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29.06.2014

12:02 Uhr

Sarajevo-Attentat

Gedenken an 1914 spaltet Bosnien

Vom Umgang mit der Geschichte: Der 100. Jahrestag des Attentats von Sarajevo, das den Ersten Weltkrieg auslöste, hat deutlich gemacht, wie tief der Graben zwischen Bosniern und Serben immer noch ist.

Der Attentäter Gavrilo Princip (r.) und Mitverschworene des Attentats auf der Anklagebank. AFP

Der Attentäter Gavrilo Princip (r.) und Mitverschworene des Attentats auf der Anklagebank.

Sarajevo/VisegradHundert Jahre nach dem tödlichen Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand spaltet die Erinnerung an die Tat die Menschen in Bosnien-Herzegowina. Die Serben boykottierten am Samstag die offiziellen Gedenkveranstaltungen in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, wo die Wiener Philharmoniker am Abend ein Konzert gaben. Stattdessen versammelten sich hunderte Menschen in Visegrad, um den Attentäter Gavrilo Princip als Freiheitskämpfer zu würdigen.

Das Konzert „für den Frieden“ der Wiener Philharmoniker fand in dem imposanten Bau der Nationalbibliothek im neo-maurischen Stil statt. Gespielt wurden Stücke von Franz Schubert, Joseph Haydn, Johannes Brahms und anderen.

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28. Juni 1914

Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau werden in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo vom Gymnasiasten Gavrilo Princip im Auftrag der serbischen Geheimorganisation «Schwarze Hand» erschossen.

5. Juli

Alexander Graf Hoyos, Mitarbeiter im Außenministerium der Donaumonarchie, reist mit einem Memorandum zur Balkanpolitik und einem Schreiben von Kaiser Franz Joseph nach Berlin. Der Monarch bittet Kaiser Wilhelm II. um Unterstützung im Kriegsfall mit Serbien.

6. Juli

Wilhelm II. versichert Österreich-Ungarn offiziell mit einer «Blankovollmacht» seiner unbedingten Bündnistreue.

20. - 23. Juli

Beim Besuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré in Russland sichern sich beide Staaten Unterstützung im Bündnisfall zu.

23. Juli

Wien stellt ein 48-Stunden-Ultimatum an Serbien. Die gegen Österreich-Ungarn gerichteten Umtriebe sollen unter österreichischer Beteiligung bekämpft und die Schuldigen bestraft werden.

25. Juli

Serbien akzeptiert alle Forderungen, soweit sie nicht seine Souveränität einschränken. Wien hält die Antwort für unbefriedigend, bricht die diplomatischen Beziehungen ab und ordnet Teilmobilmachung an. Da Russland Hilfe zusichert, macht auch Serbien teilmobil.

28. Juli

Englische und deutsche Vermittlungsversuche scheitern. Vorgeschlagen war, eine Botschafterkonferenz einzuberufen und direkte Verhandlungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn aufzunehmen. Doch Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

30. Juli

Zar Nikolaus II. ordnet die Generalmobilmachung an.

1. August

Da Russland das deutsche Ultimatum, die Mobilmachung rückgängig zu machen, verstreichen lässt, erklärt Berlin Russland den Krieg. Zwei Tage später folgt die Kriegserklärung an Frankreich.

4. August

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg und Belgien erklärt Großbritannien dem Reich den Krieg.

Vor hundert Jahren befand sich in dem Gebäude das Rathaus von Sarajevo – der letzte Ort, den Franz Ferdinand und seine Frau vor ihrer Ermordung durch den nationalistischen Serben Princip besuchten. Vor dem Konzert protestierte eine kleine Gruppe mit Princip-Masken gegen die „kapitalistische Besatzung“.

In Visegrad würdigten führende Politiker der Serben in Bosnien und Serbien Princip als Helden. Die Schüsse von Princip seien „keine Schüsse gegen Europa gewesen, sondern Schüsse für die Freiheit“, sagte der Präsident von Bosniens serbischer Teilrepublik, Milorad Dodik.

„Wir werden heute nicht von denjenigen sprechen, die versuchen, unsere Geschichte zu vergiften oder uns zwingen wollen zu vergessen“, sagte der serbische Regierungschef Aleksandar Vucic vor hunderten Zuhörern im Herzen von Visegrad unweit der Grenze zu Serbien.

Zuvor hatten Vucic und Dodik ein Mosaik enthüllt, das die Gruppe hinter dem Anschlag, allen voran Princip, zeigt. Erst am Freitag war Princip in Sarajevo mit einem Denkmal geehrt worden. Hunderte Menschen kamen zur Einweihung der zwei Meter hohen Bronzestatue. „Wir sind für immer Freiheitskämpfer“, rief Nebojsa Radmanovic, der als Vertreter der bosnischen Serben im Staatspräsidium von Bosnien-Herzegowina sitzt.

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