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13.06.2011

20:19 Uhr

Run auf IWF-Chefposten

Aufruhr auf den billigen Plätzen

VonJohannes C. Bockenheimer

ExklusivDie IWF-Kandidaten der Schwellenländer wollen sich nicht länger von Brüssel bevormunden lassen. Israels Kandidat für den Chefposten beim Währungsfonds, Stanley Fischer, spricht Klartext.

Hofft auf den IWF-Chefposten: Israels Zentralbankchef Stanley Fischer. Quelle: dpa

Hofft auf den IWF-Chefposten: Israels Zentralbankchef Stanley Fischer.

Startschuss für die Neubesetzung des IWF-Chefpostens: Die Bewerbung für die Dominique-Strauss-Kahn-Nachfolge musste am Wochenende formal eingereicht werden. Neben Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde haben Israels Zentralbankchef Stanley Fischer und der Mexikaner Agustín Carstens Anspruch auf den Posten erhoben.

Dabei wollen sich die Kandidaten aus den Schwellenländer nicht von Brüssels Wunschkandidatin abbügeln lassen und finden Unterstützung auch in den entwickelten westlichen Ländern: „Die Tradition, dass der IWF-Posten ausschließlich für einen Europäer reserviert ist, muss beendet werden“, sagte Stanley Fischer dem Handelsblatt. „Ich hoffe, dass sich die Europäer diesmal an ihre früheren Versprechen erinnern.“ Fischer argumentiert damit ähnlich wie China, Brasilien und Indien, die bereits in einem gemeinsamen Schreiben ihrem Unmut über die Besetzungspraxis beim IWF Luft gemacht und ein stärkeres Mitspracherecht eingefordert hatten.

Während sich Fischers IWF-Kritik noch sanft ausnimmt, wird andernorts schärfer formuliert. Zuständig für die Abteilung Attacke: der mexikanische Zentralbankchef Agustín Carstens. Der 53-Jährige glaubt, dass mit einem europäischen IWF-Chef weder die Nachwehen der Weltwirtschaftskrise noch das Schuldendrama vor der eigenen Haustür beseitigt werden: „Nach drei Jahren mit einem Europäer an der IWF-Spitze ist die Krise nicht gelöst“, polterte der Mexikaner in Richtung Europa.

Vor wenigen Tagen ließ der mexikanische Kandidat Agustín Carstens die Presse wissen, dass für den künftigen IWF-Chef ökonomischer Sachverstand von „höchster Bedeutung“ sei. Mit der Bemerkung hob Carstens, der als genialer Ökonom gilt, nicht nur die eigenen Fähigkeiten hervor, sondern teilte ordentlich gegen Rivalin Christine Lagarde aus.

Zwar zweifelt niemand an der Durchsetzungsfähigkeit der Französin. Ob die studierte Politikwissenschaftlerin allerdings mit dem nötigen ökonomischen Know-How für den IWF-Chefposten gerüstet ist, wird seit Wochen diskutiert.

In die gleiche Kerbe schlägt Stanley Fischer: „Ich habe beim IWF gearbeitet und kenne den privaten Bankensektor.“ Und im Gegensatz zu anderen Bewerbern auf den IWF-Chefposten, habe er in den vergangenen Jahren „umfangreiche Erfahrungen“ bei gleich mehreren Krisen sammeln können, stichelt Fischer in Richtung Lagarde.

Da waren es nur noch drei: Die Bewerber auf den IWF-Chefposten: Die französische Finanzministerin Christine Lagarde (l.), der Zentralbankchef von Mexiko, Agustin Carstens (m.) und der Gouverneur der israelischen Zentralbank, Stanley Fischer (r). Quelle: dpa

Da waren es nur noch drei: Die Bewerber auf den IWF-Chefposten: Die französische Finanzministerin Christine Lagarde (l.), der Zentralbankchef von Mexiko, Agustin Carstens (m.) und der Gouverneur der israelischen Zentralbank, Stanley Fischer (r).

Den Einwand, Lagarde gehöre zu Europas Führungselite, lässt Fischer nicht gelten: „Mir war bislang nicht bewusst, dass es dazu eine Person aus einer bestimmten Weltgegend bedarf“, sagte Fischer dem Handelsblatt. Die Europäer müssten der Realität endlich ins Auge sehen: Die Bedeutung der Schwellenländer für den globalen Markt hätte sich geändert und dementsprechend müsse sich das bei der Stimmengewichtung beim IWF bemerkbar machen.

Da Fischer sich als „Kompromisskandidat“ versteht, also auf den Fall hofft, wenn sich die Staaten nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen können, vermeidet er einen allzu harten Konfrontationskurs. Kommt die Griechenland-Krise zur Sprache, gibt er sich Fischer betont handzahm: Die Kreditvergabe an die Südeuropäer sei das notwendige Übel gewesen, um größeres Unheil von Europa und letztlich der Weltwirtschaft abzuwenden. Die Konsequenzen wären schwer abzusehen gewesen, sagte Fischer dem Handelsblatt.
Beim gleichen Thema wird Carstens wird beim gleichen Thema deutlicher. Der Zeitung „Die Welt“ sagte der 53-Jährige, mit ihm an der IWF-Spitze werde kein Geld mehr fließen, wenn Athen seine Reform-Zusagen nicht erfülle, „das Land muss jetzt die bittere Pille schlucken.“ In Brüssel macht sich Carstens, der Universität an der Universität Chicago promoviert hat und sich den streng marktliberalen „Chicago-Boys“ zurechnet, damit keine Freunde.

Doch nicht nur die Konkurrenten machen Lagarde das Leben schwer, auch über ihre eigene Vergangenheit droht die 55-Jährige zu stolpern. In Frankreich wird sie des Amtsmissbrauchs beschuldigt. Die Staatsanwaltschaft wirft der konservativen Politikerin vor, dem ehemaligen französischen Minister und Geschäftsmann Bernard Tapie 2008 im Verlauf eines Schlichtungsverfahrens eine überaus großzügige Abfindung zugestanden zu haben. Doch offensichtlich hält Paris schützend die Hand über die Ministerin: Der Gerichtshof hat die Entscheidung über die Aufnahme eines Verfahrens auf Juli verschoben – der IWF-Wahlgang ist bis dahin gelaufen.

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass die ausgebildete Anwältin mit dem Gesetz in Konflikt gerät. So gab Lagarde im vergangenen Dezember gegenüber dem „Wall Street Journal“ unumwunden zu, dass bei der Rettung Griechenlands die Staaten der Euro-Zone ganz bewusst ihr eigenes Regelwerk missachtet hätten. „Wir verletzten alle Regeln, weil wir einig auftreten und wirklich die Euro-Zone retten wollten“, sagte sie damals. „Der Vertrag von Lissabon war eindeutig. Keine Rettungsaktionen.“ Aber zu der „Übertretung“ des Vertrages habe es keine Alternative gegeben. Rund sechs Monate später steht Griechenland wieder vor dem finanziellen Abgrund.

Lagardes Mitbewerber werden es daher schwer haben. Zumindest auf eine europäische Stimme kann der Mexikaner Carstens wohl zählen – wenn auch nur unfreiwillig. Die Spanier teilen sich beim IWF ihre Stimme mit Mexiko, Venezuela und vier anderen Zentralamerikanischen Staaten. Obgleich sich Madrid zuletzt ausdrücklich für Lagarde ausgesprochen hat, werden die Iberer daher für den Mexikaner stimmen müssen. Carstens wird es wohl mit heimlicher Schadenfreude goutieren, wenn die einzige europäische Stimme für ihn ausgerechnet aus einem der EU-Krisenstaaten kommt.

Kommentare (5)

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Buerge-r

13.06.2011, 22:33 Uhr

"So gab Lagarde im vergangenen Dezember gegenüber dem „Wall Street Journal“ unumwunden zu, dass bei der Rettung Griechenlands die Staaten der Euro-Zone ganz bewusst ihr eigenes Regelwerk missachtet hätten. „Wir verletzten alle Regeln, weil wir einig auftreten und wirklich die Euro-Zone retten wollten“, sagte sie damals. „Der Vertrag von Lissabon war eindeutig. Keine Rettungsaktionen.“ Aber zu der „Übertretung“ des Vertrages habe es keine Alternative gegeben. Rund sechs Monate später steht Griechenland wieder vor dem finanziellen Abgrund."

Wenn Frau Lagarde genauso "erfolgreich" das Geld des IWF verbrät, wie das der Eurozonenmitglieder, werden die IWF-Sponsoren viel Freude mit ihr haben. Aber so ist das wohl mit Politikwissenschaftlern: ökonomische Zwänge, da stehen sie drüber. Bleibt nur zu hoffen, dass das BVerfG Handelsblatt liest - das verkürzt am 5.Juli (Verhandlung der Klagen gegen Transferschirme) müßige Diskussionen.

RoadRunner

13.06.2011, 22:45 Uhr

Israel hat doch schon den grossen Einfluss durch die US Federal Reserve und dem White House!!!

Rainer_J

13.06.2011, 23:42 Uhr

Zitat:"Aber zu der „Übertretung“ des Vertrages habe es keine Alternative gegeben. Rund sechs Monate später steht Griechenland wieder vor dem finanziellen Abgrund."

Wieso macht man überhaupt Verträge, wenn es "erlaubt" ist, diese ohne Konsequenzen zu übertreten?

In Zukunft darf kein Banküberfall mehr bestraft werden!

Nein, das war ein Tabubruch! Wer keine Verträge einhält, verdient kein Vertrauen mehr! Die EUdSSR gehört auf der Müllhalde der Geschichte(zusammen mit der Fehlkonstruktion "Eurozone")!

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