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05.01.2016

10:32 Uhr

Saudi-Arabien nach den Hinrichtungen

Auch Kuwait bricht diplomatische Beziehungen zu Iran ab

Mit einer Massenhinrichtung hat Saudi-Arabien erhebliche Spannungen in der Golf-Region ausgelöst. Immer mehr Länder brechen die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab. Und Saudi-Arabien sieht sich weiter im Recht.

Demonstrant mit einem Bild von Nimr al-Nimr in Bahrain: In mehreren Ländern der Region kam es zu Protesten gegen die Hinrichtung in Saudi-Arabien. dpa

Protest in Bahrain

Demonstrant mit einem Bild von Nimr al-Nimr in Bahrain: In mehreren Ländern der Region kam es zu Protesten gegen die Hinrichtung in Saudi-Arabien.

New York/Ankara/BerlinSaudi-Arabien hat die umstrittene Hinrichtung von 47 Menschen wegen Terrorismus-Vorwürfen verteidigt. Die Angeklagten hätten faire und gerechte Verfahren ohne Berücksichtigung ihrer religiösen Zugehörigkeit gehabt, hieß es am Montag in einer Erklärung der saudi-arabischen Vertretung bei den Vereinten Nationen (Uno). Das Königreich bedauere zutiefst, dass Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sich besorgt über die Vorwürfe gegen die Delinquenten und die Prozesse geäußert habe.

Nach den Übergriffen auf die saudische Botschaft im Iran ruft auch Kuwait seinen Botschafter aus dem Nachbarland zurück. Das meldete die staatliche Nachrichtenagentur Kuna am Dienstag unter Berufung auf das kuwaitische Außenministerium. Der Erstürmung der saudischen Botschaft in Teheran stelle einen „groben Bruch“ internationaler Verträge dar, hieß es. In den vergangenen Tagen hatten das sunnitische Saudi-Arabien sowie seine Verbündeten Bahrain und Sudan ihre diplomatischen Beziehungen zum schiitischen Iran beendet. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate zogen ihren Botschafter ab und ersetzen ihn durch einen Geschäftsträger.

Die Massenhinrichtung am Wochenende hat zu schweren Spannungen in der Golf-Region geführt. Unter den im sunnitischen Saudi-Arabien Exekutierten war auch der prominente schiitische Geistliche und Kritiker des Königshauses, Nimr al-Nimr. Dessen Tod hatte insbesondere im schiitischen Iran heftige Proteste ausgelöst.

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Nach Saudi-Arabien und Bahrain bricht auch der Sudan die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab. Die Großmächte fordern Riad und Teheran zum Dialog auf. Sie fürchten eine weitere Destabilisierung in Nahost.

Nachdem aufgebrachte Demonstranten die saudi-arabische Botschaft in Teheran gestürmt hatten, brach das sunnitische Saudi-Arabien seine diplomatischen Beziehungen zum schiitischen Iran ab. Die beiden Länder ringen um die Vormachtstellung in der Region. Länder wie die USA, Frankreich, Deutschland, China und Russland äußerten sich besorgt über die Lage und forderten eine diplomatische Lösung.

Nach den Worten von Uno-Botschafter Abdullah al-Muallimi steht Saudi-Arabien nach wie vor hinter den Friedensbemühungen für Syrien und dem Jemen. Der diplomatische Bruch mit Teheran sollte keine Auswirkungen auf die anstehenden Gespräche haben, sagte al-Muallimi am Montag in New York.

Vertreter Saudi-Arabiens, das im syrischen Bürgerkrieg die Opposition unterstützt, werden zur nächsten Runde der Friedensverhandlungen am 25. Januar in Genf erwartet. Teheran, das hinter der syrischen Regierung von Präsident Baschar al-Assad steht, lässt bisher noch offen, ob es an dem Treffen teilnimmt.

Türkei: Nahost ist „bereits ein Pulverfass“

Auch die Türkei richtete einen Entspannungsappell an Saudi-Arabien und den Iran. Der Nahe Osten sei „bereits ein Pulverfass“ und könne eine neue Krise nicht verkraften, mahnte der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmus am Montag nach einem Kabinettstreffen vor Reportern. Sowohl Riad als auch Teheran würden unter den „feindseligen Haltungen“ leiden. Sie müssten die Spannungen beiseitelegen, forderte Kurtulmus.

Nach Saudi-Arabien kappten am Montag auch Bahrain und Sudan ihre direkten diplomatischen Verbindungen nach Teheran. Die Vereinigten Arabischen Emirate riefen ihren Botschafter zurück. Saudi-Arabien stoppte auch alle Flüge vom und in den Iran. Der legte mit neuer Kritik nach.

Die Regionalmacht Iran

Bevölkerungszahl

Der Iran ist schon alleine wegen der Bevölkerungszahl von fast 80 Millionen eine Macht in der Golf-Region. Der Gottesstaat war jedoch wegen seiner kompromisslosen Atompolitik in den vergangenen zehn Jahren international isoliert. Die im Zusammenhang mit dem Atomstreit verhängten Sanktionen führten in dem öl- und gasreiche Land auch zu einer Wirtschaftskrise. Viele Beobachter rechneten daher mit einem zweiten Nordkorea am Persischen Golf.

Politische Ausrichtung

Mit dem Sieg von Hassan Ruhani bei der Präsidentenwahl 2013 im Iran änderte sich jedoch das Bild. Sein Wahlslogan „Versöhnung mit der Welt“ führte im Juli 2015 zu einem Atomabkommen mit dem Westen. Der Iran wurde plötzlich zu einem potenziellen politischen und wirtschaftlichen Partner des Westens in einer von Krisen geschüttelten Region. Besonders im Syrien-Konflikt hofft der Westen auf eine positive Rolle Teherans.

Religiöse Ausrichtung

Mit seinen beiden gut ausgerüsteten Streitkräften - der klassischen Armee und den Revolutionsgarden – kann Iran besonders im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eine entscheidende Rolle spielen. Diese Rolle aber ist innerhalb der Region höchst umstritten, unter anderem bei der anderen Regionalmacht Saudi-Arabien. Ideologische und besonders religiöse Differenzen zwischen dem schiitischen Iran und den sunnitisch-wahhabistischen Saudis sorgen daher immer wieder für Spannungen in der Region.

Der türkische Vize-Regierungschef Kurtulmus kritisierte sowohl die Attacken auf saudi-arabische diplomatische Vertretungen im Iran als auch die Hinrichtung al-Nimrs. „Genug ist genug. (Die Region) braucht Frieden und Ruhe. Jeder muss mit Umsicht handeln“, sagte er.

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