen, der sich auf die nachhaltige Schwächung der bewaffneten Gruppierungen in dem Küstengebiet konzentriert. "Die Hamas rechnet nur mit einer begrenzten Bodenoffensive Israels, da eine Wiederbesetzung des Gazastreifens praktisch unmöglich ist", sagt Abu Saada. Gegenwärtig bringt Israel 30.000 Soldaten in Stellung und rüstet sie aus. Kommt es zu tödlichen Angriffen in Israel, würde dies den Invasionsbefehl beschleunigen.

Wie lang kann die Hamas ihr Drohpotenzial aufrecht erhalten?

Israelische Militärexperten schätzen die Feuerkraft der Hamas auf rund 10.000 Raketen sehr unterschiedlicher Reichweite - wobei sie in den vergangenen Tagen damit überraschte, dass ihre Projektile Ziele in 160 Kilometern Entfernung im Norden Israels erreichten. Die mehrere hundert Raketen größerer Reichweite in ihrem Besitz wird die Hamas aber nur sehr kalkuliert einsetzen, erwarten die Experten. Amos Gilad, Strategieberater im Verteidigungsministerium, sagt, es sei sehr unwahrscheinlich, dass die libanesische Hisbollah der Hamas durch gleichzeitigen Raketenbeschuss aus dem Südlibanon zu Hilfe kommt.

Wie kann das Ausland helfen?

Alle schauen hier zuerst nach Ägypten, das Beziehungen zu Israel und zu den Palästinensern unterhält und 2012 erfolgreich tätig wurde. „Eine Vermittlungsinitiative im eigentlichen Sinne gibt es derzeit nicht“, sagt dazu Badr Abdel Lati, Sprecher des Außenministeriums in Kairo. Entsprechende Kontakte hätten „zu keinem Ergebnis geführt“. Da die aktuelle ägyptische Regierung die Hamas als feindliche Organisation einstuft, ist sie zudem kaum bereit, deren Bedingungen für einen Waffenstillstand gegenüber Israel nachdrücklich zu vertreten. Professor Abu Saada rechnet deshalb damit, dass die Islamisten das Emirat Katar oder die Türkei als Vermittler anrufen könnten.

Dschihad Selim ist heute der Schichtführer. Trotz der seither durchgemachten Kriege und Aufstände bereut er nicht, sich vor 17 Jahren für den Beruf des Rettungsassistenten entschieden zu haben. Dennoch möchte er nicht, dass seine Kinder den gleichen Weg einschlagen: „Was wir zu sehen bekommen, ist äußerst hart. Wenn wir in die Trümmer eines Hauses kommen, kann es passieren, dass jemand eine Hand findet und sie dir mit den Worten 'Nimm mal' weiterreicht.“ Selim fügt seufzend hinzu: „Aber man gewöhnt sich daran.“

Sein Kollege Adel al-Asbut stimmt zu: „Ehrlich gesagt, ich muss damit leben. Wenn ich Leichenteile sehe, muss ich damit möglichst professionell umgehen.“ Der 30-Jährige hat sich während der zweiten Intifada entschlossen, Sanitäter zu werden. „Anderen Menschen zu helfen ist doch das Beste, was ein menschliches Wesen tun kann. Ich fühle mich geehrt, dass ich diese Möglichkeit habe“, sagt al-Asbut.

Hinter ihm klingelt das Telefon. Familien, die nahe der israelischen Grenze wohnen, bitten verzweifelt, in Krankenwagen in Sicherheit gebracht zu werden. Aber Schichtleiter Selim kann das nur in enger Koordination mit dem Internationalen Roten Kreuz organisieren und muss vertrösten.

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