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17.01.2011

17:12 Uhr

Richard Bitzinger

„Peking hat phänomenal aufgeholt“

VonRüdiger Scheidges

Wird China jetzt auch im militärischen Bereich ein ernsthafter Konkurrent für die USA? Im Handelsblatt-Interview spricht der frühere CIA-Agent Richard Bitzinger über Pekings Aufrüstungspolitik und die Modernisierung der chinesischen Luftwaffe.

Richard Bitzinger ist ein Beobachter der chinesischer Rüstungspolitik. Pressebild

Richard Bitzinger ist ein Beobachter der chinesischer Rüstungspolitik.

Handelsblatt: Nach dem Testflug des Tarnkappenbombers J-20 wächst die Sorge über Chinas Expansionsgelüste. Wie bedrohlich ist Chinas Rüstungsprogramm?

Richard Bitzinger: Wir waren zwar alle vom Design der J-20 sehr überrascht. Bisher haben wir aber nichts gesehen, was uns Sorge bereitet. Der erste Testflug hat ohnehin keine große Bedeutung. Die Chinesen brauchen jetzt mindestens fünf Jahre für die weitere Entwicklung und Erprobung, dann sind weitere drei Jahre für die Produktion anzusetzen. Alles in allem gehe ich davon aus, dass die J-20 erst zwischen 2018 und 2020 einsatzbereit sein wird.

Handelsblatt: Sie geben also allgemeine Entwarnung?

Bitzinger: Nein, durchaus nicht. China hat durch die Aufrüstung der letzten zehn Jahre phänomenal aufgeholt - und so der globalen US-Hegemonie heute schon etwas entgegenzusetzen. Im Zentrum steht jedes Jahr ein zehnprozentiger Anstieg des Rüstungsbudgets. Das hat die politische Führung in Peking den Militärs garantiert. Diese Garantie gilt - anders als im Westen - auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Handelsblatt: Das Rüstungsprogramm erhält also nationale Priorität?

Bitzinger: So kann man es formulieren. Das ist allerdings keine neue Erkenntnis. Der Beginn des Modernisierungsschubs in der chinesischen Rüstungsindustrie fällt in die frühen 90er-Jahre. Damals wurden die ersten Beschlüsse gefasst, seit zehn Jahren werden sie forciert. Wir sind also nicht mit einem aktuellen Trend konfrontiert - und auch nicht mit einem Endzustand.

Handelsblatt: Wie reagieren die USA auf Chinas Aufrüstung?

Bitzinger: Der US-Konzern Lockheed Martin wird sich freuen. Das Unternehmen darf bisher ja den US-Tarnkappenjet F-22 nicht exportieren. Das könnte sich ändern - und Lockheed Martin einen großen Aufschwung bringen. Japan hat gerade erst signalisiert, dass es starkes Interesse hat, den Jet zu kaufen.

Handelsblatt: Steht der Tarnkappenbomber J-20 für den Beginn eines neuen Rüstungswettlaufs?

Bitzinger: Warten wir es mal ab. In den letzten zehn Jahren hat jede neue technisch-militärische Entwicklung der Chinesen im Westen kaum mehr als ein Schulterzucken hervorgerufen. Jetzt, nach dem Testflug des J-20, schreien plötzlich im Westen alle auf. Vielleicht ist der Tarnkappenbomber ja der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Handelsblatt: Gewinnt das Militär aufgrund des neuen Waffensystems an Macht?

Bitzinger: Die Volksbefreiungsarmee hat schon seit dem Tiananmen-Aufstand im Jahr 1989 ihr politisches Gewicht erhöht. Die nationale Verteidigung genießt absolute Priorität. Hinzu kommen die Erfahrungen mit den Golfkriegen und das damit verbundene Gefühl: Die USA üben eine globale technologische Hegemonie aus, die auch die technologische, wirtschaftliche und strategische Position Chinas gefährdet.

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