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08.01.2016

19:10 Uhr

Saudi-Arabien gegen Iran

„Die Aufschieberei der westlichen Politik rächt sich"

VonJakob Blume

Der Streit zwischen Saudi-Arabien und Iran ist kein Religionskonflikt, meint der Nahost-Experte Ali Fathollah-Nejad . Beide Staaten Kämpfen um die Vorherrschaft im arabischen Raum. Der Westen könnte vermitteln – tut aber nichts.

Demonstranten nahe der saudischen Botschaft in Teheran protestieren Anfang Januar gegen die Exekution des schiitischen Geistlichen al-Nimr. dpa

Protest around the Saudi Arabia embassy in Tehran

Demonstranten nahe der saudischen Botschaft in Teheran protestieren Anfang Januar gegen die Exekution des schiitischen Geistlichen al-Nimr.

DüsseldorfSaudi-Arabien vollstreckt die Todesstrafe gegen 47 Menschen, darunter einen prominenter schiitischer Geistlicher. Daraufhin entlädt sich die Wut auf Teherans Straßen, die saudische Botschaft wird gestürmt. Was wirkt wie ein Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ist tatsächlich ein Kampf um Macht und Einfluss in der Golfregion, meint der Nahost-Experte Ali Fathollah-Nejad.

Herr Fathollah-Nejad, was steckt hinter dem diplomatischen Säbelrasseln zwischen Iran und Saudi-Arabien?
Dabei geht es nicht, wie vielfach angenommen, um einen religiösen Streit zwischen Schiiten und Sunniten. Beide Länder fechten vielmehr einen Hegemonial-Konflikt aus. Teheran und Riad kämpfen um die Vorreiter-Rolle in der Region und in der islamischen Welt. Die religiösen Spannungen dienen da eher als Instrument. Die gegenwärtige Eskalation ist indes Symptom einer sich verändernden regionalen Machtbalance: Nachdem Iran im vergangenem Jahrzehnt zur stärksten Macht in Westasien avancierte und sich nun in einem Annäherungsprozess mit dem Westen befindet, fürchtet Saudi-Arabien um seine Stellung als Hauptpartner des Westens am Golf mit all den dazugehörigen Privilegien. In Riad herrscht deswegen viel Furor, aber auch Panik. 

Die Exekution des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr hat jedoch auch in anderen Ländern mit schiitischen Gemeinden für Empörung gesorgt, etwa in Indien und Pakistan.
Richtig. Al-Nimr hat zuletzt durch seine Rolle bei den Aufständen in der von Schiiten bewohnten Ostprovinz Saudi-Arabiens im Zuge des Arabischen Frühlings eine gewisse Reputation über die Landesgrenzen hinweg entwickelt. Daher konnte der politische und religiöse Führer Irans, Ajatollah Chamenei, der für sich die Führerschaft zumindest der schiitischen Welt beansprucht, unmöglich zu al-Nimrs Exekution schweigen. Die Angriffe auf diplomatische Vertretungen der Saudis in Iran haben allerdings Teheran die Möglichkeit entrissen, aus den Massenhinrichtungen einen PR-Erfolg zu machen. Vielmehr ist es ein Eigentor geworden.

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten

Die große Mehrheit...

... nämlich etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten, nur in wenigen Ländern stellen Schiiten die Mehrheit. Dazu zählen der Iran, der Irak und Bahrain. Der Konflikt im Jemen droht sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten und damit zwischen deren Schutzmächten Saudi-Arabien und dem Iran zu entwickeln. Die Auseinandersetzung lenkt das Augenmerk auf diese beide größten Glaubensrichtungen des Islam.

Eine Frage des Propheten...

... ist die Entstehung der beiden Glaubensrichtungen Sunniten und Schiiten. Die muslimische Gemeinschaft spaltete sich im Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed im siebten Jahrhundert. Die Mehrheit der Muslime wollte damals einen geeigneten Kandidaten frei bestimmen. Die Minderheit dagegen verlangte, dass der Nachfolger aus Mohammeds Familie stammen müsse, und legte sich auf seinen Vetter Ali fest. Die Anhänger dieser Minderheit wurden "Schiat Ali", Partei Alis, genannt, woraus sich die Bezeichnung Schiiten entwickelte. Der Begriff Sunniten leitet sich von der Sunna ab, den Überlieferungen des Propheten.

Konfliktlinien...

... ergeben sich entsprechend. Die Sunniten lehnen die Heiligenverehrung und den Märtyrerkult der Schiiten strikt ab. Die Schiiten wiederum fühlen sich oft als Opfer der Sunniten. Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der beiden Konfessionen gibt es nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Ländern wie Pakistan.

Als Schutzmacht...

... der Sunniten sieht sich das Königreich Saudi-Arabien. Der Iran betrachtet sich als Interessenvertreter der Schiiten. Beide Staaten konkurrieren um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Kenner der Region gehen davon aus, dass der Iran durch die aktuellen Umwälzungen und die Aussichten auf eine Einigung im Atomstreit nach jahrzehntelanger Isolation an Stärke gewinnen dürfte. Die mit den USA verbündeten saudischen Ölscheichs dagegen dürften an Einfluss verlieren.

Im Jemen...

... ist der Islam ist Staatsreligion. Im Süden leben vor allem sunnitische Schafeiten, im Norden schiitische Zaiditen und eine ismailitische Minderheit. Viele Sunniten im Jemen befürchten, dass die Huthi-Rebellen die Revolution von 1962 rückgängig machen und das saiditische Imamat wiederaufbauen wollen, das das jemenitische Hochland 1000 Jahre lang beherrschte.

Die Huthis hatten sich ursprünglich zusammengefunden, um die Interessen der Zaiditen zu verteidigen. Ihre Anhänger fühlten sich unter der jahrzehntelangen Herrschaft des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh bedroht, obwohl dieser selbst den Zaiditen angehört.

Auf die Wiederkehr...

... des im neunten Jahrhundert in Samarra verschwundenen zwölften Imans, der als „Mahdi“ (Erlöser) die Welt retten soll, wartet die große Mehrheit der Schiiten. Sie werden daher Zwölfer-Schiiten genannt. Ajatollah Ruhollah Chomeini machte die Glaubensrichtung 1979 zur Grundlage der Islamischen Republik Iran. Zwölfer-Schiiten leben heute vor allem im Iran, im Irak und im Libanon.

Weitere Strömungen des Schiismus...

... sind die Ismailiten, die Drusen, die Alawiten. Die Ismailiten werden auch als Siebener-Schiiten bezeichnet. Das Oberhaupt einer Ismailiten-Gruppierung ist der Aga Khan, der mit seiner gleichnamigen Stiftung Entwicklungshilfe-Projekte vor allem in Asien und Afrika fördert. Von den Ismailiten leiten die Drusen ihre Geheimreligion ab. Sie leben vor allem im Libanon. Die Alawiten, zu denen der syrische Staatschef Bashar al-Assad zählt, werden ebenfalls dem vielfältigen Spektrum des schiitischen Islam zugerechnet. Auch der alawitische Glaube gilt als Geheimreligion, über die nicht viel bekannt ist. Zudem werden die Alewiten zu den Schiiten gezählt. Die meisten Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft leben in der Türkei, wo die Mehrheit der Muslime allerdings sunnitisch ist.

Konservative Strömungen...

... gibt es vor allem bei den Sunniten. Anhänger des Salafismus etwa streben die Rückkehr zu einem fundamentalistisch interpretierten Ur-Islam an. Ihr Name leitet sich von den arabischen Worten für „die rechtschaffenen Altvorderen“ ab. Ziel der Salafisten ist die Errichtung eines Gottesstaates. Die Bewegung gilt als Durchlauferhitzer für die Radikalisierung von Attentätern.

In Deutschland...

... und vielen anderen Ländern ist der Salafismus die am schnellsten wachsende islamistische Bewegung. Auch die Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe, die Anschläge in Deutschland vorbereitet hatten und 2007 verhaftet wurden, gehörten zu den Salafisten. Der Wahhabismus ist die wichtigste ideologische Strömung im Salafismus. Er geht auf den Gelehrten Muhammad Ibn Abdalwahhab zurück und ist Staatsreligion in Saudi-Arabien. Das Königreich fördert mit Spenden die Ausbreitung der konservativen Lehre weltweit.

Islamistenorganisationen...

... sind häufig im sunnitischen Islam zu finden. Die 1928 von Hassan al-Banna in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft gilt als älteste sunnitische Islamistenbewegung. Sie ist in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Ländern vertreten. Aus der Muslimbruderschaft ging unter anderem die palästinensische Hamas hervor.

Bekannter...

... ist die Mitte der 80er-Jahre gegründete Extremistenorganisation al-Qaida (Die Basis), die unter ihrem inzwischen getöteten Anführer Osama bin Laden für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich ist. Ihr syrischer Ableger heißt Dschabhat al-Nusra (Nusra-Front). Im Jemen hat al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AKAP), die als aggressivster Arm der Organisation gilt, ihren Sitz. Die radikale Gruppe bekannte sich zuletzt zu dem Anschlag auf die französische Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ und betrachtet alle Schiiten als ihre Feinde.

Die Miliz Islamischer Staat...

... ist besonders im Irak und Syrien aktiv und sorgt dort seit über einem Jahr für Terror. Sie wurde 2003 unter dem Namen al-Qaida im Irak von dem Jordanier Abu Mussab al-Sarkaui gegründet und wird inzwischen von Abu Bakr al-Baghdadi geführt. Er liegt mit der ursprünglichen al-Qaida die von Aiman al-Sawahiri von Pakistan aus gesteuert wird, im Clinch. Der IS gilt als derzeit radikalste Islamistengruppe.

Die bekannteste schiitische Extremisten-Organisation...

.. ist die libanesische Hisbollah. Sie wurde 1982 gegründet. Unterstützung erhält die Schiiten-Organisation vom Iran und Syrien. Einheiten der Hisbollah kämpfen in Syrien auf Seiten von Assads Truppen.

Was bedeuten die wachsenden Spannungen zwischen beiden Ländern für die Region?
Nichts Gutes. Die Chancen auf politische Lösungen in vielen Konfliktherden, vor allem in Syrien, rücken in noch weiterer Ferne, zumal Teheran und Riad ihren hegemonialen Wettbewerb eher noch verschärfen werden. Die Leidtragenden sind in erster Linie die Menschen in den Bürgerkriegs-Ländern, die durch diese Polarisierung aufgerieben werden.

Wird dadurch auch die arabische Allianz im Kampf gegen den IS geschwächt?
Das von Riad gebildete Militärbündnis muss dabei noch seine Ernsthaftigkeit unter Beweis stellen. Denn für Saudi-Arabien genießt nicht der Kampf gegen IS Priorität, sondern jener gegen Iran. Solange dies so ist, wird man weiterhin radikalislamistische Gruppierungen zumindest dulden, solange sich diese gegen iranischen Einfluss richten. 

Ali Fathollah-Nejad  ist Nahost-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Ali Fathollah-Nejad

Ali Fathollah-Nejad ist Nahost-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Muss sich die deutsche Wirtschaft auf geringere Exporte nach Saudi-Arabien einstellen?
Derzeit stehen deutsche Politiker unter hohem öffentlichen Druck, den Eindruck eines Schulterschlusses mit Saudi-Arabien nicht aufkommen zu lassen. So ist man bemüht, den lange benutzten Begriff der strategischen Partnerschaft zu vermeiden. Dennoch, es gibt nach wie vor im Westen, auch in Deutschland, handfeste wirtschaftliche Interessen gegenüber Saudi-Arabien. Dass aber Rüstungsexporte noch breitere Verurteilung finden als bislang, davon ist auszugehen. 

Welche Nahost-Strategie sollten Europa und die USA verfolgen?
Der Westen steckt in einem Dilemma: Er will den Spagat hinbekommen, ein gutes Verhältnis zu Iran zu entwickeln, ohne Saudi-Arabien oder Israel zu verprellen. Dies ist bereits in den letzten beiden Jahren kaum gelungen und wird jetzt noch schwieriger. Allerdings hat es der Westen auch versäumt, sich rechtzeitig für eine regionale Sicherheitsstruktur nach dem Vorbild der OSZE einzusetzen. Iran, Saudi-Arabien, aber auch Israel müssten so eingebunden werden. Passiert ist allerdings nicht viel. Diese Prokrastination der westlichen Politik rächt sich nun in einer Region, die zusehends aus den Fugen gerät. Es wird Zeit, dass bei jenen Fragen der Druck aus Washington und auch aus Berlin steigt.

Ali Fathollah-Nejad ist Experte für den Nahen Osten und Nordafrika der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Der promovierte Politologe hat zuvor unter anderem an der Freien Universität Berlin und der Westminster University in London gelehrt.

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