Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.11.2014

15:29 Uhr

Russlands Notenbank

Putin führt Zentralbank an der langen Leine

Putin ohne Einfluss? Die russische Notenbank ist nicht das „Schoßhündchen“ des Präsidenten. Auch Kritiker bezeichnen das Institut als von der Politik unabhängig. Die Notenbankchefin Nabiullina sei „stärker als erwartet“.

Der russische Präsident Wladimir Putin: Sein Einfluss auf die Notenbank ist begrenzt. dpa

Der russische Präsident Wladimir Putin: Sein Einfluss auf die Notenbank ist begrenzt.

MoskauRusslands Präsident Wladimir Putin lässt der Notenbank in Moskau eine lange Leine. So haben die Währungshüter den Leitzins in die Höhe geschraubt, obwohl teures Zentralbankgeld als Gift für die unter Sanktionen des Westens ächzende Wirtschaft gilt. Zudem setzen sie mit der Freigabe des Rubel-Wechselkurses auf das Kräftespiel des Marktes, statt die Landeswährung mit täglichen Interventionen in ein Korsett zu pressen.

Mit dieser Doppelstrategie blieb Russland ein finanzieller Kollaps wie in den 90er Jahren erspart, was in der Fachwelt für Anerkennung sorgt. „Die Notenbank handelt getreu der Maxime Putins: 'Stabilität hat absolute Priorität'“, sagt Russland-Kenner Christopher Granville vom Londoner Beratungshaus Trusted Sources.

Die Notenbank sei dabei nicht Putins „Schoßhündchen und zudem wesentlich eigenständiger als allgemein angenommen“, sagt ein Regierungsvertreter, der anonym bleiben will. Diese Einschätzung teilt selbst ein Kritiker des Staatschefs - der frühere Vize-Gouverneur der Notenbank, Sergej Alexaschenko: „Die Zentralbank ist die unabhängigste Institution im Russland unserer Zeit.“

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Als Beleg dafür mag die Tatsache gelten, dass die Zentralbank den Leitzins Ende Oktober überraschend deutlich auf 9,5 Prozent anheben konnte, obwohl die Konjunkturaussichten düster sind. Notenbankchefin Elwira Nabiullina begründete ihren Schritt mit den stark steigenden Preisen und profilierte sich damit als entschlossene Inflationsbekämpferin. Aus ihrer Sicht wird die Teuerung auch Anfang 2015 nicht unter die Acht-Prozent-Marke sinken.

Mit ihrer aggressiven Zinspolitik nehme die Zentralbank billigend in Kauf, dass das Wachstum leide, sagt Experte Granville. Selbst eine Rezession sei eher zu verkraften als eine Panik an den Märkten, galoppierende Inflation und eine Kernschmelze der Währung, wie sie Russland unter Putins Vorgänger Boris Jelzin erleben musste. Dieses Trauma hat Putin durchaus im Hinterkopf - und auch Notenbankchefin Nabiullina.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×