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12.08.2014

16:57 Uhr

Sanktionen gegen Russland

China ist der lachende Dritte

VonFinn Mayer-Kuckuk

Die Spirale der gegenseitigen Sanktionen dreht sich. Der Westen bestraft Russland, Russland rächt sich mit Importstopps. Das Spiel kennt viele Verlierer, aber auch Gewinner: China etwa exportiert mehr Obst und Gemüse.

Maisernte in China: Dongning baut hastig ein neues Handelszentrum. dpa

Maisernte in China: Dongning baut hastig ein neues Handelszentrum.

PekingDie chinesische Landwirtschaft profitiert bereits von dem Importstopp, den Russland für europäisches Obst und Gemüse verhängt hat. Mehrere große Hersteller sehen bereits einen erhöhten Auftragseingang. Die Regierungen der nördlichen Grenzprovinzen haben derweil flink reagiert: Sie unterstützen die Lieferung in den wachsenden Ausfuhrmarkt, indem sie neue Infrastruktur schaffen.

Die Stadt Dongning zum Beispiel, eine chinesische Nachbarstadt von Wladiwostok, baut gerade hastig ein neues Großhandelszentrum, wie die Regierung der Provinz Heilongjiang mitteilt. Vereinfachte Zollformalitäten sollen die Abfertigung der Frischware dort erheblich beschleunigen.

China ist der größte Agrarproduzent weltweit. Das Land führt zwar selbst unterm Strich Lebensmittel ein, exportiert aber auch in großem Stil: Die Bauernhöfe des Landes stellen die Hälfte des weltweit verzehrten Gemüses und ein Drittel aller Früchte her.

„Embargo bringt China enorme Chancen“

Die großen Anbieter hoffen nun im Handelskrieg mit der EU auf besonders gute Geschäfte mit Russland. „Das Embargo bringt der chinesischen Landwirtschaft enorme Chancen“, sagt Lu Zuoqi von Shandong Goldfarmer, dem chinesischen Marktführer für Äpfel und Knoblauch.

China könne nach einer Anlaufphase einen nennenswerten Teil dessen Ausgleichen, was Russland nun an Importen aus der EU fehle, glaubt Lu. Südamerika sei dagegen viel weiter von Russland entfernt und hätten geringere Kapazitätsreserven. China und Russland teilen eine 4000 Kilometer lange Grenze im fernen Osten plus einen zusätzlichen Berührungspunkt mit der Provinz Xinjiang, der gar nicht mehr weit von den wichtigen Bevölkerungszentren wie Moskau entfernt liegt.

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

Was wären die Folgen?

Eingriffe in die Finanzierung würden die russische Wirtschaft querbeet treffen. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, schreiben die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB). Sollte die EU dem Beispiel der USA mit einem Verbot für die Finanzierung erster russischer Unternehmen folgen, werde dies zwangsläufig sehr schnell wirken - denn bislang hätten russische Firmen Finanzierungen in Dollar zumindest teilweise durch Finanzierungen in Euro ersetzen können.

Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?

Von Handelsverboten beispielsweise bei Rüstung und Maschinen wären natürlich die Hersteller selbst betroffen. Schon jetzt berichten Maschinenbauer über Einbrüche, obwohl es noch gar keine konkreten Schritte gibt. „Die Russen würden uns die Maschinen ja gern abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch nach Russland ausgeführt werden können“, sagt der Präsident Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um. Die mittelständische Wirtschaft fürchtet, dass ein Embargo bei uns vor allem auf Klein- und Mittelbetriebe in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektronische Erzeugnisse, Pharma und Nahrungsmittel zurückschlagen würde.

Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?

Russland hat zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land aber nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden, hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft.

Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?

Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen.

Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

Auch das ist völlig unklar. Allerdings hätte Moskau genügend Mittel für einen Gegenschlag: Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Ein Großteil der Wirtschaftsmacht des „Rohstoffgiganten Russland“ beruht auf Erdöl, Erdgas, Kohle sowie Metallen wie Nickel, Aluminium. Und genau hier könnte das Drohpotenzial liegen - theoretisch zumindest: „Nach rationalen Erwägungen würden sich die Russen stärker selbst schaden, wenn sie uns den Gashahn beginnen abzudrehen, weil sie ... von den Einnahmen daraus abhängig sind“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Donnerstag im Südwestrundfunk.

Die chinesischen Eisenbahnlinien und Autobahnen sind gut ausgebaut – es hapert eher auf der russischen Seite. Die Landroute bis zu den Großhandelszentren dauert etwa 20 Tage.

Die russischen Importpartner der Chinesen haben offenbar früh geahnt, was auf sie zukommt: Höhere Bestellungen sind bereits ab April eingegangen. Der entscheidende Engpass sei jetzt der Transportweg selbst, sagt Agrar-Manager Lu dem Branchendienst Freshfruitportal. Die Eisenbahnverbindungen zwischen China und Russland sind in vergleichsweise schlechtem Zustand. Beide Seiten erwarten nun, dass vor allem Russland mehr in die Infrastruktur investiert, was dem gegenseitigen Handel auch langfristig nützen dürfte.

Chinesische Branchenexperten schätzen, dass Russland in diesem Jahr rund 700.000 metrische Tonnen mehr Obst abnimmt als im Vorjahr.

Kommentare (8)

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Horst Schmidt

12.08.2014, 17:07 Uhr

Ich habe in thailändischen Zeitungen gelesen, dass man sich auch dort auf Verkäufe freuen würde. Da wird womöglich das hier nur negativ beschriebene Reisankaufsprogramm doch noch einigermassen gut zu Ende gehen - denn die Weltmarktpreise sind auch gerade für manche Produkte von dort recht gut. Naja, wir laufen ja der angeblichen Weltpolizei und den Nato- und EU-Imperialisten hinterher, da dürfen wir wenigstens die Geldrechnung begleichen. Hoffentlich bringen uns diese unüberlegten Handlungen nicht noch einen Krieg ein. Mehr kann man von unseren Politikern, mit ihrer Überversorgung und des schlaffen Beamtenappertes ja nicht erwarten.

Herr Woldemar von Stechlin

12.08.2014, 17:24 Uhr

Der Chinese ist halt pfiffig. Der Deutsche piefig...

Herr Peter Spiegel

12.08.2014, 17:53 Uhr

China ist der lachende Dritte.

Wie immer, völlig daneben die Regierung und die EU.

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