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23.02.2012

16:27 Uhr

Russland

Putin lässt für sich demonstrieren

VonOliver Bilger

Am „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ haben sich in Moskau Zehntausende zu einer pompösen Pro-Putin-Veranstaltung versammelt. Putins Wahlstab hat dabei stark nachgeholfen. Laut Teilnehmern ist auch Geld geflossen.

Echte oder gekaufte Begeisterung? Putin auf dem Vorwahl-Massenevent im Moskauer Luschniki-Stadion. dpa

Echte oder gekaufte Begeisterung? Putin auf dem Vorwahl-Massenevent im Moskauer Luschniki-Stadion.

MoskauFrüher trugen die Verteidiger des Vaterlandes Gewehr und Bajonett. Heute schwenken sie weiß-blau-rote Flaggen und Pappschilder. Die Organisatoren der Pro-Putin-Veranstaltung in Moskau hatten sich ein symbolträchtiges Datum für ihre zweite große Kundgebung ausgesucht. Der 23. Februar ist ein wichtiger Feiertag in Russland. Lenin führte den „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ vor 90 Jahren ein, um die Rote Armee zu ehren, die vier Jahre zuvor erfolgreich gegen das Deutsche Reich gekämpft hatte.

Heute ist der Gegner sehr viel näher. Es ist die Angst vor dem Verlust der Stabilität– zu dem in den Augen der Putin-Anhänger die Forderungen der Putin-Gegner führen. Dagegen verteidigen sie sich. „Ein starkes Land braucht einen starken Präsidenten“, stand auf ihren Plakaten. Und: „Wir wählen Stabilität! Wir wählen Putin!“. Dabei waren gut eine Woche vor der Präsidentenwahl auffällig viele identische Schriftzüge und Fahnen mit dem Gesicht Wladimir Putins zu sehen.

Zu der Aktion am Donnerstag hatten die „Gesamtrussische Volksfront“ und Putins Wahlstab aufgerufen „Wir schützen unser Land“, lautete das Motto. Nach Polizeiangaben kamen 130.000 Menschen ins Luschniki-Stadion. Zuvor marschierten knapp 30.000 Putin-Unterstützer entlang des Moskwa-Ufers zu der Sportarena.

Viele Putin-Anhänger hatten es bequemer als die Gegner bei den Protesten in den vergangenen Wochen. Vor dem Olympiastadion parkten in drei Reihen Dutzende Busse, um die Demonstrierenden später zurück in ihre Heimatorte zu fahren. Bei Schnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt gab es im Luschniki-Stadion heißen Tee, Schaschlik und Bliny, russische Pfannkuchen. Beim jüngsten Protest der Putin-Gegner drängten sich die Menschen bei klirrender Kälte um die wenigen Stände, an denen es heiße Getränke gab. Wie schon bei der ersten Pro-Putin-Aktion Anfang Februar erklärten auch diesmal wieder Demonstranten, sie seien für ihre Teilnahme bezahlt oder von ihren Arbeitgebern dazu gedrängt worden.

Währenddessen beschwor ein Blonder im Ski-Anzug unter der großen Lenin-Statue am Stadion-Eingang das „Herz Russlands“, davor tanzten Frauen in folkloritischer Tracht. Höhepunkt war natürlich der Auftritt Putins. Der Regierungschef und Präsidentschaftskandidat appellierte an die Liebe zum Vaterland. „Der Kampf um Russland geht weiter. Wir werden siegen“, rief er den Menschen zu. „Wir sind ein Sieger-Volk, das haben wir in den Genen“, sagte er. Dabei reiche es nicht zu gewinnen, das Land müsse auch viele Probleme angehen, so der Kandidat: Korruption, Bürokratie, Ungerechtigkeit und Armut.

Neben den Putin-Anhängern hatten am Donnerstag auch die Kommunistische Partei unter Präsidentschaftskandidat Gennadij Sjuganow und der Rechtspopulist Wladimir Schirinowskij, Anwärter der Liberal-Demokratische Partei, zu kleineren Kundgebungen aufgerufen.

Der Tag der Vaterlandsverteidiger gehörte also Putin und der sogenannten Systemopposition. Die Putin-Gegner spielten nur eine Nebenrolle. Unweit des Stadions verteilten sie weiße Bändchen, das Symbol der Unzufriedenen, an die Pro-Putin-Demonstranten. Während der Kundgebung nahm die Polizei mehrere Oppositionelle fest, die „provozierende“ Flugblätter verteilten. Aber die Putin-Gegner rüsten sich für neue Großproteste. Am Sonntag, eine Woche vor der Wahl, wollen sie eine Menschenkette durch die Innenstadt bilden. Wieder werden mehrere Zehntausend dazu erwartet.

Kommentare (3)

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DerAlteFritz

23.02.2012, 17:22 Uhr

Ihr Kommentar:
Das kenn' ich noch aus DDR-Zeiten: je lauter und schriller die Selbstvergewisserung, desto größer die Ratlosigkeit im Politbüro. Langfristig wird sich Rußland nur als Großmacht behaupten, wenn man den Bürgern lebenswertere Rahmenbedingungen und Grundlagen für eine tragfähige Volkswirtschaft bietet. Letztendlich agiert Russland wie ein Entwicklungsland: Es ist gezwungen, Rohstoffe zu verkaufen, weil der industriellen Basis die Innovationskraft fehlt (wenn man mal von der Rüstung absieht). Es sollte Putin auf jeden Fall zu denken geben, warum die Bevölkerungszahl Russlands seit Jahren schrumpft und insbesondere in Sibirien immer weniger Menschen leben wollen. Wenn dort die ethnischen Chinesen mal in der Mehrheit sind (da schwappt aus dem Geburten-Überschuss so einiges über die Grenze)dann helfen auch keine Panzer mehr. Eigentlich müßte Russland bei den ökonomischen Potenzialen ja ein Einwanderungsland sein. Aber ich fürchte, unter Putin wird sich bis auf die x-te Wiederholung der "Russland erwache"-Rethorik nichts ändern.

Oelblase

23.02.2012, 18:06 Uhr

"Putin lässt für sich demonstrieren"

Putin lässt auch gegen sich demonstrieren.


Diese Vorgänge sind dem Handelsblatt wohl nicht bekannt: Es ist Demokratie.

bjarki

23.02.2012, 18:35 Uhr

...Demokratie herrschte also auch in der DDR, Nordkorea, Kuba, China usw. Liebe Ölblase, wenn Ihre Seifenblasen zerplatzt sind werden Sie sich wie alle echten Demokraten darüber freuen, dass es " Handelsblätter" gibt, die echte Demokratie auch dadurch festigen, indem Kommentare wie Ihrer nicht zensiert werden. ( unter uns, machen Sie das haupt oder nebenberuflich und müssen Sie dafür in Moskau sitzen, oder irgendwo am Strand mit Laptop ?)

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