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14.01.2017

17:21 Uhr

Russlands Sicht

Moskau glaubt der Trump-Kritik nicht

VonAndré Ballin

Künftige Kabinettsmitglieder grenzen sich von Donald Trump ab und kritisieren den Kreml. Für die zumeist unpolitischen Russen ist das aber kein Beinbruch. Die Erpressungs-Gerüchte halten sie mehrheitlich für Humbug.

Die meisten Russen halten die These, dass Trumps „Sympathie“ für Putin allein auf Erpressungsmaterialien beruhe, für absoluten Humbug. Reuters

Souvenir-Geschäft in Moskau

Die meisten Russen halten die These, dass Trumps „Sympathie“ für Putin allein auf Erpressungsmaterialien beruhe, für absoluten Humbug.

MoskauEs gibt wichtigeres im Leben als Donald Trump. Jedenfalls für den Normalbürger in Russland. Während Wladimir Putin, russische Hacker und Propaganda-Sender als Dauerthema durch die US-Medien geistern, war der merkwürdige Auftritt Trumps bei seiner Pressekonferenz für die meisten Russen allenfalls eine Randnotiz. In den sozialen Netzwerken jedenfalls rief die Ignoranz eines Autofahrers auf der Halbinsel Kamtschatka, der einen Krankenwagen auf dem Weg zu einem (dadurch) sterbenden Patienten nicht passieren ließ, wesentlich mehr Empörung hervor, als Trumps Fehde mit CNN und den Geheimdiensten.

„Ich habe nur den Beginn der Pressekonferenz geschaut, den Rest dann als Wiedergabe in den Medien“, sagt der Moskauer Ingenieur Sergej. Neue Anschuldigungen gegen Moskau? „Nichts gehört“. Außerdem sehe das verdächtig nach einer Racheaktion von Hillary Clinton aus, meint er.

Was Trump in der Pressekonferenz gesagt hat

Hackerangriffe

Ja, er sehe Russland hinter den Hackerangriffen während des Präsidentschaftswahlkampfes. - Aber auch von anderen Ländern gebe es Hackerangriffe auf die USA.

Russland

Nein, er habe keine Geschäfte in Russland, und auch keine Schulden. - Das könnte zwar ein Blick in seine Steuererklärung beweisen, deren Vorlage er aber weiter verweigert.

Steuererklärung

Niemand außer Reportern interessiere sich dafür. - Aber 60 Prozent der Amerikaner sehen das anders, und fast alle bisherigen Präsidenten der jüngeren Vergangenheit haben sie schon als Kandidaten offengelegt.

Firmenimperium

Er wolle sich aus dem Management seiner Firmen herausziehen, die Macht seinen Söhnen übertragen. - Was genau das sicherstellen soll, blieb offen. Prompt reagierte das überparteiliche „Office of Government Ethics“: die Erklärung sei „bedeutungslos“ und weit unterhalb üblicher Standards.

Obamacare

Er wolle das Gesetz aufheben und durch ein neues System ersetzen. - Aber wann, wie und womit, sagte er nicht.

Mauer zu Mexiko

Sie war ein zentrales Wahlversprechen, und Mexiko werde auch noch dafür bezahlen. - Nun heißt es nur noch, Mexiko werde auf die eine oder andere Weise für die Kosten aufkommen.

Pressekonferenzen

Sie seien ihm vertraut, er gebe sie ja ständig. - Nun war er praktisch täglich im Fernsehen, gab seine letzte Pressekonferenz aber am 27. Juli 2016.

Fake News

So bezeichnete Trump die Berichte von CNN und Buzzfeed über angebliches russisches Material, das ihn erpressbar mache. Falsche Informationen dürften nie an die Öffentlichkeit gelangen. - Das sagte der Mann, der unter anderem führender Vertreter der „Birther“-Theorie war, wonach Barack Obama nicht in den USA geboren sei.

Während die Theorie, dass Russland die US-Wahlen irgendwie beeinflusst haben könne, zumindest ein wenig das Selbstwertgefühl der Russen hebt und daher nicht als völlig abwegig (und wenn zutreffend, dann auch für moralisch richtig erachtet) gleich verworfen wird, so betrachten die meisten Russen die nun von US-Medien in den Raum gestellte These, dass Trumps „Sympathie“ für Putin allein auf Erpressungsmaterialien beruhe, als absoluten Humbug.

„Blödsinn“, sagt so die Moskauer Rentnerin Ludmila. Es wäre doch sehr dumm zu versuchen, Trump zu erpressen, wo er doch ohnehin eine Normalisierung der Beziehungen anstrebe. Putin sei dafür zu klug, meint sie. „Die US-Medien spielen wohl ein Spiel: Wer denkt sich abscheulichere Sachen aus“, klagt Igor Prokoffjew, ein Leser der Internetzeitung „Wsgljad“

Das ist genau der Tenor, den auch die staatlichen russischen Medien anschlagen. Die Übereinstimmung ist kein Wunder: Bezeichnen doch laut einer frischen Umfrage immer noch 57 Prozent der Bevölkerung das Fernsehen als ihre wichtigste Informationsquelle.

Anatoli Kutscherena, als Anwalt des Whistleblowers Edward Snowden zu einiger Bekanntheit gelangt, schreibt in der kremlnahen „Iswestija“ von „merkwürdigen Behauptungen“, die wohl einzig und allein dem Zweck dienten, Trump zu schwächen, um ihm die Möglichkeit zu nehmen, einen eigenständigen Kurs hin auf eine Annäherung an Russland zu fahren.

Kutscherena verweist in seiner Kolumne ironisch darauf, dass die US-Geheimdienste jahrelang Abhörsysteme eingeführt hätten, um sich Vorteile in der internationalen Politik zu verschaffen. „Nun behaupten dieselben Geheimdienste in ihrem gemeinsamen Bericht, dass die USA selbst Opfer einer Spezialoperation im Cyberspace geworden seien.“ Insgesamt enthielten die beiden Berichte aber nicht mehr als Deklarationen und Vermutungen, so der Advokat.

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