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05.12.2015

14:55 Uhr

San Bernardino und die Folgen

„New York Times“ fordert auf Titelseite schärfere Waffengesetze

Die „New York Times“ wirft ihr publizistisches Gewicht in die Waagschale: Erstmals seit 1920 veröffentlicht sie einen Leitartikel auf der Titelseite. Darin geht sie mit den Politikern hart ins Gericht.

New YorkIn ihrem ersten Leitartikel auf der Titelseite seit fast 100 Jahren fordert die „New York Times“ nach dem Attentat von San Bernardino eine Verschärfung der US-Waffengesetze. Die Schusswaffen-Epidemie in Amerika müsse beendet werden, heißt es in dem am Samstag veröffentlichten Meinungsbeitrag.

Es sei eine „nationale Schande“, dass Zivilisten legal Waffen kaufen dürften, die dazu gemacht seien, „Menschen mit brutaler Geschwindigkeit und Effizienz umzubringen“. Es müsse verboten werden, dass Zivilisten bestimmte Waffen, wie etwa die Sturmgewehre, die in Kalifornien zum Einsatz gekommen seien, erwerben könnten.

Ein Ehepaar hatte am Mittwoch schwer bewaffnet auf einem Fest von Kollegen des Mannes in einer Sozialeinrichtung im kalifornischen San Bernardino 14 Menschen getötet. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei kamen die beiden Täter ums Leben.

Was wir über das Attentat von San Bernardino wissen

Die Tat

Das Ehepaar Syed Farook und Tashfeen Malik eröffnete am Mittwoch, 2. Dezember, in einer Sozialeinrichtung in San Bernadino, Kalifornien, das Feuer. Farook hatte in der Einrichtung gearbeitet. 14 Menschen starben, 21 weitere wurden schwer verletzt. Nach einer Verfolgungsjagd wurde das Paar von der Polizei in ihrem gemieteten SUV erschossen. Nach Darstellung der Behörden gaben Malik und Farook am Tatort bis zu 75 Schüsse ab, sie ließen außerdem drei Rohrbomben in einem ferngesteuerten Sprengsatz zurück, der allerdings nicht funktionierte. Bei den Leichen fanden sich weitere 1600 Schuss Munition. Zwei bei der Tat verwendete Handfeuerwaffen soll Farook legal besessen haben.

Die Täter

Tashfeen Malik stammte aus Pakistan, Syed Farook wurde in den USA geboren. Kennen lernte sich das Paar über eine Online-Dating Plattform und traf sich im Sommer 2014 in Saudi-Arabien, wo Malik vor der gemeinsamen Übersiedlung in die USA zuletzt gelebt hatte. Ende Juli 2014 reiste Malik in die USA ein, das Paar heiratete einen Monat später. Seit Juli 2015 besaß Malik offenbar eine Greencard, nach Angaben der Anwälte von Farooks Familie soll sie allerdings als „fürsorgliche Hausfrau“ sehr zurückgezogen gelebt und Burka getragen haben. Farook soll regelmäßig am Schießstand trainiert haben, allein in der Wiche vor dem Attentat zwei Mal. Das Paar scheint seine Tat lange geplant zu haben, der SUV mit dem Farook und Malik vor der Polizei flohen und in dem sie schließlich erschossen wurden war gemietet, beide hatten ihre Handys entsorgt und versucht, ihre digitalen Spuren zu verwischen. Im Haus und der Garage fand die Polizei zwölf Rohrbomben und mehr als 4500 Schuss Munition. „Die beiden waren möglicherweise auf dem Weg zu weiteren Angriffen“, erklärte Polizeichef Jarrod Burguan. „Wir haben sie vorher gestellt.“ Das Paar hatte eine sechs Monate alte Tochter.

Das sagen die Medien

Der Fernsehsender CNN zitierte am Freitag mehrere Ermittler, laut denen Tashfeen Malik im Internet Kontakt zu der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gesucht hatte. In einem Facebook-Eintrag soll Malik IS-Anführer Abu Omar al-Bagdadi ihre Gefolgschaft versprochen haben. Die „Los Angeles Times“ zitierte einen Facebook-Sprecher, laut dem das Profil mit dem entsprechenden Beitrag inzwischen gelöscht worden sei. Los Angeles' stellvertretender FBI-Direktor David Bowdich bestätigte den Facebook-Post indirekt. Er machte aber keine Angaben zu dessen Bedeutung für die Ermittlungen: „Wir haben das gesehen, was auch Sie gesehen haben.“

Das sagt die Polizei

Die US-Bundespolizei FBI untersucht die Tat inzwischen offiziell als Terrorakt. „Ab heute, auf Basis dessen was wir bis jetzt wissen, werden wir die Schießerei in San Bernardino, der 14 Menschen zum Opfer gefallen sind und 21 verwundet wurden, als einen Terrorakt behandeln“, erklärte der stellvertretende FBI-Direktor von Los Angeles, David Bowdich am Freitagnachmittag. Zunächst hatten die Ermittler vor „voreiligen Rückschlüssen“ gewarnt und auch einen persönlichen Hintergrund für die Tat nicht ausgeschlossen. Mittlerweile gehen die Ermittler davon aus, dass sich Farook und Malik im Internet radikalisierten. Angebliche Verbindungen zur Terrormiliz IS wollte das FBI, trotz Maliks Facebook-Post, hingegen nicht bestätigen. „Wir haben solche Hinweise derzeit nicht“, erklärte FBI-Direktor James Comey. Die genauen Umstände der Radikalisierung sind allerdings auch einige Tage nach der Tat nicht bekannt.

Das FBI geht mittlerweile von einem Terrorakt aus. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bezeichnete das Ehepaar als Anhänger der Organisation, die in Syrien und im Irak große Landesteile kontrolliert und sich auch zu den Anschlägen von Paris bekannt hat.

Die „New York Times“ kritisierte, dass gewählte Politiker für die Opfer von Waffengewalt beteten, nur um anschließend die „einfachsten Einschränkungen für Massentötungswaffen“ abzulehnen. So hätten sie auch nach dem Vorfall in San Bernardino umgehend ablenkend auf Terrorismus verwiesen. Dabei müsse klar sein: „Diese Amokläufe sind alle, auf ihre eigene Weise, Akte des Terrors.“

Zuletzt hatte die „New York Times“ 1920 auf Seite eins einen Leitartikel veröffentlicht. Damals äußerte sie sich bestürzt über die Nominierung von Warren G. Harding zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. Harding gewann noch im selben Jahr die Wahl.

Auch Präsident Barack Obama hat seine Forderung nach einer Verschärfung der US-Waffengesetze erneuert. Diese Tragödie zeige wieder einmal, dass es zu einfach für gefährliche Menschen sei, an Waffen zu kommen. Derzeit könnten Personen, deren Name auf einer Flugverbotsliste stehe, ohne Probleme Waffen kaufen. „Das ist wahnwitzig. Wenn man zu gefährlich ist, um an Bord eines Flugzeugs zu kommen, ist man - per Definition - zu gefährlich für eine Waffe“, sagte Obama in seiner am Samstag verbreiteten wöchentlichen Ansprache. Der Kongress müsse dieses Schlupfloch sofort schließen.

Zu den Ermittlungen sagte der US-Präsident: „Es ist gut möglich, dass diese beiden Angreifer radikalisiert wurden, um diesen Akt des Terrors zu begehen.“ Zunächst sei es aber wichtig, die Ermittlungsergebnisse abzuwarten. „Wir werden das aufklären.“ Es sei bekannt, dass der IS und andere Terrorgruppen Menschen zum Terror anstacheln würden.

An die Adresse derer, die den Amerikanern Leid zufügen wollten, sagte Obama: „Wir sind Amerikaner. Wir werden unsere Werte hochhalten - eine freie und offene Gesellschaft. Wir sind stark. Und wir sind widerstandsfähig. Und wir werden uns nicht terrorisieren lassen.“

Von

rtr

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