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17.01.2016

17:33 Uhr

Sanktionen gegen Iran aufgehoben

„Nukleare Beerdigung“ eröffnet zahlreiche Chancen

VonMartin Gehlen

Politisch nicht mehr isoliert, wirtschaftlich nicht mehr sanktioniert: Für den Iran stellt die Umsetzung des Atomabkommens eine historische Zäsur da. Doch der Deal weckt neue Erwartungen, auch auf deutscher Seite.

Europa hofft nun darauf, dass der Iran zur Lösung regionaler Krisen beiträgt. Reuters

Teheran

Europa hofft nun darauf, dass der Iran zur Lösung regionaler Krisen beiträgt.

WienEs war fast Mitternacht, als das Trio endlich vor die Presse trat. „Iran hat heute seine Verpflichtungen erfüllt – die internationalen und nationalen, wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen gegen Irans Atomprogramm werden aufgehoben“, erklärten am späten Samstagabend die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und Teherans Außenminister Mohammad Javad Zarif, flankiert von seinem US-Amtskollegen John Kerry. Der in Kraft gesetzte Vertrag werde einen Schlüsselbeitrag leisten zu mehr Frieden, Stabilität und Sicherheit, erklärten die drei.

Nur das UN-Waffenembargo bleibt weitere fünf Jahre gültig, das Embargo für Raketenteile acht Jahre. Für die nicht gerade von Erfolg verwöhnte internationale Nahost-Diplomatie war der nächtliche Auftritt in Wien eine historische Zäsur. „Die Beziehungen zwischen Iran und der IAEO beginnen eine neue Phase“, sagte Yukiyo Amano, Generaldirektor der Wiener Atomenergiebehörde. „Ich gratuliere allen, die dies haben Wirklichkeit werden lassen.“

Geschäfte mit dem Iran: Ein Markt mit 80 Millionen neuen Kunden

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Die Sanktionen gegen Iran sind gefallen. Damit öffnet sich ein Milliardenmarkt. Etliche Firmen sind längst am Golf aktiv, deutsche Unternehmen halten sich zurück. Kommt die deutsche Wirtschaft zu spät? Ein Besuch.

Gleichzeitig räumten die Vereinigten Staaten und der Iran, die seit 1980 keine diplomatischen Beziehungen mehr haben, mit einem Austausch von zwölf Häftlingen eine weitere Hürde aus dem Weg, die das Verhältnis in letzter Zeit zusätzlich belastet hatte. In Teheran kam unter anderem der Korrespondent der Washington Post frei. Jason Rezaian saß seit anderthalb Jahren im berüchtigten Evin-Gefängnis. Zwischenzeitlich war ihm unter windigem Vorwand der Prozess wegen Spionage gemacht worden.

„Wir lassen Feindseligkeiten, Verdächtigungen und Verschwörungen hinter uns und schlagen ein neues Kapitel auf zwischen dem Iran und der Welt“, frohlockte daheim Präsident Hassan Rowhani. Dagegen blieb das Staatsfernsehen, was eine Domäne der Hardliner ist, am Sonntag ausgesprochen einsilbig und skeptisch, genauso wie viele Zeitungen der Konservativen. „Nukleare Beerdigung“, titelte das Blatt „Vatan-e Emrouz“ in seiner Sonntagsausgabe und stellte dazu ein Bild von frisch gegossenem Zement.

Wo der Iran Uran anreichert

Natans

Seit 2007 wird in der unterirdischen Anlage südöstlich von Teheran schwach angereichertes Uran (bis fünf Prozent) produziert. Das Material wird in Atomkraftwerken zur Stromgewinnung eingesetzt. Bis August 2013 hatte der Iran 9704 Kilo angehäuft – deutlich mehr, als das Land auch später für sein einziges AKW in Buschehr bräuchte. Zudem installierte Teheran dort eine neue Generation von Zentrifugen, die deutlich schneller mehr anreichern können. Laut IAEA sind bisher rund 1000 neue Zentrifugen einsatzbereit, aber noch nicht in Betrieb.

Fordo

Im Jahr 2009 gab Teheran die Existenz der lange geheim gehaltenen Anreicherungsanlage südlich von Teheran zu. Die Fabrik wurde in einem Tunnelsystem auf einem früheren Militärgelände nahe Ghom gebaut. Hier wird auf bis zu 20 Prozent angereichertes Uran produziert.

Parchin

Bisher verweigerte der Iran Inspekteuren den erneuten Zugang zu der Militäranlage südöstlich von Teheran. Die IAEA geht davon aus, dass dort im Jahr 2000 ein Reaktorbehälter installiert wurde. In Parchin wurden möglicherweise Tests mit Atomsprengköpfen simuliert. Der Iran dementiert das. Seit die IAEA Anfang 2012 Zugang forderte, wurden Gebäude abgerissen, Material weggebracht und der Boden umgegraben.

Buschehr

Im August 2010 wurde in der Stadt am Persischen Golf Irans erstes AKW mit Brennstäben aus Russland eröffnet. Nach Verzögerungen ging der Leichtwasserreaktor rund ein Jahr später in Betrieb.

Isafahan

Im Zentrum der iranischen Atomforschung steht die Anlage zur Produktion von Kernbrennstäben. Auch das in Zentrifugen zur Urananreicherung benötigte Hexafluoridgas wird dort hergestellt.

Arak

Im Westen Irans soll seit 2006 eine Anlage zur Herstellung von schwerem Wasser in Betrieb sein, der dazugehörige Schwerwasserreaktor ist noch im Bau. In Schwerwasserreaktoren fällt Plutonium an, das für die Waffenproduktion verwendet werden kann. Damit könnte sich der Iran einen zweiten Weg für die Produktion einer Bombe eröffnen.

Denn vor wenigen Tagen erst hatte die Islamische Republik die Brennkammer des Schwerwasserreaktors in Arak mit Beton gefüllt und damit faktisch unbrauchbar gemacht. In den Wochen zuvor waren nahezu die gesamten Vorräte von angereichertem Uran an Russland übergeben worden, wo sie zu Brennstäben für den Atomreaktor in Bushehr verarbeitet werden sollen. Der Restbestand auf iranischem Territorium soll in den nächsten 15 Jahren auf maximal 300 Kilo mit einem Anreicherungsgrad von 3,67 Prozent beschränkt bleiben.

In dem hochkomplexen und detaillierten Vertragswerk von Genf verpflichtet sich der Iran zudem, zwei Drittel seiner 19.000 Uranzentrifugen abzubauen und unter die IAEO-Aufsicht zu stellen. Bis 2030 darf eine Anreicherung nur in Natanz stattfinden, nicht in der zweiten unterirdischen Anlage von Fodor, die zu einer Forschungseinrichtung umgebaut wird. Zudem erhält die IAEO für das nächste Vierteljahrhundert außerordentliche Kontrollrechte.

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