Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.06.2012

13:38 Uhr

Russlands Vizepremier Schuwalow

„Beiden Seiten fehlt das Vertrauen“

VonMathias Brüggmann

Als Vizepremier gehört Igor Schuwalow zu den einflussreichsten Politikern Russlands. Im Interview spricht über den deutsch-russischen Handel, die Kapitalflucht und Korruption.

Igor Schuwalow ist seit dem 21. Mai Erster Vizepremier Russlands. dapd

Igor Schuwalow ist seit dem 21. Mai Erster Vizepremier Russlands.

Handelsblatt: Herr Vizepremier, der deutsch-russische Handel wächst sehr dynamisch. Doch die beiderseitigen Investitionen bleiben deutlich dahinter zurück. Warum?

Igor Schuwalow: Es gibt wohl nicht genug Vertrauen. Übrigens auf beiden Seiten, denn wir sprechen ja immer auch über Investitionen in beide Richtungen und über eine gemeinsame Energiepolitik. Aber es kommen Investoren: Allein so ein modernes Werk wie Volkswagen es bei uns hat, ist sehr viel wert. Davon könnte es ruhig noch ein paar mehr in Russland geben.

Und warum kommen die derzeit nicht nach Russland?

Neben dem fehlenden Vertrauen ist es der ständige und heftige politische Streit über eine europäisch-russische Energiepolitik. Die EU drängt hier immer mehr auf Diversifizierung weg von Russland. Das strahlt auf andere Branchen aus. Aber wenn ich mit deutschen Investoren rede, höre ich großes Interesse. Das wollen wir mit allen Mitteln unterstützen.

Russland in Zahlen

Landfläche und Bevölkerung

Russland erstreckt sich über eine Fläche von 16,4 Millionen Quadratkilometern - etwa ein Viertel davon liegt in Europa, der Rest in Asien. 142 Millionen Einwohner zählt das Land. Rund 14,8 Prozent der Einwohner Russlands sind unter 15 Jahre alt - aber nur 13,1 ist über 65. Zum Vergleich: 13,5 Prozent der Deutschen ist unter 15 Jahren - aber mehr als 20 Prozent ist älter als 65.

Bruttoinlandsprodukt und Staatsschulden

2010 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Russland rund 10.356 US-Dollar, 2011 lag es bei 13.235 US-Dollar. Das Wachstum des BIP im Jahr 2011 war vor allem den hohen Ölpreisen geschuldet. Das Wirtschaftswachstum hat sich seit der globalen Krise 2008/09 auf jährlich noch rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eingependelt. Der tiefste Einbruch wurde 2009 verzeichnet, als die Wirtschaft um knapp acht Prozent schrumpfte. Zuvor waren Wachstumsraten um sechs bis sieben Prozent erreicht worden. Allerdings ist Russland fast schuldenfrei: Die Staatsverschuldung liegt bei zehn Prozent des BIP. Russland verfügt zudem über Zentralbankreserven von einer halben Billion Dollar - die drittgrößten der Welt.

Russland, wichtigster Öl- und Gasproduzent der Welt

Russland gilt als wichtigster Öl- und Gasproduzent der Welt. Gleichzeitig ist das Land dadurch abhängig von seinen Rohstoffexporten. Die machen 65 Prozent aller Exporte des Landes und mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen aus.

Arbeitslose

Die Arbeitslosenquote lag 2009 in Russland 6,4 Prozent.(Deutschland 7,4 Prozent). Das Bruttonationaleinkommen lag je Einwohner bei 9.340 US-Dollar. In Deutschland betrug es hingegen bei 42.450 US-Dollar.

Dienstleistungen

57 Prozent des Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet Russland mit Dienstleistungen (Deutschland: 69 Prozent). Das produzierende Gewerbe liegt bei 37,2 Prozent des BIP, die Landwirtschaft bei fünf Prozent (Deutschland: 30,1 Prozent und 0,8 Prozent des BIP). Nur 13,2 Prozent der Fläche wird in Russland landwirtschaftlich genutzt. In Deutschland ist das 48,5 Prozent der Landesfläche.

Das Einkommen der Russen

Der Großteil der Bevölkerung ist arm: Nach Angaben des russischen Statistikamtes verdiente 53,2 Prozent 2011 der Russen nicht mehr als 15.000 Rubel (rund 386 Euro) im Monat. Bei 35,5 Prozent lagt das Monatseinkommen bei 35.000 Rubel (890 Euro). Nur 7,3 Prozent der Bevölkerung  hatten ein monatliches Einkommen zwischen 35.000 und 50.000 Rubel (900 bis 1.287 Euro).

Millionäre in Russland

Die Anzahl der Milliardäre stieg in einem einzigen Jahr von 62 auf 101 (2010). Das Vermögen der zweihundert reichsten Russen betrug 2010 499 Milliarden Dollar, das der hundert reichsten 432 Milliarden Dollar. Das heißt: in Moskau leben mittlerweile mehr Superreiche als in New York. Im Jahr 2011 lebten hier laut "Forbe"s 79 Milliardäre.

Wie denn?

Wir haben einen Plan zur Förderung von Auslandsinvestoren. Damit wollen wir die Verwaltung ändern, die natürlich lange nicht so wie in Europa ausgeprägten Eigentumsrechte stärken und unser Justizwesen modernisieren, das bei weitem nicht so effektiv und transparent ist wie das deutsche oder britische. Da werden wir jetzt fünf, sechs Jahre hart dran arbeiten.

Aber momentan sieht Russland ja nicht nur einen verlangsamten Fluss von Auslandsinvestitionen, sondern eine gigantische Kapitalflucht. Wie erklären Sie das?

Das hat natürlich auch mit unserer Abhängigkeit von Öl und Gas zu tun und den Konjunkturzyklen. Aber auch mit der politischen Ungewissheit im Zuge von erst den Duma-Wahlen im Dezember, dann der Präsidentenwahl im März und jetzt gerade der Regierungsbildung. Die Experten sagen uns voraus, dass nach der vollen Neubesetzung der Regierung jetzt auch Auslandsinvestitionen wieder fließen. Aber Sie haben recht, die Zentralbank rechnet für dieses Jahr mit einem Kapitalabfluss von bis zu 100 Milliarden Dollar.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Hagbard_Celine

01.06.2012, 14:17 Uhr

Schon heute treiben wir mehr Handel mit Russland und Polen zusammen als mit den USA, ein Trend der sich fortsetzen wird.

Die gegenwärtige EU und Russland ergänzen sich fast perfekt, insofern sind die wirtschaftlichen Kräfte die auf eine weitere Annäherung drängen enorm.

Noch steht Russland als der offizielle Verlierer des kalten Krieges in den Büchern, ob das so bleibt liegt größtenteils in den eigenen Händen.

Vielleicht wurde mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Grundstein für das neue Europa gelegt, ein Europa das vom Atlantik bis zum Pazifik reicht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×