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20.08.2014

09:31 Uhr

Russland sucht neue Lieferanten

Alles Käse

Mozzarella, Gouda und Edamer – Russen mögen Käse. Und leiden unter den Sanktionen. Die Suche nach neuen Bezugsquellen läuft. Für russische Importeure wird die Schweiz immer interessanter – doch die Sache hat einen Haken.

Das Corpus Dilicti: Ein halbierter Laib Schweizer Käse. ap

Das Corpus Dilicti: Ein halbierter Laib Schweizer Käse.

MoskauAm Hauptsitz der Intercheese AG in der Schweiz hört das Telefon dieser Tage kaum noch auf zu klingeln. Am anderen Ende der Leitung ist in der Regel eine russische Stimme zu hören. Mindestens 14 russische Importeure haben Intercheese kontaktiert, seit die Regierung von Wladimir Putin Anfang August eine Reihe von Lebensmittelimporten aus Ländern verboten hat, die die Sanktionen gegen Russland unterstützen. Der Grund für das anziehende Geschäft: Die Schweiz hat sich nicht den Strafmaßnahmen der Europäischen Union, der USA, Kanadas, Australiens und Norwegens gegen Russland angeschlossen.

„Russische Importeure suchen nach Käsesorten, die sie nicht mehr von den Europäern bekommen – Mozzarella, Gouda und Edamer”, sagt Daniel Dätwyler, Geschäftsleiter des Privatunternehmens Intercheese. Die Firma aus Beromünster hat 2013 bis zu 20 Tonnen Käse nach Russland geliefert. Dätwyler zufolge werden die Verkäufe an das Land bei jenen Sorten im laufenden Jahr zunehmen, die von dem EU-Embargo am stärksten beeinträchtigt werden – auch wenn die Nachfrage nicht gedeckt werden kann.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Käse ist das wichtigste Agrarexportgut der Schweiz. Die Neutralität des Alpenlandes hat den heimischen Produzenten nun einen Vorteil bei der Ausfuhr der Sorten Le Gruyère und Emmentaler an die 142,5 Millionen Russen verschafft. Letztes Jahr haben die Schweizer Erzeuger 431 Tonnen Käse nach Russland geliefert, was nur einen Bruchteil der weltweit fast 63.000 exportierten Tonnen ausmachte, zeigen Daten der Eidgenössischen Zollverwaltung.

„Wenn das Embargo aufrechterhalten wird, ist es möglich, dass wir mehr Käse nach Russland ausführen werden”, sagt Jacques Bourgeois, Direktor des Schweizerischen Bauernverbands. Zu den Sorten mit dem höchsten Potenzial gehört seiner Meinung nach Gruyère, da die Exporte dieses Schweizer Hartkäses in den vergangenen Jahren bereits angezogen haben.

Die Frage ist Bourgeois zufolge jedoch, ob die Schweiz die steigende Nachfrage auch bedienen kann. „Die Schweiz ist ein kleines Land, wir können die Produktion nicht von einem auf den anderen Tag verdoppeln”, erklärt er. „Wenn es eine höhere Nachfrage gibt, müssen wir natürlich sehen, dass wir das liefern können. Wir freuen uns über jedes zusätzliche Kilo, das wir exportieren können.”

Kommentare (2)

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Herr Wolfgang Neis

20.08.2014, 12:23 Uhr

Wenn die Schweiz Sanktionen zu ihrem eigenen Vorteil umgeht, muss sie damit rechnen, dass die EU das mindestens als "unfreundlichen Akt" versteht. Ein Entgegenkommen bei dem gewünschten "bilateralen Weg" bei Verträgen mit der EU kann die Schweiz dann wohl nicht mehr erwarten. Das hätte harte Auswirkungen für die Scheizer Exportwirtschaft, die den momentanen "Käsevorteil" bei weitem in den Schatten stellt.

Herr C. Falk

20.08.2014, 12:40 Uhr

Na ja, wenn in der Schweiz Käselieferengpässe nach Russland
auftreten sollen, kann Käse aus Holland importiert werden,
um diesen dann weiter nach Russland zu exportieren.

Es gibt immer einen Käseweg, denn Käse ist bekanntlich rund und rollt. lol

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