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12.02.2016

07:56 Uhr

Russland und USA einig

Weltmächte arbeiten auf Feuerpause für Syrien hin

VonTorsten Riecke

Mehr als 470.000 Menschen sind im syrischen Bürgerkrieg schon gestorben, 1,9 Millionen wurden verletzt. Friedensverhandlungen scheiterten bisher. Doch es gibt Hoffnung – nach ersten Gesprächen der Weltmächte in München.

Ist das der Durchbruch?

Syrien-Konferenz: „In einer Woche wollen wir eine Feuerpause“

Ist das der Durchbruch?: Syrien-Konferenz: „In einer Woche wollen wir eine Feuerpause“

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MünchenNach einem stundenlangen Ringen hat sich die Kontaktgruppe für Syrien am Freitagmorgen auf erste Schritte geeinigt, um das Blutvergießen in der Bürgerkriegsregion zu beenden. Kurz nach ein Uhr traten der amerikanische Außenminister John Kerry und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow in München vor die Presse und verkündeten einen ambitionierten Plan, der binnen einer Woche zu einem Waffenstillstand führen soll.

Danach sollen die Menschen in den umkämpften Gebieten noch am Wochenende erste Hilfslieferungen mit Lebensmitteln und Medikamenten erhalten. „Wir kennen die Erfahrungen der Vergangenheit, deshalb spreche ich heute nicht von einem Durchbruch“, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. „Ob das ein Durchbruch war, wird sich in den nächsten Wochen beweisen müssen.“ Der SPD-Politiker hatte das Treffen in München als „entscheidend“ bezeichnet. Syrien stehe an einem Scheidepunkt.

Syrien-Konferenz – ein Kommentar: Skepsis ist mehr als berechtigt

Syrien-Konferenz – ein Kommentar

Skepsis ist mehr als berechtigt

Der Schlüssel nicht nur für einen Waffenstillstand, sondern auch für eine dauerhafte Lösung des Syrien-Konfliktes liegt in Moskau. Doch Frieden ist unmöglich, solange der Kreml in Syrien eine zweite Agenda verfolgt.

Die Vereinbarung zwischen den 17 Außenministern sowie Uno, der EU und der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) sieht eine deutliche Reduzierung der Kämpfe in den kommenden Tagen vor. Ob es danach wirklich zu der angestrebten Feuerpause kommt, ist allerdings ungewiss.

„Das ist eine komplizierte Aufgabe. Es gibt zu viele Kräfte, die an militärischen Aktivitäten beteiligt sind“, sagte Lawrow. Er hoffe, dass die Opposition ihren Verpflichtungen gegenüber Zivilisten nachkommen werde. Das Hauptziel aller Beteiligten sei die Abwehr der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS). Russland werde das Bombardement gegen den IS und die mit Al-Kaida verbündete Nusra-Front daher fortsetzen. Angriffe auf diese beiden Gruppen sind der Münchner Vereinbarung zufolge zulässig.

KTG Zivile Opfer im syrischen Bürgerkrieg

Gesamtzahl der Opfer

Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im Frühjahr 2011 sind laut Aktivisten rund 190 000 Zivilisten getötet worden. Insgesamt kamen im Bürgerkrieg nach Angaben der UN mindestens 250 000 Menschen ums Leben. Genaue Zahlen sind wegen der schwierigen Informationslage allerdings immer mit großer Unsicherheit behaftet.

Opfer durch das Assad-Regime

Mehr als 180 000 starben dem oppositionsnahen Syrischen Netzwerk für Menschenrechte zufolge durch Kräfte des Regimes.

Opfer durch die Rebellen

Die oppositionellen Kräfte der Rebellen töteten demnach etwa 2750 Zivilisten.

Opfer durch den „Islamischen Staat“

Durch die Dschihadisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sollen 1800 zivile Opfer zu beklagen sein.

Opfer durch Russland

Seit dem Beginn der russischen Luftschläge in Syrien Ende September kamen laut Aktivisten Hunderte Zivilisten durch Russlands Angriffe ums Leben. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte beziffert die Zahl der Toten auf 710. Unter den Opfern seien 161 Kinder. Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte sprach Mitte Dezember von 570 getöteten Zivilisten. Amnesty International wirft Russland sogar Kriegsverbrechen vor. Laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation starben allein bei sechs russischen Angriffen zwischen September und November rund 200 Zivilisten. Moskau mache zugleich falsche Angaben zu zivilen Opfern, kritisierte Amnesty.

Opfer durch die internationale Allianz

Laut Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle starben seit Beginn der US-geführten internationalen Luftangriffe auf syrische IS-Stellungen im September 2015 mindestens 299 Zivilisten, unter ihnen 81 Kinder. Die Internetseite Airwars.org, ein Projekt von Journalisten, kommt auf 402 bis 550 Zivilisten, die bisher in Syrien von der internationalen Koalition getötet worden sein sollen.

Skeptisch äußerte sich auch der britische Außenminister Philip Hammond. Eine Feuerpause werde nur gelingen, wenn Russland seine Luftangriffe stoppe, die den syrischen Truppen Geländegewinne gegen die Opposition ermöglichten, sagte der Brite. Um zu gewährleisten, dass der Waffenstillstand eingehalten wird, soll es künftig eine engere Abstimmung zwischen dem russischen und amerikanischen Militär geben. Die USA und Russland wollen dazu in den kommenden Tagen weitere Gespräche aufnehmen.

Die größte syrische Oppositionsgruppe begrüßte die Vereinbarung von München. Den Worten müssten jedoch Taten folgen, ehe seine Gruppe wieder zu den Friedensverhandlungen reise, sagte ihr Sprecher Salim al-Muslat. „Wenn wir feststellen, dass gehandelt und die Vereinbarung umgesetzt wird, dann werden wir uns sehr bald in Genf sehen“. Eine Fortsetzung der zuletzt gefährdeten Friedensverhandlungen war erklärtes Ziel der Münchner Konferenz.

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