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26.11.2015

16:43 Uhr

Russland nach dem Jet-Abschuss

Putins Rache an der Türkei

VonGerd Höhler

Wladimir Putin droht der Türkei nach dem Flugzeugabschuss mit ernsten Konsequenzen. Russische Sanktionen würden türkische Unternehmen hart treffen – erste Geschäftsleute bekommen den Zorn des Kremls bereits zu spüren.

Nach Kampfjet-Abschuss

Putin: „Türkische Regierung unterstützt bewusst Islamisierung“

Nach Kampfjet-Abschuss: Putin: „Türkische Regierung unterstützt bewusst Islamisierung“

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Nach dem Abschuss des russischen Bombers durch die türkische Luftwaffe im türkisch-syrischen Grenzgebiet hat eine politische Eiszeit zwischen Moskau und Ankara eingesetzt. Das bekommt auch Cenk Baykara zu spüren: Mit einer Gruppe von rund 50 Kollegen war der türkische Unternehmer zu einer Landwirtschaftsmesse ins südrussische Krasnodar gereist.

Doch die Geschäftsreise endete hinter Gittern: Die türkischen Besucher wurden von der Polizei festgenommen und am Donnerstagmorgen vor Gericht gestellt. Der Vorwurf: Sie seien mit Touristenvisa eingereist, obwohl sie beruflich unterwegs waren. Die Urteile: jeweils 4000 Rubel Geldbuße (rund 57 Euro) und zehn Tage Haft. Danach sollen die Türken abgeschoben werden. „Wir wissen nicht, was mit uns geschehen soll“, berichtete Cenk Baykara verzweifelt per Telefon im Nachrichtensender CNN Türk.

Der Messebesuch mit Touristenvisa sei eine gängige Praxis, die von den russischen Behörden nie beanstandet wurde, so Baykara. Als er abgeführt wurde, hätten die Polizisten zu ihm gesagt: „Ihr habt unser Flugzeug abgeschossen, das hast Du nun davon.“

So sichern Staaten ihren Luftraum in Grenzgebieten

Wie werden Grenzen in Krisengebieten geschützt?

In etlichen Weltregionen haben Staaten Luftraumüberwachungszonen entlang ihrer Grenzen eingerichtet, zum Beispiel China, Südkorea oder die USA. Solche Zonen haben die Funktion eines Frühwarnsystems, der Einflug ist nur unter ganz bestimmten Auflagen erlaubt. Eine sogenannte Air Defense Identification Zone (ADIZ) war bis zum Fall der Mauer in Deutschland jedem Piloten bekannt. Sie verlief entlang der deutsch-deutschen Grenze. Flugplätze wie Lübeck, die nur wenige Flugminuten vom Todesstreifen entfernt lagen, konnten erst nach bestimmten Flugplan-Regularien und in speziellen Korridoren angeflogen werden – sonst drohten Abfangjäger. (Quelle: dpa)

Gibt es sowas auch im türkisch-syrischen Grenzgebiet?

Offiziell ist noch unklar, welche Art von Überwachungszone es hier gibt. Nach unbestätigten Angaben aus Luftfahrtkreisen hat die Türkei einseitig eine Art ADIZ an der Grenze zu Syrien eingerichtet – angeblich, um potenzielle Eindringlinge schon vor Luftraumverletzungen, also noch über syrischem Territorium, zu erkennen und abzufangen. Da die abgeschossene Maschine bei einer Geschwindigkeit von mehreren hundert Stundenkilometern nur kurze Zeit über türkischem Luftraum gewesen sein dürfte, klingt diese Erklärung plausibel: Denn das türkische Militär will die russischen Piloten vor dem Abschuss über einen Zeitraum fünf Minuten zehn Mal gewarnt haben.

Wie erkennt man, welche Flugzeuge in der Luft sind?

Flugzeuge – zivil wie militärisch – haben in der Regel sogenannte Transponder an Bord. Das sind automatische Signalgeber, die beim Abtasten durch Radarstrahlen Angaben zum Flugzeug, seinem Kurs, der Geschwindigkeit und seinem Kennzeichen machen. Bei Militärflugzeugen gibt es zusätzlich sogenannte IFF-Signalgeber. Zur Identifizierung von Freund oder Feind senden sie bestimmte Signale, die verschlüsselt oder unverschlüsselt Hinweise auf die Art der Mission des jeweiligen Kampfflugzeugs geben.

Wie werden Eindringlinge abgefangen?

Maschinen, die sich nicht melden aber den Luftraum verletzen, werden nach international festgelegten Verfahren zunächst per Funk angesprochen. Reagieren sie nicht, wird ein sogenannter Quick Reaction Alert (QRA) ausgelöst. Innerhalb kürzester Zeit steigen dabei Abfangjäger auf, um Sichtkontakt herzustellen. Das geschah auch so beim Germanwings-Flug über den französischen Alpen, als der Airbus auf seinem Crashkurs einer Sperrzone über einer Atomforschungsanlage gefährlich nahe kam. Reagiert der Eindringling auf optische Signale nicht, droht die Eskalation – die bis zum Abschuss reichen kann.

Hat die Türkei dabei spezielle Verfahren?

Die Türkei hat nach Informationen aus Luftfahrtkreisen ihre Eingreifprozesse („Rules of Engagement“) nach mehreren Zwischenfällen verschärft. Wichtigster Anlass war der Abschuss eines unbewaffneten türkischen Aufklärungsjets vor der syrischen Küste ohne jegliche Vorwarnung. Zuletzt gab es wiederholt Luftraumverletzungen durch in Syrien operierende russische Militärjets, die Moskau mit Navigationsproblemen entschuldigte. Die Türkei warnt heute daher auf ihr Territorium zufliegende Flugzeuge schon vor dem Eindringen in ihren Luftraum über die Notfallfrequenz. Bleiben sie unbeantwortet und sind keine Kursänderungen erkennbar, wird Abfang-Alarm gegeben.

Wie navigieren Flugzeuge?

Moderne Flugzeuge – zivil wie militärisch – haben heute sogenannte Glascockpits, in die präzise Navigationsgeräte eingebaut sind. Sie arbeiten mit Satellitenunterstützung und zeigen fortlaufend die Position über dem Boden („Moving Maps“). Zudem gibt es weitere Navigationseinrichtungen, die diese Angaben ergänzen. Am Boden gibt es Radargeräte, die eine klare Zuordnung des Flugzeugs im Luftraum erlauben. Allerdings: Wie die Praxis zeigt, ist das unbeabsichtigte, kurzzeitige Eindringen in gesperrte Lufträume weder bei kleinen Cessnas noch bei schnellen Militärjets jemals ganz auszuschließen.

Während ausländische Politiker Russland und die Türkei zur Deeskalation mahnen, wächst in türkischen Wirtschaftskreisen die Sorge vor russischen Vergeltungsmaßnahmen. Für die türkischen Unternehmen steht viel auf dem Spiel, denn Russland ist ein wichtiger Wirtschaftspartner.

Ministerpräsident Dmitri Medwedew kündigte am Donnerstag nach einer Kabinettssitzung wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen an. Er habe seine Minister angewiesen, Strafmaßnahmen vorzuschlagen, wie die Aufkündigung von Investitionsprojekten.

Der russische Präsident Wladimir Putin kritisierte, die Türkei habe sich immer noch nicht für den „verräterischen Dolchstoß“ entschuldigt. Auch gebe es kein Versprechen der türkischen Führung, die für den Abschuss Verantwortlichen zu bestrafen, sagte Putin am Donnerstag bei einem Treffen mit ausländischen Botschaftern in Moskau. Die türkische Führung arbeite offenbar gezielt darauf, die Beziehungen beider Länder „in eine Sackgasse zu führen“.

Nach Flugzeugabschuss: Der Ton wird rauer zwischen Moskau und Ankara

Nach Flugzeugabschuss

Der Ton wird rauer zwischen Moskau und Ankara

Nach dem Abschuss des russischen Militärflugzeugs will die Türkei beschwichtigen. Präsident Erdogan sucht den Kontakt zu Kremlchef Putin, doch der verschärft den Ton. Erdogan wiederum wehrt sich gegen jegliche Vorwürfe.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu sieht allerdings keinen Grund für eine Entschuldigung, „weil wir im Recht sind“. Er habe allerdings seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow telefonisch sein Bedauern ausgesprochen, sagte Cavusoglu.

Auch türkische Trucker erfahren die politischen Spannungen am eigenen Leib: „Die russische Grenze ist für türkische Fernlaster dicht“, berichtete der Chef des Verbandes der türkischen Spediteure (UND), Fatih Sener. Nach Angaben des Verbandes fahren pro Jahr rund 36.000 türkische Fernlaster nach Russland, teils über Georgien, teils über Bulgarien und die Ukraine.

Sie transportieren vor allem Textilien und Maschinenteile, aber auch Früchte und Nahrungsmittel. Aktuell würden etwa 100 bis 150 Laster an den russischen Grenzen aufgehalten, sagte Sener. Eine offizielle Erklärung gebe es nicht. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sprach vage von „verschiedenen Gründen“.

Scheinbar werden die türkischen Lastzüge einer eingehenden Kontrolle unterzogen. „Das würde bedeuten, dass alle Güter abgeladen und geprüft werden müssen, was Tage dauern kann“, so Sener. Ein Sprecher des Verbandes des türkischen Exportverbandes (TIM) bestätigte, dass Russland vorerst keine türkischen Lieferungen ins Land lasse.

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