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09.05.2015

20:39 Uhr

Russland feiert den 9.Mai

Widersprüche zum Tag des Sieges

VonMathias Brüggmann

Russland feiert den 70. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland. Doch statt den Versuch zu unternehmen, zu einen, spaltet Kremlchef Putin weiter und sendet martialische Signale. Am Sonntag kommt Merkel nach Moskau.

16.000 Soldaten, 194 Panzer, Geschütze und Militärfahrzeuge sowie 143 Kampfjets und Hubschrauber waren an der Parade beteiligt. dpa

70. Jahrestag des Kriegsendes

16.000 Soldaten, 194 Panzer, Geschütze und Militärfahrzeuge sowie 143 Kampfjets und Hubschrauber waren an der Parade beteiligt.

MoskauMit sehr widersprüchlichen Signalen hat Russland den 70. Jahrestag des Kriegsendes begangen. Inmitten seines Volkes marschierte Russlands Präsident Wladimir Putin zum Roten Platz mit einem Fotos seines Vaters Wladimir in Uniform im Arm – wie Zehntausende Russen im ganzen Land als „Unsterbliches Regiment“. Mit dieser Aktion und den Fotos von Gefallenen und Kämpfern will der Kreml das Andenken wieder in die Herzen des Volkes bringen. Zuletzt hatten laut einer Umfrage des renommierten Lewada-Zentrums nur noch 18 Prozent den 9. Mai als persönlichen Feiertag wahrgenommen.

Nun soll der Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg, wie die Russen den Zweiten Weltkrieg nennen, wieder zum zentralen Feiertag werden – und Einigkeit zwischen Volk und Führung demonstrieren sowie eine deutliche Militarisierung betreiben. „Es ist ein Feiertag, der Junge und Alte, wie meine Mutter, die die Blockade in meiner Heimatstadt Leningrad überlebte, vereint“, pflichtete German Gref bei, Chef der Sberbank, des mit westlichen Sanktionen belegten größten Geldhauses ganz Osteuropas.

Und so hielt der Kreml allein in Moskau mit 16.000 Soldaten, 194 Panzern, Geschützen und Militärfahrzeugen sowie 143 Kampfjets und Hubschraubern die größte Militärschau in der Geschichte des Landes ab. Bei 18 weiteren Paraden in anderen Städten – wie auch dem okkupierten Sewastopol auf der Halbinsel Krim – marschierten insgesamt 85.000 Soldaten. Kremlchef Putin ließ seinem Volk dabei eine neue Waffengeneration präsentieren.

T-Shirts mit Widerstandssymbol: Wie die anderen sich erinnern

Schuld und Siege

Das Bewusstsein für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und die Schuld des eigenen Landes ist in Deutschland groß. Das Thema ist in den Schulen, den Medien und bei zahlreichen Anlässen auch für die Nachgeborenen präsent. Doch wie sehr beschäftigt es noch die junge Generation anderer Länder?

Polen

In Polen, das so lange wie kein Land unter den Deutschen litt, ist die Geschichte des Zweiten Weltkriegs auch für viele junge Menschen allgegenwärtig - nicht nur, weil überall Gedenktafeln an Besatzungsterror und Widerstand erinnern. Viele sind stolz, dass ihre Vorfahren - anders als in einigen anderen Ländern - nicht umfangreich mit den Deutschen kollaborierten und stattdessen eine Untergrundbewegung bildeten, die sowohl militärischen als auch zivilen Widerstand leistete. Das Museum des Warschauer Aufstands etwa hatte in den zehn Jahren seines bisherigen Bestehens über 4,6 Millionen Besucher, das einstige NS-Todeslager Auschwitz-Birkenau hat sogar mehr als 1,5 Millionen jährlich, darunter viele polnische Schulklassen. Und in Danzig (Gdansk) entsteht derzeit ein neues Museum zum Zweiten Weltkrieg.

Polen

Symbole aus der Zeit des Untergrundkampfes gegen die deutsche Besatzung haben auch Einzug in die Mode Jugendlicher gehalten: So tragen manche das historische Graffito-Kürzel PW für „Kämpfendes Polen“ auf dem T-Shirt, andere den Schriftzug „Warszawa 44“. Seit einigen Jahren sind zudem Comics über Widerstandskämpfer selbst bei wenig geschichtsinteressierten jungen Polen populär. Das Land sieht sich als „Wächter der Erinnerung“, wie etwa Staatspräsident Bronislaw Komorowski am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Januar betonte.

Russland

In Russland liegen beim Kriegsgedenken Stolz und Schmerz eng beisammen. Mit etwa 27 Millionen Toten erlitt die Sowjetunion 1941 bis 1945 so schwere Verluste wie kein anderes Land. Der Tag des Sieges am 9. Mai ist für viele Russen denn auch der wichtigste aller Feiertage.

Das Interesse der jüngeren Generation gilt als groß. In einer Umfrage sagten vor kurzem 87 Prozent der 18- bis 24-Jährigen, der 9. Mai sei ein Feiertag nicht nur für Veteranen, sondern die ganze Nation. Als einen Grund dafür sehen Soziologen, dass viele Kinder in Russland mit Geschichten über den Krieg aufwachsen. Schüler schreiben Aufsätze darüber und gedenken der Opfer mit Gedichten und Liedern.

Russland

Der Tag des Sieges wird vielerorts mit Militärparaden gefeiert. Viele Menschen - auch Jugendliche - legen an den Denkmälern für die Vaterlandsverteidiger Blumen nieder. Viele tragen das orange-schwarze Georgsband, das Symbol für den Sieg vor 70 Jahren.
Allzu kritische Töne, etwa über den Sowjetdiktator Josef Stalin, sind verpönt. Der Kreml warnt davor, das Andenken der Soldaten „in den Schmutz zu ziehen“ und „Geschichte zu fälschen“.

Großbritannien

In Großbritannien ist der Zweite Weltkrieg nach wie vor Gesprächsthema. Die Briten leben ihre Siegermentalität, manche halten den Beitrag Großbritanniens und ihres Kriegs-Premiers Winston Churchill für entscheidend beim Sieg im Kampf gegen Nazi-Deutschland. Noch heute treffen sich Enthusiasten und stellen wichtige Schlachten des Zweiten Weltkriegs originalgetreu nach - die Teilnehmer schrecken dabei auch nicht vor dem Tragen von SS-Uniformen zurück.

Großbritannien

Insgesamt sind die Weltkriegs-Vergleiche in den Medien aber zurückgegangen. Überschriften zu Fußballspielen mit deutscher Beteiligung beinhalten nicht mehr automatisch das Wort „Tank“ (Panzer). Den Sinneswandel hat kürzlich auch eine vielbeachtete Deutschland-Ausstellung im British Museum unter der Leitung von Neil MacGregor dokumentiert.

USA

In den USA ist das Grauen des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen. Bis heute wird die als „D-Day“ bekannte Landung in der Normandie, die für Zehntausende Soldaten den traumatischen Eintritt in einen verheerenden Krieg bedeutete, als Beginn der Befreiung Europas gefeiert. Die Teilnehmer gelten als die „größte Generation“, viele der noch lebenden gut 850 000 Veteranen werden in offiziellen Veranstaltungen immer wieder geehrt. Man ist stolz auf die Dienste der Männer und Frauen in Uniform. Das World War II Museum in New Orleans - auf dessen Schätzung die Zahl beruht - ist sehr populär.

USA

Auch Aktionen an der nationalen Gedenkstätte zum Zweiten Weltkrieg in Washington rufen die blutige Geschichte in Erinnerung: Dort versammeln sich Veteranen, teils in Uniform, wenn es gilt ihre Interessen zu verteidigen - wie etwa im Haushaltsstreit 2013, als sie in der 16 Tage dauernden Lähmung der Regierungsbehörden um ihre Sozialleistungen fürchteten. Veteranenverbände einzelner Staaten organisieren zudem Ausflugsreisen in die Hauptstadt, um das bekannte Denkmal oder das viel besuchte Holocaust-Museum zu sehen. 1,6 Millionen Besucher verzeichnete das Museum im vergangenen Jahr.

Wie die 22 Meter lange, mit Mehrfach-Atomsprengköpfen zu bestückende neue Interkontinentalrakete RS-24 und Russlands neuem Panzer T-14 Armata, der elektronisch ferngesteuert Ziele am Boden und in der Luft angreifen sowie vollautomatisch munitioniert werden kann. Als „Wunderpanzer“ lobte die Moskauer Presse den Tank und das Staatsfernsehen, das „die grandiose Siegesparade“ gleich auf mehreren Kanälen live übertrug, frohlockte: „Solche Waffen hat sonst niemand auf der Welt.“

Kommentare (1)

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Peter Kraus

11.05.2015, 14:52 Uhr

Sehr geehrtes HB,

Ihre geschilderten Widersprüche sind eine Schande!

Statt nüchtern zum Thema zu berichten erlauben Sie sich alle NICHT relevanten Punkte der jüngsten Vergangenheit hier aufzuzählen. Der Anlass ist ein wahrlich Anderer und sollte nicht propagandistisch ausgenutzt werden. Russland = Putin bietet scheinbar zu wenig Angriffsfläche, dass das HB sich solche Möglichkeiten suchen muss.

Übrigens haben an der Siegesfeier fast all die Länder teilgenommen, die ihren Mainstream nicht annehmen und das Gute vom Bösen trennen können/wollen ohne sich in Brüssel (indirekt) das "Richtige und Falsche" vorgaukeln zu lassen.
Und das ist gut so!

Sie verbreiten Ängste und Unsicherheiten, welche nicht belegt sind und zu so einem Anlass genau falsch vom Timing, schade.

Schlechte Arbeit, Herr Brüggmann.

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