Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.08.2014

14:35 Uhr

Russlands Reaktion auf EU-Sanktionen

„Jetzt mussten wir antworten“

Russland hat die Liste der Waren vorgelegt, die dort nicht mehr eingeführt werden dürfen: Es trifft Fleischproduzenten, Milchprodukte stehen auf dem Index sowie Obst und Gemüse. Moskau plant noch weitere Strafmaßnahmen.

Regierungschef Dmitri Medwedew hat die schwarze Liste vorgelegt. dapd

Regierungschef Dmitri Medwedew hat die schwarze Liste vorgelegt.

MoskauDie EU-Staaten und die USA dürfen ab sofort kein Fleisch und keine Milchprodukte mehr nach Russland liefern. Von dem am Vortag angekündigten einjährigen Einfuhrverbot sind auch Obst und Gemüse betroffen, wie Regierungschef Dmitri Medwedew am Donnerstag in Moskau mitteilte. Die Sanktionen gelten demnach auch für Australien, Kanada und Norwegen.

Es handelt sich um Russlands bisher schärfste Reaktion auf die Wirtschaftssanktionen des Westens im Ukraine-Konflikt. Gegen die Ukraine erließ Russland außerdem ein Überflugverbot über seinen Luftraum. Ukrainische Fluglinien können nun nicht mehr auf dem kürzesten Weg zum Beispiel in die Türkei oder in die Südkaukasusregion fliegen. Russland habe sehr lange gar nicht geantwortet auf die Sanktionen, sagte Medwedew der Agentur Interfax zufolge. Das Land habe bis zuletzt gehofft, dass der Westen begreife, dass seine Politik in die Sackgasse führe. „Jetzt mussten wir antworten.“

Das sind die Sanktionen des Westens gegen Russland

Banken

Die EU erschwert den Zugang zu den EU-Finanzmärkten für russische Banken. Gilt für alle Banken mit einem staatlichen Anteil von mindestens 50 Prozent. Sie können auf den EU-Kapitalmärkten keine neuen Wertpapiere oder Aktien von russischen Unternehmen mehr verkaufen.

In den USA fallen drei weitere Banken im russischen Staatsbesitz unter die Strafmaßnahmen, damit sind es nun fünf von sechs: Die Bank von Moskau, die Russische Landwirtschaftsbank und die VTB Bank kamen hinzu. Ihnen wird der Zugang zu mittel- und langfristiger Dollarfinanzierung für Russland erschwert. Sie dürfen aber weiter in den USA operieren.

Waffen

Die EU verbietet künftige Rüstungslieferungen. Betroffen sind alle Güter, die auf einer entsprechenden Liste der EU stehen. Gilt nicht für bereits unterzeichnete Verträge, also auch nicht für die Lieferung von zwei französischen Hubschrauberträgern im Wert von 1,2 Milliarden Euro an Russland.

In den USA wurde die United Shipbuilding Corporation (größtes russisches Schiffsbau-Unternehmen) zu den bislang acht auf der Sanktionsliste stehenden Firmen im Verteidigungssektor ergänzt. Die Unternehmen dürfen nicht mehr das US-Finanzsystem nutzen oder mit amerikanischen Bürgern Geschäfte machen.

Technologie

Die EU verbietet den Export von bestimmten Hochtechnologiegütern an das Militär. Gilt beispielsweise für Verschlüsselungssysteme sowie für Hochleistungscomputer.

Energie

Die EU untersagt die Ausfuhr für Spezialtechnik zur Ölförderung. Zielt auf Geräte, die für Ölbohrung und -förderung beispielsweise in der Arktis gebraucht werden.

Auch in den USA gelten für Unternehmen aus der Ölbranche eingeschränkte Importmöglichkeiten für Technik zur Erschließung von Ölquellen in tiefen Gewässern, vor der arktischen Küste oder in Schiefergestein. Die aktuelle Energieproduktion werde damit aber nicht beeinträchtigt.

Der Einfuhrstopp kann die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung des Exportverbandes BGA empfindlich schmerzen. Deutsche Exporteure seien massiv betroffen, teilte der Bundesverband Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA) in Berlin mit. Insbesondere für hochwertig verarbeitete Lebensmittel wie Fleisch- und Wurstwaren, Milchprodukte, Obst- und Gemüseprodukte und Fertignahrung sei Russland ein wichtiger Markt. Leidtragende seien aber auch die russischen Verbraucher. Sie müssten wohl die Zeche in Form höherer Preise, schlechterer Qualität und geringerer Vielfalt bezahlen, meint der Verband.

Auch russische Experten gehen davon aus, dass das Einfuhrverbot „äußerst schmerzhaft“ für beide Seiten wird. Die EU verliere viele Milliarden Euro aus dem Obst- und Gemüsehandel mit Russland, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Sergej Sutyrin von der Universität St. Petersburg. Zudem müssten die USA auf einen lukrativen Markt für Rindfleisch und Geflügel verzichten. Der Moskauer Analyst Dmitri Polewoj sprach von einer „Schocktherapie“ für die russische Lebensmittelbranche. „Das Verbot betrifft zehn Prozent des Agrarimports, die jetzt schnell ersetzt werden müssen“, betonte er.

Kremlchef Wladimir Putin hatte den massenhaften Boykott von westlichen Lebensmitteln am Vorabend in einem Dekret verfügt und die Erstellung der Liste angeordnet. Medwedew sagte, der Importstopp werde streng überwacht. Zudem solle durch Kontrollen verhindert werden, dass für die weiter verkauften Waren die Preise steigen.

Als Nummer acht der größten Volkswirtschaften gehört Russland zwar zu den Riesen der Weltwirtschaft. Als Importeur spielt das Land aber im weltweiten Handel nur eine vergleichsweise geringe Rolle: Mit Einfuhren im Wert von rund 315 Milliarden Dollar (2013) rangiert Russland nur auf Platz 16 der weltweit größten Importeure – und damit noch hinter Spanien, Singapur und Mexiko. Zum Vergleich: Deutschland kommt fast auf das vierfache Importvolumen.

Kommentare (13)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Ribbentrop

07.08.2014, 12:53 Uhr

Was braucht ein echter Russe?
Vodka, Kartoffeln, Fleisch oder eine Fischsuppe! Obst und Gemüse, das ist doch was für Weicheier!

Kein Wunder haben die die niedrigste Lebenserwartung!

Herr J.-Fr. Pella

07.08.2014, 13:09 Uhr

Hat Herr "Oberlehrer" Gabriel im Geschichtsunterricht gepennt? Offensichtlich, denn sonst wüßte er. wie sehr das russische Volk Einschränkungen verkraftet. Die Geschichte des 2. Weltkriegs spricht darüber Bände.
Welche Lösung hat nun H. Gabriel:
Er will deutsche betroffene Firmen helfen; natürlich mit unseren Steuern; woher denn sonst.
In Abwandlung eines Zitates:
Oh Herr, lass Hirn regnen!!

Account gelöscht!

07.08.2014, 13:41 Uhr

Gute Politik wird mit vernünftiger Sachauseinandersetzung und Diplomatie gemacht.Das scheint bei unseren Politikern aber abhanden gekommen zu sein, stattdessen werden Entscheidungen getroffen für die der deutsche Steuerzahler wohl wieder einstehen muss. (siehe Ausfuhrverbot bei Rheinmetall) Dieses Verbot geht über die Sanktionen der EU hinaus. Was soll dieser Schwachsinn? Nur weiter so, ihr dummen Politiker werdet die deutsche Wirtschaft schon kaputt kriegen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×