Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.07.2014

18:26 Uhr

Russlands Antwort auf EU-Sanktionen

Große Klappe, wenig dahinter

VonStefan Kaufmann

„Wie Du mir, so ich Dir“, sagt Moskau und antwortet auf die EU-Sanktionen mit Importstopps. Mehr noch – der Kreml droht mit einer Erhöhung der Energiepreise. Doch die Krux ist: Russland kann sich das gar nicht leisten.

Russland droht mit höheren Energiepreisen, dabei ist Deutschland für den mächtigen Gazprom-Konzern bislang Absatzmarkt Nummer eins. Reuters

Russland droht mit höheren Energiepreisen, dabei ist Deutschland für den mächtigen Gazprom-Konzern bislang Absatzmarkt Nummer eins.

DüsseldorfDer erste Gegenschlag trifft die Obst- und Gemüsebauern in Polen und der Ukraine. Die Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union gegen Russland sind noch nicht offiziell in Kraft, da verkündet Moskau ein Einfuhrverbot für ukrainische Säfte sowie polnisches Obst und Gemüse. Begründet wird dies mit nicht eingehaltenen Hygienevorschriften. Der polnische Landwirtschaftsminister spricht von einer politischen Entscheidung der russischen Agrarbehörde. Die polnischen Obst- und Gemüsebauern seien das „erste Opfer der EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland“.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew kennen sie die russische Nadelstich-Taktik bereits. Seit sich das Land für das EU-Assoziierungsabkommen ausgesprochen hat, bekommt es Importbeschränkungen zu spüren. An diesem Donnerstag traf es Säfte, zuvor hatte Russland schon ein Embargo auf Milchprodukte verhängt. Und als der ukrainische „Schokoladen-Zar“ Petro Poroschenko seine Präsidentschaftskandidatur verkündete, entdeckte Russland Gesundheitsrisiken in den Produkten seines Süßwaren-Imperiums und untersagte die Einfuhr.

Die schwerwiegendste Drohung kommt jedoch aus dem russischen Außenministerium: Dort denkt man nach dem „verantwortungslosen Schritt“ der EU laut über eine Erhöhung der Energiepreise nach. Was Europa an einer empfindlichen Stelle treffen würde: Deutschland und die EU decken rund ein Drittel ihres Energiebedarfs aus Russland, einige osteuropäische Länder beziehen ihre Versorgung fast völlig vom russischen Monopolisten Gazprom.

Das sind die Sanktionen des Westens gegen Russland

Banken

Die EU erschwert den Zugang zu den EU-Finanzmärkten für russische Banken. Gilt für alle Banken mit einem staatlichen Anteil von mindestens 50 Prozent. Sie können auf den EU-Kapitalmärkten keine neuen Wertpapiere oder Aktien von russischen Unternehmen mehr verkaufen.

In den USA fallen drei weitere Banken im russischen Staatsbesitz unter die Strafmaßnahmen, damit sind es nun fünf von sechs: Die Bank von Moskau, die Russische Landwirtschaftsbank und die VTB Bank kamen hinzu. Ihnen wird der Zugang zu mittel- und langfristiger Dollarfinanzierung für Russland erschwert. Sie dürfen aber weiter in den USA operieren.

Waffen

Die EU verbietet künftige Rüstungslieferungen. Betroffen sind alle Güter, die auf einer entsprechenden Liste der EU stehen. Gilt nicht für bereits unterzeichnete Verträge, also auch nicht für die Lieferung von zwei französischen Hubschrauberträgern im Wert von 1,2 Milliarden Euro an Russland.

In den USA wurde die United Shipbuilding Corporation (größtes russisches Schiffsbau-Unternehmen) zu den bislang acht auf der Sanktionsliste stehenden Firmen im Verteidigungssektor ergänzt. Die Unternehmen dürfen nicht mehr das US-Finanzsystem nutzen oder mit amerikanischen Bürgern Geschäfte machen.

Technologie

Die EU verbietet den Export von bestimmten Hochtechnologiegütern an das Militär. Gilt beispielsweise für Verschlüsselungssysteme sowie für Hochleistungscomputer.

Energie

Die EU untersagt die Ausfuhr für Spezialtechnik zur Ölförderung. Zielt auf Geräte, die für Ölbohrung und -förderung beispielsweise in der Arktis gebraucht werden.

Auch in den USA gelten für Unternehmen aus der Ölbranche eingeschränkte Importmöglichkeiten für Technik zur Erschließung von Ölquellen in tiefen Gewässern, vor der arktischen Küste oder in Schiefergestein. Die aktuelle Energieproduktion werde damit aber nicht beeinträchtigt.

„Grundsätzlich würde sich bei einem solchen Schritt im Winter vor allem das Heizen mit Gas und Öl verteuern, zudem könnten höhere Ölpreise zu steigenden Benzinpreisen führen“, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Die Frage ist allerdings, ob sich das überhaupt umsetzen lässt“, sagt Kemfert und verweist auf geltende Verträge mit den europäischen Kunden mit zumeist langen Laufzeiten.

Sie zweifelt aber noch aus einem anderen Grund an der Ernsthaftigkeit der russischen Drohung: Die aktuelle Situation auf dem Energiemarkt spielt den Europäern in die Hände. „Es gibt ausreichend Öl und Gas auf den Weltmärkten. Es ist zu erwarten, dass man in Europa und auch in Deutschland Ausweichreaktionen sehen wird, das Gas und Öl teilweise aus anderen Ländern bezogen wird“, sagt Kemfert. „Das würde somit eher der russischen Wirtschaft schaden.“

Fakt ist, dass Deutschland für den mächtigen Gazprom-Konzern Absatzmarkt Nummer eins ist. 2012 war die Bundesrepublik unter 31 Zielländern mit 34 Milliarden Kubikmetern Erdgas der Hauptabnehmer, gefolgt von der Ukraine (32,9), der Türkei (27,0) und Weißrussland (19,7). Insgesamt stammten 37 Prozent des importierten Erdgases und Erdöls aus Russland, 2013 waren es beim Gas 38,7 und beim Öl 34,8 Prozent, berichtet das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle.

Anlagestrategie: Das Ölpreisrätsel und was Sie tun  können

Anlagestrategie

Das Ölpreisrätsel und was Sie tun können

Die Ukraine-Krise, der Nahost-Konflikt, Kämpfe im Irak – all das müsste den Ölpreis treiben. Doch er fällt. Während Experten nach Erklärungen suchen, können Anleger jetzt schon handeln.

Zudem kann der Kreml nicht so einfach an der Preisschraube drehen. Der Ölpreis ließe sich nur über das Angebot verändern, erläutert ein Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbands (MWV). Die Krux: Nur Saudi-Arabien kann es sich leisten, frei über die eigene Förderkapazität zu entscheiden. „Alle anderen Produzenten – auch Russland – müssen voll fahren, weil sie die Einnahmen für den Staatshaushalt brauchen.“ Die Einnahmen aus Ölexporten machen in Russland etwa 50 Prozent des Staatshaushaltes aus, die Gasexporte wirken sich mit fünf Prozent in der Bilanz aus.

Eine Auflistung des Beratungsbüros EnergyComment zeigt, wie sich auf russischer Seite die Einnahmen der russischen Volkswirtschaft dank des Exports fossiler Energieträger entwickelt haben. Die Mitarbeiter von EnergyComment untersuchen die Veränderungen der internationalen Energiepreise und Energiemärkte. Danach sind die Exporteinnahmen beim Erdgas in Russland von 20 Milliarden Dollar im Jahr 2002 auf 68 Milliarden Dollar im Jahr 2012 gestiegen (in Preisen des jeweiligen Jahres). 2013 hätten sie noch einmal zugelegt.

Die Summen verblassten jedoch vor den Exporterlösen aus Rohöl und Ölprodukten. Hier stiegen die Einnahmen von 44 Milliarden Dollar (2002) auf 290 Milliarden Dollar (2012).

Kommentare (48)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Friedrich Kunz

31.07.2014, 18:56 Uhr

Die Russen können sich das nicht leisten? Lauter "gescheite" Leute behaupten das. Abwarten und Tee trinken. Erhöht der Russe wider aller Besserwisser die Energiepreise doch, zahlt das letztlich wieder der Verbraucher. EU-Sanktionen auf Druck der kriegslüsternen Amis!

Herr Thomas Albers

31.07.2014, 19:04 Uhr

"Erhöht der Russe wider aller Besserwisser die Energiepreise doch, zahlt das letztlich wieder der Verbraucher. "

Das kann passieren. Jedoch ist Freiheit ein so wervolles Gut, dass ich bereit bin mehr zu bezahlen.

Herr Ossi NB

31.07.2014, 19:10 Uhr

Im Gegensatz zu uns haben die Russen noch Nationalstolz und Mütterchen Rußland ist noch sehr "leidensfähig".
Unsere Leidensfähigkeit wird, wenn die schwachsinnige Politik unserer Regierung so weiter geführt wird, recht bald auf die Probe gestellt. Da bin ich sehr gespannt, wie das wohl ausgehen wird? Und das alles wegen einer bis auf die Knochen korrupten Ukraine? Was haben wir doch für politische Stümper an der Spitze unseres Landes.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×