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04.03.2012

12:36 Uhr

Russland wählt

Das stille Leiden der Wirtschaft in Putins Reich

VonOliver Bilger

Unter Wladimir Putin sollte Russland zur wirtschaftlichen Weltmacht werden. Doch nur die hohen Rohstoffpreise erlauben ihm, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Dahinter herrschen wirtschaftliche Korruption und Willkür.

Putin zieht im ersten Wahlgang wieder in den Kreml ein

Video: Putin zieht im ersten Wahlgang wieder in den Kreml ein

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MoskauAlexej Koslow ist zwischen die Fronten geraten. Links von ihm stehen junge Russen, kaum älter als 20 Jahre. Rote Pappherzen baumeln vor ihrer Brust, „Putin liebt alle“ steht darauf gedruckt. Rechts von Koslow halten sich Menschen an den Händen. Sie tragen Schals, Mützen und Schleifen am Mantelkragen, alles in Weiß, der Farbe des Protests gegen den Premierminister – und ab Sonntag wohl neuen Präsidenten – Wladimir Putin. Der Geschäftsmann Koslow ist Teil der Bewegung, die sich eine Woche vor der Präsidentenwahl in der Innenstadt versammelt hat. 30.000 Demonstranten bilden eine Menschenkette, 16 Kilometer lang. Sie umzingeln auch den Kreml, in den Putin erneut einziehen möchte. Koslow und seine Anhänger werden das nicht verhindern können, doch er sagt: „Zum ersten Mal spürt Putin einen Widerstand aus dem Volk. Darauf muss er reagieren.“

Johannes Schönhuber findet sich dieser Tage nicht unter den Protestierenden auf Moskaus Straßen. Wer dem Russland-Chef des deutschen Lebensmittelkonzerns Zentis aber eine Weile zuhört, der bekommt Ähnliches zu hören wie im Gespräch mit Koslow. Schönhuber beklagt starre Behörden, verkrustete Strukturen. Er sagt: „Es gibt so viele Vorschriften, dass man leicht unbewusst straffällig wird.“ Er nennt das eine „unnötige Kriminalisierung“. Es werde immer mehr Bürokratie geschaffen, die noch mehr Korruption ermögliche. „Für den sauberen Geschäftsmann wird es schwierig, die Schummler erwischt man sowieso nicht“, sagt Schönhuber.

Alexej Koslow und Johannes Schönhuber. Zwei Menschen, zwei Welten, ein Problem. Als Wladimir Putin vor mehr als einem Jahrzehnt zum starken Mann Russlands aufstieg, da versprach er seinen Landsleuten, künftig auch für ein wirtschaftlich starkes Russland zu streiten. Seither sind zwar allerlei schöne wirtschaftliche Fassaden entstanden, das Fundament aber ist porös.

Reformpolitik: Starke Zahlen überdecken marode Basis

Reformpolitik

Starke Zahlen überdecken marode Basis

Russlands Bilanzen sehen nur auf den ersten Blick gut aus: Das Land ist abhängig von Rohstoffpreisen, das schlechte Geschäftsklima und die Korruption sorgen für eine erhöhte Kapitalflucht. Reformen sind dringend nötig.

Zwar bewerten etwa deutsche Unternehmer in Russland eine dritte Amtszeit Putins nach den Wahlen am Sonntag neutral. Doch auch sie sehen Reformbedarf, vor allem bei Bürokratie und Korruption, Visabestimmungen und Zollabfertigung. Auch sie sehen, dass vieles, was Russlands Wirtschaft in den letzten Jahren angetrieben hat, auf den hohen Rohstoffpreisen fußt und nicht etwa auf einer starken verarbeitenden Industrie. Das Gros der Unternehmen ist – von Rohstoffproduzenten und wenigen Softwareherstellern abgesehen – kaum wettbewerbsfähig. Das Wachstum hat sich seit der Wirtschaftskrise 2008 halbiert, trotz steigender Rohstoffpreise. Im vergangenen Jahr lag es bei 4,1 Prozent.

Russland in Zahlen

Landfläche und Bevölkerung

Russland erstreckt sich über eine Fläche von 16,4 Millionen Quadratkilometern - etwa ein Viertel davon liegt in Europa, der Rest in Asien. 142 Millionen Einwohner zählt das Land. Rund 14,8 Prozent der Einwohner Russlands sind unter 15 Jahre alt - aber nur 13,1 ist über 65. Zum Vergleich: 13,5 Prozent der Deutschen ist unter 15 Jahren - aber mehr als 20 Prozent ist älter als 65.

Bruttoinlandsprodukt und Staatsschulden

2010 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Russland rund 10.356 US-Dollar, 2011 lag es bei 13.235 US-Dollar. Das Wachstum des BIP im Jahr 2011 war vor allem den hohen Ölpreisen geschuldet. Das Wirtschaftswachstum hat sich seit der globalen Krise 2008/09 auf jährlich noch rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eingependelt. Der tiefste Einbruch wurde 2009 verzeichnet, als die Wirtschaft um knapp acht Prozent schrumpfte. Zuvor waren Wachstumsraten um sechs bis sieben Prozent erreicht worden. Allerdings ist Russland fast schuldenfrei: Die Staatsverschuldung liegt bei zehn Prozent des BIP. Russland verfügt zudem über Zentralbankreserven von einer halben Billion Dollar - die drittgrößten der Welt.

Russland, wichtigster Öl- und Gasproduzent der Welt

Russland gilt als wichtigster Öl- und Gasproduzent der Welt. Gleichzeitig ist das Land dadurch abhängig von seinen Rohstoffexporten. Die machen 65 Prozent aller Exporte des Landes und mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen aus.

Arbeitslose

Die Arbeitslosenquote lag 2009 in Russland 6,4 Prozent.(Deutschland 7,4 Prozent). Das Bruttonationaleinkommen lag je Einwohner bei 9.340 US-Dollar. In Deutschland betrug es hingegen bei 42.450 US-Dollar.

Dienstleistungen

57 Prozent des Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet Russland mit Dienstleistungen (Deutschland: 69 Prozent). Das produzierende Gewerbe liegt bei 37,2 Prozent des BIP, die Landwirtschaft bei fünf Prozent (Deutschland: 30,1 Prozent und 0,8 Prozent des BIP). Nur 13,2 Prozent der Fläche wird in Russland landwirtschaftlich genutzt. In Deutschland ist das 48,5 Prozent der Landesfläche.

Das Einkommen der Russen

Der Großteil der Bevölkerung ist arm: Nach Angaben des russischen Statistikamtes verdiente 53,2 Prozent 2011 der Russen nicht mehr als 15.000 Rubel (rund 386 Euro) im Monat. Bei 35,5 Prozent lagt das Monatseinkommen bei 35.000 Rubel (890 Euro). Nur 7,3 Prozent der Bevölkerung  hatten ein monatliches Einkommen zwischen 35.000 und 50.000 Rubel (900 bis 1.287 Euro).

Millionäre in Russland

Die Anzahl der Milliardäre stieg in einem einzigen Jahr von 62 auf 101 (2010). Das Vermögen der zweihundert reichsten Russen betrug 2010 499 Milliarden Dollar, das der hundert reichsten 432 Milliarden Dollar. Das heißt: in Moskau leben mittlerweile mehr Superreiche als in New York. Im Jahr 2011 lebten hier laut "Forbe"s 79 Milliardäre.

Die Summe der Bestechungsgelder, die jedes Jahr fließen, wird auf 300 bis 400 Milliarden Dollar geschätzt. Bei Rankings zu Investitionsbedingungen und Korruption landet Russland regelmäßig auf den hinteren Plätzen. Unternehmen und Anleger halten sich zurück, ausländische Direktinvestitionen flossen im vergangenen Jahr noch weit weniger als vor der Krise. Insgesamt zogen Anleger 2011 sogar 85 Milliarden Dollar aus Russland ab, der zweithöchste Wert in der Geschichte des Landes.

Kommentare (5)

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sterbende_demokratie

04.03.2012, 12:51 Uhr

"Dahinter herrschen wirtschaftliche Korruption und Willkür."

Ok, und worüber regt sich dann der Autor auf?
Ist doch nichts anderes als in Deutschland bzw.der EU.
Nur hier werden diese ekelhaften Zustände verharmlosend Lobbyismus genannt.

Das Ergebnis ist identisch!

jjbs

04.03.2012, 13:26 Uhr

In Deutschland und in der EU wird niemand mit Hilfe der Justiz um Eigentum und ggf. Gesundheit und Leben gebracht.
Wie es geht lesen Sie u.a. hier:
www.russian-untouchables.com/eng/cover-up-presentation/
Gruß aus Sankt Petersburg

RechtundGesetz

04.03.2012, 13:39 Uhr

@ jjbs

Sind sie da ganz sicher ?

Ich kann auch nicht verstehen, worüber sich der Autor aufregt.

Schauen wir mal nach Amerika oder nur kritisch unsere Politik, die Parteien und ihr Kungelei an.
Oder ist etwa das die bessere demokratische Politik in der am meisten Einfluss hat, der das meiste Geld auf wenden kann um die Medien in seinem Sinne zu beeinflussen.
Demokratie ist so ein weiter Begriff und es kommt immer darauf an aus welchem Blickwinkel man sieht.

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