Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.04.2014

20:13 Uhr

Ruanda

Ökonomie der Versöhnung

VonJulia Rotenberger

Vor 20 Jahren hatte sich die Welt aus Ruanda verabschiedet. In dem kleinen Land in Zentralafrika tobte ein brutaler Völkermord. Heute gilt es als eine der Vorzeigeökonomien des Kontinents.

Im Stadion spielen Tänzer das nach, was Ruandern in den vergangenen 150 Jahren wiederfahren ist: die Kolonialisierung durch Europäer, dann die Massenmorde von 1994. dpa

Im Stadion spielen Tänzer das nach, was Ruandern in den vergangenen 150 Jahren wiederfahren ist: die Kolonialisierung durch Europäer, dann die Massenmorde von 1994.

KigaliIn Ruanda ist eine stille Woche angebrochen. Geschäfte sind nur halbtags offen, Busse und Taxis fahren selten. Nur ab und zu ist das Brummen von Motorradtaxis zu hören. Viele Arbeiter haben sich Urlaub genommen oder lassen sich krankschreiben. Im Amahoro-Stadion in Kigali haben sich am Montag mehr als 30.000 Menschen zusammengefunden.

Sie tragen Grau, die Farbe der Asche und Farbe der Trauer und wollen jener gedenken, die vor 20 Jahren Opfer eines brutalen Völkermordes wurden. Mit Keulen, Buschmessern und Macheten ging 1994 die Volksgruppe Hutu auf die Tutsi-Minderheit los. Die Angreifer töteten so schnell und effizient, dass deren Mordrate jene der Nazis übertraf. Nur 100 Tage haben sie gebraucht, um fast eine Million Menschen zu vernichten.

Im Stadion spielen Tänzer das nach, was Ruandern in den vergangenen 150 Jahren wiederfahren ist: die Kolonialisierung durch Deutsche, Belgier und schließlich Franzosen, dann die Massenmorde von 1994. Als die ersten Tänzer theatralisch zu Boden fallen, ertönen von den Tribünen Schreie.

Es ist kein Weinen, sondern das Kreischen der Traumatisierten, die sich durch das Spektakel an die eigenen Erlebnisse erinnern. Einer nach dem anderen wird aus dem Stadion getragen zu den Sanitätern, die sich bereithalten. Dann laufen als RPF-Soldaten verkleidete Tänzer ins Stadion. RPF, die Ruandische Patriotische Front marschierte 1994 unter der Führung des heutigen Präsidenten Paul Kagame in Ruanda ein und beendete den Genozid.

Die Geschichte des Genozids

Die Volksgruppen

Unter den afrikanischen Ländern ist Ruanda einzigartig, was die Zusammensetzung der Bevölkerung betrifft. Die knapp zwölf Millionen Einwohner sprechen eine Sprache: Kinyarwanda. Bevor das Land 1899 von Deutschen kolonialisiert wurde, lebten die Ruander in 18 verschiedenen Klans. Diese Klans bestanden aus drei sozialen Gruppen: Hutu, Tutsi und Twa. Diese unterschieden sich hauptsächlich nach der Art der Beschäftigung. Während die Tutsi überwiegend Vieh züchteten, waren Hutu oft Ackerbauer und die Twa Handwerker.

Die Spaltung

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland seine Kolonie und Ruanda wurde Herrschaftsgebiet der Belgier. Diese interpretierten die Zugehörigkeit der Ruander zu den einzelnen Gruppen gemäß einer Rassenideologie, die die Überlegenheit der Tutsi propagierte. Ab 1933 wurde die Diskriminierung amtlich. Auf dem Ausweispapier jedes Ruanders wurde die Zugehörigkeit zu einer Gruppe verzeichnet. Über die Zugehörigkeit entschied oft schon die Anzahl der Kühe, die jemand besaß: Wer mehr als 15 Kühe im Stall hatte, war Tutsi. Sie wurden von den Kolonialherren besser behandelt und erhielten bessere Bildung.

Der Wandel

In den 1950er-Jahren wurde Ruanda dekolonialisiert. Die Belgier wechselten die Seiten: Nun wurden Hutu zunehmend auf Eliteposten befördert. 1962 erlangte Ruanda die Unabhängigkeit. Präsident wurde Grégoire Kayibanda. In folgenden Jahrzehnten etablierte dieser eine straffe Hutu-Diktatur. Die Tutsi, die in dem Land lebten, wurden wiederholt Opfer von Gewalt. Viele flohen in die Nachbarländer Kongo, Uganda und Tansania.

Der Krisenstaat

Durch einen Putsch gelangte der General Jevénal Habyarimana 1973 an die Macht. Dieser herrschte mit Hilfe seiner Einheitspartei Einheitspartei Mouvement républicain national pour le développement (MRND). Deren Macht bröckelte jedoch zunehmend in den 1980er-Jahren, wegen fallender Rohstoffpreise geriet das Land in eine wirtschaftliche Krise. Ein Konflikt zwischen der Regierung und Tutsi-Flüchtlingen aus der Diaspora, die die RPF, die Ruandische Patriotische Front, bildeten, stürzte das Land in einen Bürgerkrieg. Dieser Endete 1993 mit dem Friedensvertrag von Arusha, bei dem beide Seiten Zugeständnisse machen sollten. Allerdings hatten große Teile der Hutu-Regierung kein Interesse daran, dass der Vertrag tatsächlich in Kraft trat.

Die Vorbereitung

Stattdessen radikalisierten viele Hutus. Die rechtsextremistische Hutubewegung „Hutu-Powrer“ entstand. Im ganzen Land wurden Hassbotschaften über den rechtsextremistischen Radiosender der Regierung verbreitet. Die Tutsi-Minderheit wurde in darin entmenschlicht und als Inyenzi – Kakerlaken – bezeichnet.

Der Auslöser

Am 6. April 1994 wurde das Flugzeug des Präsidenten Habyarimana kurz vor der Landung in Kigali abgeschossen. Eine halbe Stunde später begann das Morden. Im Verlauf der folgenden Hundert Tage wurden mithilfe der lokalen Hutu-Bevölkerung rund 800000 Tutsi getötet. Die Methoden waren brutal: Oftmals waren die Angreifer mit wenig mehr als dem Feldwerkzeug – Keulen, Macheten, Buschmesser – ausgerüstet. Viele der Verfolgten flüchteten sich in die Kirchen, wurden dort aber ebenfalls getötet.

Die Rolle der Uno

Trotz der Morde scheute sich die Internationale Gemeinschaft, einzugreifen. Nachdem beim Ausbruch der Gewalt 10 belgische Uno-Soldaten getötet wurden, reduzierte die Uno ihre ursprünglich 2500-Mann starke Friedensmission auf gerade Mal 270 Mann. Diplomaten und NGO-Mitarbeiter wurden evakuiert. Nur wenige internationale Organisationen, etwa das Rote Kreuz, blieben im Land. Erst im Sommer, nachdem der Genozid vorbei war, betraten internationale Truppen erneut das Land.

Die Rolle der RPF

Die Ruandische Patriotische Front (RPF) war eine Rebellenarmee, die unter der Führung des späteren Präsidenten Paul Kagame nach und nach die Provinzen Ruandas eroberte und der es schließlich gelang, den Völkermord zu beenden. Die Rebellenarmee nahm zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vor.

Die Menschen applaudieren, die Geschichte der Retter wird zum Heldenepos. Der Armeegeist des seit 2000 amtierenden Präsidenten Paul Kagame ist auch bei der Gedenkfeier präsent. Kagame nutzt die Gelegenheit, der Welt zu zeigen: Wir brauchen euch nicht. Sein Gesicht zeigt kaum Regung, als er zu den Menschen spricht: monoton, in klarem Englisch.

Afrikaner sollen nicht länger diejenigen sein, von denen die Welt nur das Geringste erwartet. „Am Ende müssen wir für uns selbst verantwortlich sein.“ Politikern aus dem Westen gegenüber zeigt sich Kagame kühl. Frankreich hat keine Delegation zu den Feiern entsandt. Zwar schätze Ruanda die Hilfe seiner ausländischen Freunde, sagt Kagame. „Aber eben weil wir glauben, dass sie uns nichts schulden.“

Kommentar: Ruandas Boom hat seinen Preis

Kommentar

Ruandas Boom hat seinen Preis

Ruanda gilt 20 Jahre nach dem Völkermord als Afrikas Vorzeige-Ökonomie. Hohes Wachstum, moderne Infrastruktur, niedrige Kriminalität – das Land macht eine erstaunliche Entwicklung durch. Doch die hat ihre Schattenseiten.

Wer durch Kigali fährt, sieht, worauf das Selbstbewusstsein Kagames beruhen mag. 20 Jahre nach den Gräueltaten hat sich das Land zum Ziel gesetzt, die Vorzeigevolkswirtschaft Afrikas zu werden, ähnlich wie Singapur in Asien. In Kigali fahren teure Geländewagen auf glatten, asphaltierten Straßen vorbei an glänzenden Wolkenkratzern und frisch verputzten, ummauerten Villen, an Grünflächen, die kaum einer der Einwohner zu betreten darf.

Neben den NGOs haben sich Unternehmensberatungen angesiedelt. Straßenverkäufer bringen tropische Früchte und Handy- Guthabenkarten an ihre Kundschaft. Abnehmer finden sie genug: Während vor fünf Jahren gerade einmal ein Viertel der Ruander ein Handy benutzte, sind es heute mit 6,7 Millionen Menschen rund 64 Prozent der Bevölkerung.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×