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19.11.2012

08:43 Uhr

Sarkozy-Nachfolger

Chaos bei der Wahl des neuen UMP-Chefs

Die Wahlkommission hat die Auszählung der Stimmen nach Auswertung von rund 50 Prozent der abgegebenen Stimmen ausgesetzt. Zuvor hatten sich beide Bewerber, Generalsekretär Copé und Ex-Premier Fillon, zum Sieger erklärt.

Duell auf Augenhöhe:  Jean-Francois Copé (l.) und Francois Fillon AFP

Duell auf Augenhöhe: Jean-Francois Copé (l.) und Francois Fillon

ParisEine Wahl, zwei Sieger: Bei der Urwahl des neuen Parteivorsitzenden führt die Rechtspartei UMP sich auf wie der Wahlverein einer Bananenrepublik. Nachdem die beiden verfeindeten Lager den Abend über schimpften, es habe schwerwiegende Unregelmäßigkeiten gegeben, erklärten sich kurz vor Mitternacht einfach beide Kandidaten zum Sieger.

Am Montagmorgen dann die Ernüchterung: Die Wahlkommission setzte die Auszählung der Stimmen nach Auswertung von rund 50 Prozent der abgegebenen Stimmen aus. „Im Moment gibt es noch keinen Sieger“, sagte der Präsident des Gremiums, Patrice Gélard. Die Auszählung soll den Angaben zufolge am Montag fortgesetzt werden.

Fillon zeigte sich schockiert angesichts der Probleme bei der Auswertung der Wahl und kritisierte die Organisation des parteiinternen Urnengangs als problematisch. Sowohl Anhänger von Fillon als auch von Copé sprachen überdies von Unregelmäßigkeiten in einigen Wahlbüros.

Frankreichs Rechte ist seit dem Machtverlust im Mai vor allem mit einem beschäftigt: Einen Nachfolger für Nicolas Sarkozy zu finden. Seit Monaten lief ein interner Wahlkampf, bei dem sich zwei Kandidaten gegenüberstanden: François Fillon, fünf Jahre lang Premierminister unter Nicolas Sarkozy, wegen seines Mitte-Kurses über die Parteigrenzen hinaus geachtet und geschätzt und Jean-François Copé, Generalsekretär der Partei UMP, der offen für einen rechteren, härteren Kurs eintritt. Im Wahlkampf haben die beiden sich nichts geschenkt, doch am Wahlabend, nach der Entscheidung von rund 160.000 Parteimitgliedern haben sie sich selbst übertroffen. Um 23:30 Uhr erklärte Copé: „Die Mitglieder der UMP haben mir einen klaren Wahlsieg geschenkt.“ 1058 Stimmen mehr als der Gegenkandidat habe er erhalten. François Hollande müsse sich in Acht nehmen, er habe es nun mit einem starken Oppositionsführer zu tun. „Dem Wahlverlierer Fillon reiche ich die Hand zur Versöhnung.“

Eine Viertelstunde später trat sein Gegenspieler Fillon vor die Presse und stellte mit sonorer Stimme fest: „Ich habe einen Vorsprung von 214 Stimmen, die UMP-Mitglieder haben mich gewählt und ich werde nicht zulassen, dass ihr Wahlergebnis gestohlen wird.“ Man habe alle abgegebenen Stimmen nachgezählt und sei zu einem klaren, wenn auch knappen Ergebnis gekommen. Nur in einem stimmten die beiden überein: Die Wahl sei ein Vorbild für innerparteiliche Demokratie. Was allerdings weder das Copé- noch das Fillon-Lager daran hinderte, zahlreiche Betrügereien und Fälschungen zu beklagen: Es seien in mehreren Wahlbüros deutlich mehr Stimmen abgegeben worden als stimmberechtigte Mitglieder registriert waren.

Weder Copé noch Fillon hielten sich an die Spielregeln: Danach hätte die parteiinterne Kontrollkommission das Ergebnis prüfen und dann bekanntgeben müssen. Doch Copé, der vor der Wahl durch die Mitglieder als wahrscheinlicher Verlierer gehandelt wurde, wollte den regulären Wahlgang nicht einhalten und preschte vor, worauf Fillon sich nicht als Verlierer hinstellen lassen wollte. Eigentlich kennt man solche Verhältnisse nur von Parteien, die weniger Erfahrung mit demokratischen Wahlen haben als Frankreichs Konservative. Tatsächlich kostet dieser kabarettreife Akt der Selbstzerfleischung die Rechte enorm viel Prestige. Im Mai hat sie die Macht verloren, nun verliert sie auch noch die Selbstbeherrschung und damit den Respekt der Franzosen. So oft die Wahlzettel auch nachgezählt werden, der eigentliche Sieger steht fest, er heißt François Hollande. Der Präsident dürfte einen der angenehmsten Abende seit seinem Wahlsieg verbracht haben. Wer will auf absehbare Zeit dieser Rechten die Geschicke des Landes anvertrauen?

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