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22.08.2012

16:57 Uhr

Russlands WTO-Beitritt

„Wir lassen unsere Unternehmen nicht fallen“

VonOliver Bilger

ExklusivNach 18 Jahren Verhandlung ist Russland Mitglied der Welthandelsorganisation. Viele Unternehmen seien dennoch nicht auf Wettbewerbsdruck eingestellt, räumt Handelsminister Manturow ein - und kündigt Anpassungshilfen an.

Der russische Handelsminister Denis Manturow sieht viele Chancen im Beitritt zur WTO. Reuters

Der russische Handelsminister Denis Manturow sieht viele Chancen im Beitritt zur WTO.

MoskauHandelsblatt: Herr Manturow, Russland tritt der WTO bei – nach 18 Jahren Verhandlungszeit. Bis zuletzt wirkte es, als wolle Russland nicht wirklich Mitglied werden. Warum?
Denis Manturow: Schwierigkeiten gab es vor allem in der letzten Phase, als wir die genauen Bedingungen und wirtschaftlichen Folgen des Beitritts verhandelt haben. Einige Unternehmen und Wirtschaftsverbände hatten Vorbehalte. Doch die Regierung glaubt, dass dieser Schritt positiv ist für unser Land. Mehr als 150 Staaten sind Mitglied der WTO. Daran kann man sehen, dass diese mehr Vor- als Nachteile bringen muss.

Russland hofft auf neue Investitionen aus dem Ausland. Aber gerade kühlt die weltweite Konjunktur ab. Kommt der WTO-Beitritt zu einem ungelegenen Zeitpunkt?
Vermutlich wird das Investitionsvolumen zunächst geringer sein, aber auch westliche Unternehmen wollen sich diversifizieren und weiter expandieren. Sie wollen etwa in die Automobilbranche oder in die Pharmaindustrie unseres Landes investieren. Dort wächst die Binnennachfrage. Der russische Automarkt ist der zweitgrößte Europas, in wenigen Jahren werden wir die Nummer eins sein.

Nach 18 Jahren: Russland wird offiziell WTO-Mitglied

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Nach langen Verhandlungen wird der WTO-Beitritt Russlands am Mittwoch besiegelt.

Welche Vorteile bringt der Beitritt für russische Unternehmen?
Durch den Abbau von Barrieren wird unsere Wirtschaft profitieren. Russische Firmen bekommen einfacheren Zugang zu internationalen Märkten. Zum Beispiel die Metallindustrie. Sie hat in der Vergangenheit wegen Handelsschranken pro Jahr 1,5 bis zwei Milliarden Dollar verloren. Wir bekommen nun die gleichen Rechte wie andere WTO-Mitglieder, dadurch können sich unsere Unternehmen besser auf dem internationalen Markt behaupten.

Viele russische Unternehmen werden es schwer haben auf internationalen Märkten – wenige Unternehmen sind international konkurrenzfähig.
In der Metallindustrie und der Chemiebranche ist das anders. Diese Industrien sind bereits privatisiert. Dort haben Firmen in den vergangenen Jahren viel Geld in die Modernisierung investiert und sind wettbewerbsfähig. Sie können jetzt die Vorteile des WTO-Beitritts genießen, sobald Diskriminierungen gegen russische Unternehmen abgebaut werden. Wir erwarten natürlich auch Einfluss auf andere Branchen.

Russland in Zahlen

Landfläche und Bevölkerung

Russland erstreckt sich über eine Fläche von 16,4 Millionen Quadratkilometern - etwa ein Viertel davon liegt in Europa, der Rest in Asien. 142 Millionen Einwohner zählt das Land. Rund 14,8 Prozent der Einwohner Russlands sind unter 15 Jahre alt - aber nur 13,1 ist über 65. Zum Vergleich: 13,5 Prozent der Deutschen ist unter 15 Jahren - aber mehr als 20 Prozent ist älter als 65.

Bruttoinlandsprodukt und Staatsschulden

2010 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Russland rund 10.356 US-Dollar, 2011 lag es bei 13.235 US-Dollar. Das Wachstum des BIP im Jahr 2011 war vor allem den hohen Ölpreisen geschuldet. Das Wirtschaftswachstum hat sich seit der globalen Krise 2008/09 auf jährlich noch rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eingependelt. Der tiefste Einbruch wurde 2009 verzeichnet, als die Wirtschaft um knapp acht Prozent schrumpfte. Zuvor waren Wachstumsraten um sechs bis sieben Prozent erreicht worden. Allerdings ist Russland fast schuldenfrei: Die Staatsverschuldung liegt bei zehn Prozent des BIP. Russland verfügt zudem über Zentralbankreserven von einer halben Billion Dollar - die drittgrößten der Welt.

Russland, wichtigster Öl- und Gasproduzent der Welt

Russland gilt als wichtigster Öl- und Gasproduzent der Welt. Gleichzeitig ist das Land dadurch abhängig von seinen Rohstoffexporten. Die machen 65 Prozent aller Exporte des Landes und mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen aus.

Arbeitslose

Die Arbeitslosenquote lag 2009 in Russland 6,4 Prozent.(Deutschland 7,4 Prozent). Das Bruttonationaleinkommen lag je Einwohner bei 9.340 US-Dollar. In Deutschland betrug es hingegen bei 42.450 US-Dollar.

Dienstleistungen

57 Prozent des Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet Russland mit Dienstleistungen (Deutschland: 69 Prozent). Das produzierende Gewerbe liegt bei 37,2 Prozent des BIP, die Landwirtschaft bei fünf Prozent (Deutschland: 30,1 Prozent und 0,8 Prozent des BIP). Nur 13,2 Prozent der Fläche wird in Russland landwirtschaftlich genutzt. In Deutschland ist das 48,5 Prozent der Landesfläche.

Das Einkommen der Russen

Der Großteil der Bevölkerung ist arm: Nach Angaben des russischen Statistikamtes verdiente 53,2 Prozent 2011 der Russen nicht mehr als 15.000 Rubel (rund 386 Euro) im Monat. Bei 35,5 Prozent lagt das Monatseinkommen bei 35.000 Rubel (890 Euro). Nur 7,3 Prozent der Bevölkerung  hatten ein monatliches Einkommen zwischen 35.000 und 50.000 Rubel (900 bis 1.287 Euro).

Millionäre in Russland

Die Anzahl der Milliardäre stieg in einem einzigen Jahr von 62 auf 101 (2010). Das Vermögen der zweihundert reichsten Russen betrug 2010 499 Milliarden Dollar, das der hundert reichsten 432 Milliarden Dollar. Das heißt: in Moskau leben mittlerweile mehr Superreiche als in New York. Im Jahr 2011 lebten hier laut "Forbe"s 79 Milliardäre.

Aber was ist mit den Firmen, die der Konkurrenz aus dem Ausland nicht gewachsen sind?
Viele Unternehmen sind im Moment noch nicht bereit, Konkurrenz Stand zu halten, das stimmt. Aber Konkurrenz ist immer gut, denn sie verbessert die Qualität – und davon profitieren die Kunden. Viele Unternehmen brauchen jedoch eine Übergangsphase und Unterstützung vom Staat, damit sie sich modernisieren und vorbereiten können. Zum Beispiel durch Subventionen wie günstige Kredite für die Wiederaufrüstung der Unternehmen. So können sich Firmen auf die neue Konkurrenzsituation einstellen.

Kommentare (3)

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albert

22.08.2012, 20:32 Uhr

was immer man von der udssr auch halten mag: sie war ein industrieland und nicht nur ein rohstoffexporteur.

Rafl

23.08.2012, 04:31 Uhr

Wer aus dem Westen, außer die Konzerne, will nach Russland gehen. Bei der herrschenden Korruption, den willkürlichen Präsidentengesetzen, einer Schnellschußduma wird es westlichen Unternehmern vergehen, auch nur ein paar Euro zu investieren. Wer öffentliche Meinungsäußerung über Kanzler und Präsidenten gewöhnt ist, der wird sich nicht duckmäusernd verhalten wollen in Russland. Dann bleibt er lieber gleich weg und investiert in Polen. Außerdem sind die lebensverhältnisse in Russland nicht geeignet, dass man gesund und gesichert leben kann. Russlands Ruf ist durch das Pussy Riot Urteil schwer geschädigt. Da gebe ich keinen Fünfer aus und so denken viele Menschen.

JOERG

04.09.2012, 11:22 Uhr

Der Aussage das russische Unternehmen nicht wettbewebsfähig sind stimme ich zu. Hier wurde in den letzten 20 Jahren zuwenig getan um eigene Industrie anzuregen. Fachkräfte sind zudem Mangelware und wurden in den letzten 20 Jahren dezimiert. Nur wenige wurden intensiv ausgebildet - Viele haben eher Berufe ergriffen die das schnelle Geld versprachen oder sind in Ausland abgewandert.

Ohnehin ist ein Großteil der Waren bereits Importware. Wenn man durch Supermärkte schlendert muss man schon aufpassen auch mal ein russisches Produkt zu finden. Ich wickle seit einiger Zeit Projekte in Russland ab. Der Aussage von Rafl kann ich nicht zustimmen - vielleicht war dieser auch noch nicht längere Zeit in Russland um die Lage objektiv bewerten zu können.

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