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22.12.2014

17:01 Uhr

Russische Handelspolitik

Russland schränkt Ausfuhr von Getreide ein

Die russische Föderation versucht sich an einer restriktiven Handelspolitik und verärgert Landwirte, um die Brotpreise im Land stabil zu halten. Der Wertverfall des Rubel hat die Rationierer auf den Plan gerufen.

Das Corpus Deliciti: Ein Weizenfeld. dpa

Das Corpus Deliciti: Ein Weizenfeld.

MoskauDie russische Regierung versucht, trotz Rubelverfalls und hoher Inflation die Brotpreise stabil zu halten. Regierungschef Dmitri Medwedew kündigte am Montag an, die Ausfuhr von Getreide zu beschränken: „Wir brauchen eine Mindestreserve, um die Ernährungssicherheit garantieren zu können. Es ist Zeit, über behördliche Ausfuhrbeschränkungen zu sprechen.“ Russland ist der drittgrößte Getreideexporteur der Welt.

Vize-Regierungschef Arkadi Dworkowitsch kündigte nach Angaben der russischen Nachrichtenagenturen eine Zollschranke an. Sie könne binnen 24 Stunden errichtet werden. Auf den europäischen Märkten stiegen am Montag die Kurse für Weizen.

Die russische Währung ist seit Jahresbeginn auf Talfahrt. Für Landwirte ist der Export von Getreide attraktiver als der Verkauf im eigenen Land. Auf dem Weltmarkt wird in Dollar gezahlt.

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

Was wären die Folgen?

Eingriffe in die Finanzierung würden die russische Wirtschaft querbeet treffen. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, schreiben die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB). Sollte die EU dem Beispiel der USA mit einem Verbot für die Finanzierung erster russischer Unternehmen folgen, werde dies zwangsläufig sehr schnell wirken - denn bislang hätten russische Firmen Finanzierungen in Dollar zumindest teilweise durch Finanzierungen in Euro ersetzen können.

Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?

Von Handelsverboten beispielsweise bei Rüstung und Maschinen wären natürlich die Hersteller selbst betroffen. Schon jetzt berichten Maschinenbauer über Einbrüche, obwohl es noch gar keine konkreten Schritte gibt. „Die Russen würden uns die Maschinen ja gern abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch nach Russland ausgeführt werden können“, sagt der Präsident Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um. Die mittelständische Wirtschaft fürchtet, dass ein Embargo bei uns vor allem auf Klein- und Mittelbetriebe in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektronische Erzeugnisse, Pharma und Nahrungsmittel zurückschlagen würde.

Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?

Russland hat zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land aber nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden, hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft.

Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?

Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen.

Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

Auch das ist völlig unklar. Allerdings hätte Moskau genügend Mittel für einen Gegenschlag: Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Ein Großteil der Wirtschaftsmacht des „Rohstoffgiganten Russland“ beruht auf Erdöl, Erdgas, Kohle sowie Metallen wie Nickel, Aluminium. Und genau hier könnte das Drohpotenzial liegen - theoretisch zumindest: „Nach rationalen Erwägungen würden sich die Russen stärker selbst schaden, wenn sie uns den Gashahn beginnen abzudrehen, weil sie ... von den Einnahmen daraus abhängig sind“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Donnerstag im Südwestrundfunk.

„Wir haben eine gute Ernte gehabt, aber gleichzeitig sind die Preise wegen der Schwankungen des Rubel sehr günstig, und die Ausfuhren sind stark gestiegen“, sagte Medwedew. Tatsächlich war die Getreideernte dieses Jahr eine der besten seit Jahrzehnten in Russland; die Landwirte fuhren 104 Millionen Tonnen ein. Trotz des großen Angebots stiegen die Preise aber kräftig. Medienberichten zufolge wird bereits ein Anstieg des Brotpreises um zehn Prozent erwartet.

Befürchtet wird ein komplettes Ausfuhrverbot, wie es Russland nach der sehr schlechten Ernte 2010 verhängt hatte. Landwirtschaftsminister Nikolai Fjedorow hatte entsprechende Pläne zwar vergangene Woche dementiert. Doch russischen Medienberichten zufolge stellen die Behörden nur noch vereinzelt Exportgenehmigungen aus, ohne dies zu begründen. Die staatliche Eisenbahngesellschaft informierte die Exportunternehmen zudem, dass Getreidetransporte begrenzt seien. Das Unternehmen berief sich auf "höhere Gewalt" - ohne ins Detail zu gehen.

Von

afp

Kommentare (1)

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Herr Thomas Podgacki

22.12.2014, 19:42 Uhr

Russland hatte 2014 eine Rekord Getreideernte
2013 eine mittelmäßige und
2012 eine Missernte

Neben der eigenen Voratshaltung wäre es auch möglich, daß der interne Überschuß die Brotpreise trotz
Rubelabwertung moderat halten soll.

Schönen Abend noch.

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