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21.08.2014

13:10 Uhr

Russlands Importstopp gegen den Westen

Sanktionen gehen durch den Magen

VonMartin Pirkl

Milch, Kartoffeln, Butter? Die wichtigsten Lebensmittel gibt es in Russland in jedem Supermarkt. Doch das gilt nicht für alle Grundnahrungsmittel. Eine Bloggerin aus Moskau zeigt, wie die Lage vor Ort wirklich ist.

Wenig Ware: Die Fleischtheke in einem russischen Supermarkt in Noginsk, 50 Kilometer östlich von Moskau, ist halb leer. Eva Mala

Wenig Ware: Die Fleischtheke in einem russischen Supermarkt in Noginsk, 50 Kilometer östlich von Moskau, ist halb leer.

MoskauNur wenig verpacktes Fleisch liegt in den Regalen eines russischen Supermarktes in der Stadt Noginsk, etwa 50 Kilometer östlich von Moskau. Auch die Theke mit dem Brot sieht verwaist aus. So ist das seit dem 7. August öfter, wenn die Bloggerin Eva Mala einkauft. Seit diesem Tag hat Russland westliche Agrar- und Lebensmittelprodukte mit einem Importverbot belegt.

Der Einfuhrstopp soll ein Jahr lang dauern und betrifft Milch- und Fleischprodukte sowie Obst und Gemüse. Kreml-Chef Wladimir Putin erließ das Dekret als Sanktion gegen die EU, USA, Kanada, Norwegen und Australien. Diese Länder hatten zuvor Russland den Zugang zu ihren Finanzmärkten erschwert, künftige Waffenexporte gestoppt und Einreiseverbote gegen mehrere Politiker verhängt. Grund dafür war Russlands Verhalten im Ukraine-Konflikt. Der Westen sieht die Angliederung der Krim an Russland als eine Verletzung des Völkerrechts. Die russische Tageszeitung „Vedomost“ berichtet, dass Russland seine Sanktionen ausweiten könnte. Künftig könnte auch die Einfuhr westlicher Autos teilweise oder vollständig gestoppt werden.  

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

Was wären die Folgen?

Eingriffe in die Finanzierung würden die russische Wirtschaft querbeet treffen. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, schreiben die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB). Sollte die EU dem Beispiel der USA mit einem Verbot für die Finanzierung erster russischer Unternehmen folgen, werde dies zwangsläufig sehr schnell wirken - denn bislang hätten russische Firmen Finanzierungen in Dollar zumindest teilweise durch Finanzierungen in Euro ersetzen können.

Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?

Von Handelsverboten beispielsweise bei Rüstung und Maschinen wären natürlich die Hersteller selbst betroffen. Schon jetzt berichten Maschinenbauer über Einbrüche, obwohl es noch gar keine konkreten Schritte gibt. „Die Russen würden uns die Maschinen ja gern abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch nach Russland ausgeführt werden können“, sagt der Präsident Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um. Die mittelständische Wirtschaft fürchtet, dass ein Embargo bei uns vor allem auf Klein- und Mittelbetriebe in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektronische Erzeugnisse, Pharma und Nahrungsmittel zurückschlagen würde.

Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?

Russland hat zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land aber nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden, hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft.

Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?

Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen.

Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

Auch das ist völlig unklar. Allerdings hätte Moskau genügend Mittel für einen Gegenschlag: Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Ein Großteil der Wirtschaftsmacht des „Rohstoffgiganten Russland“ beruht auf Erdöl, Erdgas, Kohle sowie Metallen wie Nickel, Aluminium. Und genau hier könnte das Drohpotenzial liegen - theoretisch zumindest: „Nach rationalen Erwägungen würden sich die Russen stärker selbst schaden, wenn sie uns den Gashahn beginnen abzudrehen, weil sie ... von den Einnahmen daraus abhängig sind“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Donnerstag im Südwestrundfunk.

Die Bloggerin Eva Mala hat sich von Anfang an für die Berichterstattung der Medien über das Importverbot von Lebensmitteln interessiert. Dabei kam sie zu dem Schluss: Weder westliche noch russische Medien stellen die Situation richtig dar. Russland behaupte, der Einfuhrstopp sei eine Chance für die einheimischen Bauern. Der Westen wiederum habe oft keine Journalisten vor Ort und stelle deshalb Vermutungen über die Lage in den Supermärkten an. „Ich fühle mich verantwortlich, den Menschen zu zeigen, wie es wirklich ist“, sagt Mala, die in Moskau lebt und dort Sprachunterricht gibt.

Deshalb gründete sie am 8. August die Facebook-Seite „365 days of russian ban on food“. Auf Deutsch: 365 Tage russisches Einfuhrverbot für Lebensmittel. Dort dokumentiert die Tschechin mit russischen Wurzeln alle ihre Mahlzeiten für ein Jahr mit einem Foto und einem kurzen Text. So möchte sie zeigen, wie sich ihre Essgewohnheiten durch die Importverbote ändern. Bislang sind es nur ein paar hundert Menschen, die ihre Seite verfolgen. Sie kommen hauptsächlich aus Deutschland, Tschechien und den USA.

Besonders betroffen durch den Einfuhrstopp sei das Angebot von frischem Fleisch, Brot, Käse und manchen Obst- und Gemüsesorten. „Es war allerdings schon immer schwierig Fleisch und Brot in guter Qualität zu kaufen“, erzählt Mala. Nun bleiben die Regale in Noginsk immer wieder mal leer. In Moskau sehe dies vielleicht anders aus. „Aber Russland besteht nicht nur aus Moskau“, sagt Mala.

Kommentare (102)

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Herr Nikolay Tverdokhlebov

21.08.2014, 13:23 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr C. Falk

21.08.2014, 13:27 Uhr

Eines ist klar. Sanktionen der einen Seite sind verantwortlich für Sanktionen der anderen Seite .Aktion-Reaktion. Diese Sanktionsspirale kann theoretisch beliebig
weit hochgeschraubt werden, bis die Schmerzgrenze, da wo es wirklich weh tut erreicht ist und man erkennt, dass "Sanktionen dummes Zeug sind" wie es Helmut Schmidt trocken und lakonisch formuliert hat.

Herr Thomas Albers

21.08.2014, 13:29 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht.

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