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31.01.2011

11:02 Uhr

Revolution

Nun ist die Armee am Drücker

VonMathias Brüggmann

Die ägyptische Armee hat schon oft über das Schicksal des Pharaonen-Staats entschieden. Nun halten ein Luftwaffengeneral und der Geheimdienstchef die Zügel in der Hand. Halten sie zu Mubarak - oder laufen sie zu den Demonstranten über?

Soldaten versuchen die Ordnung auf den Straßen von Kairo wieder herzustellen. DAPD

Soldaten versuchen die Ordnung auf den Straßen von Kairo wieder herzustellen.

BERLIN. An der Rolle der Soldaten scheiden sich in Ägypten die Geister: In einer nächtlichen Reportage zeigte der arabische Satellitensender "Al Dschasira" am Sonntag Jugendliche, die Steine auf anrollende sandfarbene Panzerfahrzeuge schleudern. In einem anderen Stadtviertel Kairos indes lobten Passanten die Soldaten als "Stütze für unser Land". Soldaten sichern inzwischen das von Plünderern heimgesuchte Ägyptische Museum im Herzen Kairos - und sogar das Hauptquartier der Polizei.

Die Armee war schon immer entscheidend für das Schicksal des Pharaonen-Staats: 1952 war es eine kleine Gruppe von Elite-Offizieren, die Bewegung der "Freien Offiziere", die den 1936 inthronisierten König Faruk stürzten. An die Staatsspitze rückten zunächst General Ali Muhammad Nagib, dann der Kopf der Revolution, Oberst Gamal Abdel Nasser. Auch deren Nachfolger, Anwar al-Sadat sowie Husni Mubarak, waren Militärs. "Ägypten ist ganz klar ein Land unter Militärherrschaft", sagt Steven Cook vom Council on Foreign Relations.

Mubarak ist zwar bis heute Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Doch ob die Generalität seinen Befehlen Folge leisten und ihre Truppen entsprechend einsetzen, davon hängt das Schicksal der Herrschers vom Nil ab. In Tunesien hatte Staatschef Ben Ali seinem Armeekommandeur Rachid Ammar die blutige Niederschlagung befohlen, doch der General verweigerte den Befehl. Ben Ali wollte den Armeechef absetzen, doch weil die Armee nicht gegen die Demonstranten vorrückte und stattdessen die Polizei an ihrem brutalen Einsatz hinderte, musste Ben Ali Hals über Kopf sein Land verlassen.

Allerdings ist Tunesiens Armee mit 36 000 Angehörigen vergleichsweise klein. Ägyptens Streitkräfte sind mit mehr als 460 000 aktiven Soldaten und Offizieren sowie 480 000 Reservisten die größte Streitmacht Nordafrikas und die zehntgrößte der Welt. Die Armee ist auch deutlich größer als die Spezialeinheiten der Polizei, die rund 350 000 Mann zählen, sowie die 22 000 Mann starke Präsidentengarde. Und Ägyptens Soldaten wurden bereits zweimal - 1977 und 1986 - zum Niederschlagen einer Hungerrevolte und später gegen Lohnerhöhungs-Streiks anderer Sicherheitskräfte eingesetzt.

"Niemand weiß jetzt genau, was die Armee wirklich will", sagt Michael Wahid Hanna, Ägypten-Experte bei der amerikanischen Century Foundation. "Aber die meisten Ägypter sehen die Armee als einzige Hoffnung, dass Mubarak die Inthronisierung seines verhassten Sohnes Gamal als Nachfolger im Präsidentenamt verhindert." Ein Überlaufen der Armee auf die Seite der Demonstranten wäre - wie im Fall Tunesiens - das sichere Ende Mubaraks.

Deshalb traf der Staatschef gestern führende Militärkommandeure in Kairo. Während draußen Zehntausende Ägypter seinen Rücktritt forderten, beriet er mit den Militärs das weitere Vorgehen. Am Ende der Sitzung wurde nicht wie sonst üblich ein Kommuniqué veröffentlicht. Die Frage über das weitere Vorgehen der Armee bleibt offen.

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