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26.08.2014

12:22 Uhr

Riesige Datenbanken

US-Geheimdienst NSA baut eigene Suchmaschine

Der US-Geheimdienst NSA soll eine eigene Suchmaschine gebaut haben, die Zugriff auf rund 850 Milliarden Datensätze hat. Zugang zu dieser Suchmaschine haben nicht nur die Analysten der NSA, sondern auch anderer Behörden.

Experten der NSA sollen laut Medienbericht eine Suchmaschine gebaut haben, die Zugriff auf rund 850 Milliarden Datensätze hat. dpa

Experten der NSA sollen laut Medienbericht eine Suchmaschine gebaut haben, die Zugriff auf rund 850 Milliarden Datensätze hat.

WashingtonDer amerikanische Geheimdienst NSA hat einem Bericht zufolge seine eigene, „Google-ähnliche“ Suchmaschine gebaut. Damit können Mitarbeiter mehrerer US-Geheimdienste und Ermittlungsbehörden die riesigen Datenbanken der NSA durchsuchen, berichtete die Webseite „The Intercept“ in der Nacht zu Dienstag.

Die Webseite beruft sich auf Unterlagen von Edward Snowden. Demnach können Analysten mit Hilfe der Suchmaschine auf 850 Milliarden Datensätze zugreifen. Darunter seien Daten über E-Mail-Kommunikation, SMS, Chat-Nachrichten und Aufenthaltsorte, die von der NSA gesammelt werden.

Die Suchmaschine namens „ICREACH“ bietet dem Anwender ähnlich wie Google einen einfachen Suchschlitz zur Eingabe einer Suchanfrage. Im Gegensatz zu Google sammelt die NSA die Informationen nicht durch Softwareroboter, die sich durch das öffentliche Netz bewegen, sondern bezieht die Informationen aus einer Reihe von geheimen Datenbanken.

Bei „ICREACH“ könnten Geheimdienstler und Ermittler etwa eine E-Mail-Adresse oder eine Telefonnummer von Verdächtigen eintippen und erhielten dann beispielsweise eine Übersicht der Telefonate, die von dieser Nummer aus getätigt wurden. Die Daten stammten offenbar vor allem aus ausländischen Überwachungsprogrammen der NSA, sie könnten aber auch Informationen über US-Bürger enthalten, schrieb die Webseite.

Wie die NSA das Internet überwacht

Immer neue Enthüllungen

Seit Sommer 2013 kommen immer neue Details über Spionageaktivitäten von Geheimdiensten im Internet ans Licht. Sie basieren auf Dokumenten, die der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden an Journalisten übergab. Ein Überblick über die zentralen Erkenntnisse.

Prism

Prism: Der Name stand zunächst für die gesamte Affäre, umfasst aber nur einen Teil des Repertoires der NSA. Über Prism hat der Überwachungsdienst Zugriff auf Nutzerdaten großer US-Internetfirmen, darunter Google, Yahoo, Microsoft und Facebook. Ein Geheimgericht ordnet die Herausgabe der Informationen an. Das seien etwa Inhalte von Mails, Suchanfragen oder Chats, berichtete die britische Zeitung „Guardian“. Die Firmen sind zum Stillschweigen verpflichtet. Die Internetriesen streiten vor Gericht dafür, mehr Details veröffentlichen zu dürfen.

Tempora

Tempora hießt ein Programm des britischen Dienstes GCHQ. Der GCHQ arbeitet eng mit der NSA zusammen. Gemeinsam mit Australien, Neuseeland und Kanada bilden die Länder die Allianz der «Five Eyes», («Fünf Augen»), in der Informationen ausgetauscht werden. Unter dem Codenamen Tempora soll der GCHQ mehr als 200 Glasfaserkabel anzapfen, über die Daten um die Welt rasen. So habe der GCHQ Zugriff auf den Internetverkehr, der über die angezapften Kabel läuft.

Xkeyscore

Die gewaltigen Datenmengen, die die NSA sammelt, müssen irgendwie ausgewertet werden. Dazu dient die Software XKeyscore. Damit können NSA-Analysten wie Snowden die Datenberge nach Verdächtigen durchsuchen. Der deutsche Bundesnachrichtendienst setze ebenfalls eine Version von XKeyscore ein, berichtete „Der Spiegel“.

Verschlüsselung aushebeln

Wenn Daten verschlüsselt durchs Netz geschickt werden, können Geheimdienste nicht einfach so mitlesen. Doch NSA und GCHQ können Medienberichten zufolge mehrere gängige Verschlüsselungstechniken knacken oder aushebeln, darunter die oft eingesetzt SSL-Technologie. Es ist allerdings unklar, welche Techniken genau in welchem Maße für die Dienste zugänglich sind.

Anonymität aufheben

Auch das Anonymisierungsnetzwerk Tor, mit dem Nutzer ihre Spuren im Netz verwischen können, war Spionageziel der NSA. Der Geheimdienst schaffte es allerdings wohl nicht, das Netzwerk direkt zu knacken.

Überwachung ausländischer Staatschefs

Nicht nur Angela Merkels Handy geriet offenbar ins Visier der NSA. Der „Guardian“ berichtete, der Nachrichtendienst habe Telefone von 35 Spitzenpolitikern überwacht. Auch die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff und ihr mexikanischer Kollege Enrique Peña Nieto seien ausgespäht worden.

Angriff auf Google und Yahoo

Die NSA konnte laut der „Washington Post“ den Datenverkehr zwischen den Rechenzentren der beiden Internet-Riesen abgreifen. In den Rechenzentren werden Informationen aus E-Mail-Diensten, Suchanfragen oder Dokumente der Nutzer gespeichert. Inzwischen sollen die Daten auch zwischen den Rechenzentren verschlüsselt unterwegs sein.

Ein Sprecher der Geheimdienste erklärte, mit der Suchmaschine solle der Informationsaustausch zwischen den Behörden befördert werden. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2011 war der schlechte Kommunikationsfluss zwischen den verschiedenen Diensten ein großer Kritikpunkt gewesen.

Mit Stand 2010 hätten Mitarbeiter von 23 US-Behörden auf „ICREACH“ Zugriff gehabt, heißt es in dem Bericht. Darunter seien Geheimdienste wie die CIA, aber auch nationale Behörden wie die Drogenfahndung DEA und die Bundespolizei FBI. In den Dokumenten werden nicht alle Behörden aufgeführt. Ein Sprecher der Geheimdienste habe es abgelehnt, „The Intercept“ die Namen aller beteiligten Stellen zu nennen.

In den USA könnte das brisant werden, weil der Auslandsgeheimdienst NSA seine Informationen eigentlich nicht ohne weiteres mit nationalen Behörden teilen darf. Die nationalen Ermittler müssen nämlich strengere Vorgaben erfüllen, wenn sie Beweise vor Gericht vorlegen wollen.

Suchanfragen dürften nur die Geheimdienst-Mitarbeiter stellen, die auf Dokumente der Sicherheitsstufe „streng geheim“ zugreifen dürfen. Sie müssten vorher für die NSA-Suchmaschine freigeschaltet werden. Einen ersten Prototyp der Suchmaschine gab es 2007.

Ein veröffentlichtes Diagramm legt nahe, dass auch Informationen durchsucht werden können, die von den Geheimdiensten aus Großbritannien, Australien, Kanada und Neuseeland gesammelt wurden. Mit diesen vier englischsprachigen Länder arbeiten die USA im Geheimdienstbündnis „Five Eyes“ eng zusammen. Der Name „ICREACH“ deutet darauf hin, dass die Suchmaschine für die Nachrichtendienste („Intelligence Community“ oder IC) gedacht ist. Zur „Intelligence Community“ zählen 16 US-Behörden.


Von

dpa

Kommentare (2)

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Herr Wolfgang Trantow

26.08.2014, 14:12 Uhr

Die Amis machen etwas für ihre Bürger!! Deutsche Politiker machen genau das gegenteil!!!

Herr Clemens Keil

27.08.2014, 09:44 Uhr

Ist ja ganz nett, dass die Medien jetzt über eine weitere mittlerweile erwartbare Fähigkeit der NSA informieren. Interessanter wäre, den wichtigeren Fragen endlich auf den Grund zu gehen. Warum schweigen die Kirchen trotz der massenhaften Verletzung der 10 Gebote?
Warum haben sich Gewerkschaften bisher nur aus dem Blickwinkel der Pressefreiheit geäußert?
Warum ist - trotz der Wirtschaftsspionage - die einzige Sorge der Wirtschaftsverbände das Klima der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen?
Warum beschränken sich unsere Kulturschaffenden auf Unterschriftensammlungen und offene Briefe?
Warum irrlichtern unsere Politiker durch die Affäre und sehen Demokratie und Rechtsstaat eher als Behinderung für Wirtschaft und Sicherheit (ein Lehrstück für das Erzeugen von Politikverdrossenheit)?
Warum gibt es keine öffentliche Diskussion, wie verbindliche Regelungen, die den Menschen- und Freiheitsrechten wieder absoluten Vorrang einräumen und den sicherheitsbedingten Maßnahmen enge, richterlich und parlamentarisch überwachte Grenzen setzen, aussehen sollten?
Warum wird nicht die Erpressbarkeit (aufgrund des Abhörens) der deutschen Elite in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft thematisiert (Exkanzler Brandt ist seinerzeit deswegen zurückgetreten) ? Befindet sich unsere Regierung überhaupt noch auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung?

All dies wurde und wird von den Medien nicht hinreichend hinterfragt.
Welch ein Versäumnis!
Mein Urteil: auch die Medien haben versagt!
Nehmt Euch mal ein Beispiel an Sigismund Ruestig:


http://youtu.be/v1kEKFu6PkY

http://youtu.be/pcc6MbYyoM4

http://youtu.be/_a_hz2Uw34Y

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