Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.03.2016

15:30 Uhr

Russlanddeutsche

Propaganda auf Russisch

„Russen“? „Putins Agenten“? Russlanddeutsche sind durch Anti-Flüchtlings-Demos in die Schlagzeilen geraten, auch Bewohner aus Pforzheims Stadteil Haidach. Viele favorisieren hier die AfD – aber längst nicht alle.

Die Russlanddeutschen Johannes Braun (v.l.), Nicole Herber, Andreas Fabrizius und Waldemar Meser stehen vor einem Wohnhaus im Pforzheimer Stadtteil Buckenberg-Haidach (Baden-Württemberg). dpa

Russlanddeutsche in Pforzheim

Die Russlanddeutschen Johannes Braun (v.l.), Nicole Herber, Andreas Fabrizius und Waldemar Meser stehen vor einem Wohnhaus im Pforzheimer Stadtteil Buckenberg-Haidach (Baden-Württemberg).

Pforzheim/BerlinIn die Jahre gekommene Hochhäuser, vierstöckige Bauten zwischen großen Rasenflächen und Reihenhäuschen mit gepflegten Vorgärten. Mütter schieben Kinderwagen, Rentner sind auf dem Weg zum Einkauf. Ein ganz normaler Morgen in einer deutschen Vorstadt. Rund 8500 Menschen leben in dem Pforzheimer Höhen-Stadtteil Haidach, darunter etwa 5500 Deutsche aus Russland. Seit Jahrzehnten größtenteils unauffällig. Nun sorgt die Flüchtlingskrise für Unruhe innerhalb der Community.

Bundesweit ist die Bevölkerungsgruppe wegen Anti-Flüchtlings-Demos in Verruf geraten. Nach dem „Fall Lisa“ in Berlin, der angeblichen Vergewaltigung eines russisch-deutschen Mädchens, waren in vielen Städten – auch in Pforzheim – wütende Menschen auf die Straße gegangen. Aufgrund einer Falschmeldung.

Es seien nicht alles Russlanddeutsche gewesen bei den Demonstrationen, betont Waldemar Meser (65) von der Elterninitiative Haidach. „Das lässt ein verzerrtes Bild meiner Landsleute entstehen.“ Beim Gespräch im Bürgerhaus Buckenberg-Haidach mit seinem Mitstreiter Johannes Braun (62), Studentin Nicole Herber (24) und Andreas Fabrizius (29), dem Organisator der Pforzheimer Demo, wird vor allem eines deutlich: Es gibt sehr unterschiedliche Positionen unter den Deutschen aus Russland.

Die rechten Parteien in Deutschland

Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD)

Gegen die Partei hat Anfang März ein Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht begonnen. Es ist der zweite Anlauf. Sie soll „wesensverwandt“ mit den Nationalsozialisten sein. Ziel der 1964 gegründeten NPD ist die Überwindung der Ordnung durch eine „Volksgemeinschaft“, gepaart mit Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit. Von 1966 bis 2011 war die NPD zeitweilig in neun Ländern erfolgreich. Danach kamen die Extremisten bei Wahlen nicht mehr über fünf Prozent. Derzeit sitzt sie im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und im Europaparlament.

Die Republikaner (REP)

Die 1983 gegründete Partei ist nach einigen Erfolgen früherer Jahrzehnte bedeutungslos geworden. Seit 2006 wird sie nicht mehr als „rechtsextremistisch“ eingestuft. Sie agitiert gegen „europäische Bürokratie“, Euro und eine angebliche „Überfremdung“, um eine „christlich-abendländische Kultur“ zu bewahren. Dem Thema Ausländer verdankten die Republikaner 1992 ihr Rekordergebnis von 10,9 Prozent in Baden-Württemberg. Nach der Bayern-Wahl 2013 stand immer eine Null vor dem Komma.

Deutsche Volksunion

Die von dem Münchner Verleger Gerhard Frey (gestorben 2013) im Jahr 1971 zunächst als Verein, dann als Partei gegründete DVU hat sich aufgelöst und sich 2011 der NPD angeschlossen. Seit 2010 hatte die DVU nicht mehr an Wahlen teilgenommen. Ihr größter Erfolg waren 12,9 Prozent 1998 in Sachsen-Anhalt. Mit nationalistischen und fremdenfeindlichen Parolen kam sie auch in Brandenburg, Bremen und Schleswig-Holstein über die Fünf-Prozent-Sperrklausel. Aus München ferngesteuerte Fraktionen, etwa in Sachen-Anhalt und Schleswig-Holstein, zerfielen nach Querelen.

Bürgerbewegung pro NRW

Die kleine Regionalpartei wird vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft. 2007 gegründet, präsentiert sie sich - wie die mit ihr verbundene Bewegung pro Köln - „islam- und zuwanderungskritisch“. Sie verurteilt, was sie „Asylbetrüger“ und die „Brüsseler EU-Diktatur“ nennt. Bei Wahlen hatte pro NRW bislang nur mäßigen Erfolg: In ihrem Stammland kam sie 2012 auf 1,5 Prozent, bei der Europawahl 2014 nur auf 0,2 Prozent.

Die Rechte

Die 2012 aus der Taufe gehobene Kleinstpartei hat ihren Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen. In ihr versammelten sich viele Mitglieder der NPD und der untergegangenen DVU. Mit Kampagnen gegen Islamisten, Migranten und Linke konnten die Rechtsextremisten nur wenige Wähler überzeugen.

Der III. Weg

Verfassungsschützer sehen in den Neonazis „geistige Brandstifter“, die aggressiv gegen Asylsuchende und Flüchtlingsheime agitieren. Ihr Programm knüpft an völkische und antisemitische Thesen des Nationalsozialismus an. 2013 von einem früheren NPD-Mann gegründet, werben die Extremisten jetzt erstmals in Rheinland-Pfalz überregional um Wählerstimmen.

Bundesweit kamen seit dem Zweiten Weltkrieg fast 2,4 Millionen Aussiedler und Spätaussiedler aus Russland sowie den alten Sowjetrepubliken nach Deutschland. Sie gelten als fleißig, ordnungsliebend und unpolitisch. Wenn sie wählen, eher konservativ. „Es ist eine Gruppe, die sich gut integriert hat“, sagt der Berliner Publizist Sergey Lagodinsky. Das bescheinigt ihnen auch Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD).

Die meisten wollen nur als ganz normale Mitbürger wahrgenommen werden. „Wenn man sagt, man kommt vom Haidach, heißt es gleich: Du bist Russin“, weiß Studentin Nicole Herber. Ihre Eltern sind Russlanddeutsche. Sie ist hier aufgewachsen. Über das Etikett „Russe“ ärgert sich seit fast 40 Jahren auch der ehemalige Daimler-Mitarbeiter und Sohn von Wolga-Deutschen, Johannes Braun: „Ich war drüben kein Russe, warum soll ich jetzt einer sein?“ Andreas Fabrizius wiederum, der 2002 von Kasachstan nach Deutschland kam, ist als „Agent Putins“ bezeichnet worden, „aber niemals als deutscher Bürger“.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×