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14.05.2013

14:07 Uhr

Risikofaktor Tschernobyl

„Einsturz des Sarkophags nicht auszuschließen“

VonStefan Kaufmann

ExklusivExperten beklagen den Zustand der Atomruine von Tschernobyl und kritisieren, dass elf Reaktoren baugleichen Typs noch am Netz sind. Mängel gibt es auch an AKW in der EU. Ein neues Gesetz zur Atomsicherheit ist geplant.

Eine Außenaufnahme von 1999 zeigt den Sarkophag, der in Tschernobyl bis heute den Reaktor 4 umgibt. ap

Eine Außenaufnahme von 1999 zeigt den Sarkophag, der in Tschernobyl bis heute den Reaktor 4 umgibt.

DüsseldorfDas Bundesumweltministerium zeigt sich besorgt über den Zustand der Atomruine von Tschernobyl. Auf dem Gelände war im Februar das Dach einer Maschinenhalle unter Schneemassen eingestürzt. Das ukrainische Zivilschutzministerium meldete, es sei keine Radioaktivität ausgetreten – dennoch wurden französische Arbeiter sicherheitshalber abgezogen. In dem Bericht des Umweltministeriums, der Handelsblatt Online vorliegt, heißt es zu dem Vorfall: Zwar seien die die Schwachstellen bekannt und Stabilisierungsmaßnahmen geplant gewesen, „im Ergebnis des Evaluierungsprozesses wurde jedoch schließlich auf der Basis von durchgeführten Abschätzungen auf diese verzichtet.“ Kritische Stimmen hätten darauf verwiesen, dass „die Zuständigen im KKW Tschernobyl und in der Regierung wegen fehlender Finanzmittel notwendige Instandsetzungsmaßnahmen unterlassen (Einsparungen) und auch die Kontrolle des Sarkophags und des havarierten Blockes zu stark vernachlässigt hätten.“

Grundsätzlich, so das Fazit der Untersuchung, „können auch in anderen Bereichen des Blockes 4 des KKW Tschernobyl Schäden am Baukörper nicht ausgeschlossen werden. (...) ein Einsturz des Sarkophags, der zu einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen in die Umgebung des Standorts führen würde, (kann) nicht ausgeschlossen werden.“

Der Bericht war auf Anfrage von Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, erstellt worden. „Offensichtlich gibt es viele ernstzunehmende Sicherheitsdefizite in Tschernobyl, die aus Geldmangel nicht behoben, sondern immer schlimmer werden“, sagt sie im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Es muss sich endlich darum gekümmert und kontrolliert werden, dass das Geld zielgerichtet verwendet wird. Sonst wird es auch schwierig, zusätzliches Geld aufzutreiben.“

Die Atom-Kehrtwende und der Weg zum Ausstieg

12. März 2011

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigt Sicherheitschecks für die 17 deutschen AKW an.

14. März

Merkel will die längeren Laufzeiten für die deutschen AKW für drei Monate aussetzen.

15. März

Nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der Länder mit Atomstandorten kündigt Merkel plötzlich an, dass die sieben vor 1980 gebauten AKW bis zum 15. Juni abgeschaltet werden.

22. März

Die Regierung beauftragt mit der Klärung technischer Fragen die Reaktorsicherheitskommission (RSK). Eine Kommission unter Führung des früheren Umweltministers Klaus Töpfer und des Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Matthias Kleiner, soll klären, welches Risiko für die Gesellschaft ethisch vertretbar ist.

31. März

Die RSK stellt ein umfangreiches AKW-Prüfprogramm vor.

1. April

RWE reicht beim Verwaltungsgerichtshof Kassel Klage gegen die vorübergehende Abschaltung des AKW Biblis A in Hessen ein.

8. April

RWE, Eon, Vattenfall und EnBW kündigen an, dass sie die Millionen-Zahlungen in den Fonds zum Ausbau der erneuerbaren Energien einstellen, da diese an die Laufzeitverlängerung gekoppelt seien.

15. April

Gespräch von Merkel mit allen Ministerpräsidenten zur Energiewende. Unklar ist, wie die Milliardenkosten zu stemmen sind.

9. Mai

Merkel einigt sich mit der Opposition auf einen Fahrplan, das Parlament bekommt mehr Zeit für die Beratungen, der Bundesrat soll erst im Juli entscheiden.

10. Mai

Die Ethikkommission schlägt in einem Entwurf für den Abschlussbericht einen Atomausstieg bis spätestens 2021 vor.

15. Mai

Nach der CDU nennt auch die FDP in einem Energiekonzept kein festes Ausstiegsdatum, sondern will es abhängig machen von der Entwicklung bei den erneuerbaren Energien. Die CSU ist für 2020.

17. Mai

Abschlussbericht der Reaktorsicherheitskommission.

28. Mai

Abschlussbericht der Ethik-Kommission.

30. Mai

Übergabe an die Regierung.

Bis Juni

Abhängig von möglichen AKW-Stilllegungen soll es eine Anpassung des Atomvertrags mit den Energieunternehmen geben, der die Höhe der Atomsteuer und der Zahlungen in den Ökofonds regelt.

6. Juni

Das Kabinett will die Gesetze zum Atomausstieg und zur beschleunigten Energiewende beschließen.

15. Juni

Ende des Atommoratoriums. Auch wenn der Ausstieg bis dahin nicht von Bundestag und Bundesrat beschlossen sein wird, wollen die AKW-Betreiber die stillgelegten AKW nicht wieder hochfahren.

30. Juni

Beschluss des Bundestags.

8. Juli

Der Bundesrat entscheidet über das Gesetzespaket.

Außerdem will sie EU-Kommissionspräsident Günther Oettinger schriftlich auffordern, den Druck auf die russische Regierung zu erhöhen, um die Stilllegung von Reaktoren, die dem Tschernobyl-Typ entsprechen, zu erreichen. Das Schreiben soll noch heute rausgehen. Damit kam sie einer Empfehlung von Wladimir Kuznetsov nach. Der Direktor des Nuklear- und Strahlungssicherheits-Programms von Green Cross Russland hatte im Umweltausschuss vorgesprochen und teilte auf Nachfrage von Handelsblatt Online mit: „Es laufen in Russland noch elf solcher Blocks. Um den Betrieb zu stoppen, sollte Deutschland und die EU politischen und wirtschaftliche Druck auf Russland ausüben.“

Auch für Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte von Greenpeace, ist es „schockierend, dass immer noch elf Reaktoren dieses Typs in Betrieb sind“. Er verweist auch auf die Widersprüchlichkeit: „Zum einen wird der Reaktortyp für den Unfall verantwortlich gemacht und dann lässt man andere Reaktoren gleichen Typs laufen.“ Den Verhandlungsspielraum der EU außerhalb der eigenen Grenzen hält er allerdings für gering.

Kommentare (10)

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vandale

14.05.2013, 14:53 Uhr

In Russland sind in der Tat 11 RBMK Reaktoren in Betrieb. Erst kürzlich hat man die Betriebserlaubnis für die Kraftwerke verlängert. 1 weiterer Block befindet sich im "Bau" wobei die Aktivitäten eingeschlafen sind.

In Litauen gab es 2 RBMK Kernkraftwerke. Diese wurden zunächst mit Unterstützung der EU nachgerüstet. Dabei hat man die Schwachstellen des RBMK Konzepts, Steuerstäbe mit Graphitspitzen, zu langsame Verfahrgeschwindigkeit der Steuerstäbe, positiver Temperaturkoeffizient im unteren Leistungsbereich beseitigt. Leider hat die EU dennoch wegen des fehlenden Containments auf einer Stilllegung bestanden.

Das RBMK Konzept ist sicherlich, wie man in Tschernobyl gesehen hat, das unvollkommendste Kernkraftkonzept das grosstechnisch realisiert wurden. Verglichen mit allen anderen Reaktorkonzepten schneidet das RBMK Konzept sehr schlecht ab.

Verglichen mit der in der Ukraine geförderten Kohle die jährlich das Leben 1000ender Bergleute durch Staublunge und Unfälle fordert sind diese Reaktoren sehr sicher. Auch im Vergleich zu solch gefährlichen Techniken wie Solarzellen und Windmühlen sind die RBMK Kernkraftwerke sicherer.

Vandale

vandale

14.05.2013, 15:05 Uhr

Die EU gibt sehr viel Geld aus um einen neuen Sarkophag für den verunfallten Kernreaktor in Tschernobyl zu bauen.

Russen, Weissrussen und Ukrainer stehen an der Seitenlinie und sehen interessiert zu, bzw. geben kein Geld für diese Aktivität aus.

Die Konsequenzen eines Einsturzes des Sarkophags wäre eine Freisetzung grösserer Mengen radioaktiven Staubs. Der Unfall fand 1986 statt. Die Radioaktivität des Staubs ist demzufolge auf einen Bruchteil des seinerzeitigen Inventars zurückgegangen. Deshalb ist das Interesse der Anrainerstaaten an dem neuen Sarkophag gering.

Bei nassem regnerischem Wetter wäre das auch in Westeuropa ein Nichtereignis. Bei Westwinden müsste das gleichfalls niemanden interessieren. Das bedeutet lediglich ein Einsturz bei trockenem Wetter mit Ostwinden könnte eine Oekopanik in Europa ausgelöst werden die diese Geldausgabe rechtfertigt.

Vandale

Dilling

14.05.2013, 15:46 Uhr

Auch die religiös angehauchten Atomlobbyisten kommen nicht umhin, die derzeitige Situation und damit den Zustand des Sarkophags in Tschernobyl, als kritisch einzustufen. Eine erneute Freisetzung von radioaktiven Stoffen, und dies wäre im worst case durchaus zu erwarten, gilt es unter allen Umständen zu verhindern.

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