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05.01.2016

17:45 Uhr

Saudi-Arabien und die USA

Washington in der Zwickmühle

Wegen Menschenrechtsverletzungen steht Saudi-Arabien seit langem in der Kritik. Doch die Saudis haben viel Öl, Geld und Einfluss. Das macht sie zu einem wichtigen Partner. Doch die Beziehungen werden schwieriger.

Riad nimmt es der US-Regierung übel, dass diese die Vereinbarung mit dem Iran vorangetrieben hat. Reuters

Saudi-Arabiens König Salman und US-Präsident Barack Obama

Riad nimmt es der US-Regierung übel, dass diese die Vereinbarung mit dem Iran vorangetrieben hat.

Washington/RiadEigentlich dürften die USA mit einem Land wie Saudi-Arabien gar keine Beziehungen unterhalten – zumindest keine freundschaftlichen. Werte wie Freiheit und Demokratie, für die USA unverrückbare Verfassungsgrundsätze, gelten in Saudi-Arabien wenig bis nichts.

Und dennoch: Das Verhältnis zwischen Washington und Riad ist gut. Und das seit Jahrzehnten. Beide Seiten verbindet eine stabile Partnerschaft, seitdem sich der US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Frühjahr 1945 an Bord der USS Quincy im Sues-Kanal erstmals mit dem saudischen Staatsgründer Abdul Asis Ibn Saud traf.

Kritiker werfen den USA sogar Duckmäusertum vor. Lange Zeit war es US-Firmen untersagt, jüdische Mitarbeiter in ihre saudischen Niederlassungen zu schicken. US-Christen durften in dem streng islamisch-konservativen Golfkönigreich nur hinter verschlossenen Türen und versteckt vor der Religionspolizei beten.

Das Verhältnis hängt am Öl und an den Waffen. Die Amerikaner brauchten die Saudis jahrzehntelang als verlässlichen Lieferanten von Rohöl und gut betuchten Abnehmer von Militärwaffen. Der Schutz des Königreiches war Washington 1990 so wichtig, dass die USA nach dem Einmarsch irakischer Soldaten in Kuwait sogar Truppen nach Saudi-Arabien verlegten. Konservative in dem Königreich waren außer sich, als „Ungläubige“ in Uniform das Land betraten, in dem mit Mekka und Medina die für Muslime heiligsten Orte liegen.

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten

Die große Mehrheit...

... nämlich etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten, nur in wenigen Ländern stellen Schiiten die Mehrheit. Dazu zählen der Iran, der Irak und Bahrain. Der Konflikt im Jemen droht sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten und damit zwischen deren Schutzmächten Saudi-Arabien und dem Iran zu entwickeln. Die Auseinandersetzung lenkt das Augenmerk auf diese beide größten Glaubensrichtungen des Islam.

Eine Frage des Propheten...

... ist die Entstehung der beiden Glaubensrichtungen Sunniten und Schiiten. Die muslimische Gemeinschaft spaltete sich im Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed im siebten Jahrhundert. Die Mehrheit der Muslime wollte damals einen geeigneten Kandidaten frei bestimmen. Die Minderheit dagegen verlangte, dass der Nachfolger aus Mohammeds Familie stammen müsse, und legte sich auf seinen Vetter Ali fest. Die Anhänger dieser Minderheit wurden "Schiat Ali", Partei Alis, genannt, woraus sich die Bezeichnung Schiiten entwickelte. Der Begriff Sunniten leitet sich von der Sunna ab, den Überlieferungen des Propheten.

Konfliktlinien...

... ergeben sich entsprechend. Die Sunniten lehnen die Heiligenverehrung und den Märtyrerkult der Schiiten strikt ab. Die Schiiten wiederum fühlen sich oft als Opfer der Sunniten. Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der beiden Konfessionen gibt es nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Ländern wie Pakistan.

Als Schutzmacht...

... der Sunniten sieht sich das Königreich Saudi-Arabien. Der Iran betrachtet sich als Interessenvertreter der Schiiten. Beide Staaten konkurrieren um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Kenner der Region gehen davon aus, dass der Iran durch die aktuellen Umwälzungen und die Aussichten auf eine Einigung im Atomstreit nach jahrzehntelanger Isolation an Stärke gewinnen dürfte. Die mit den USA verbündeten saudischen Ölscheichs dagegen dürften an Einfluss verlieren.

Im Jemen...

... ist der Islam ist Staatsreligion. Im Süden leben vor allem sunnitische Schafeiten, im Norden schiitische Zaiditen und eine ismailitische Minderheit. Viele Sunniten im Jemen befürchten, dass die Huthi-Rebellen die Revolution von 1962 rückgängig machen und das saiditische Imamat wiederaufbauen wollen, das das jemenitische Hochland 1000 Jahre lang beherrschte.

Die Huthis hatten sich ursprünglich zusammengefunden, um die Interessen der Zaiditen zu verteidigen. Ihre Anhänger fühlten sich unter der jahrzehntelangen Herrschaft des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh bedroht, obwohl dieser selbst den Zaiditen angehört.

Auf die Wiederkehr...

... des im neunten Jahrhundert in Samarra verschwundenen zwölften Imans, der als „Mahdi“ (Erlöser) die Welt retten soll, wartet die große Mehrheit der Schiiten. Sie werden daher Zwölfer-Schiiten genannt. Ajatollah Ruhollah Chomeini machte die Glaubensrichtung 1979 zur Grundlage der Islamischen Republik Iran. Zwölfer-Schiiten leben heute vor allem im Iran, im Irak und im Libanon.

Weitere Strömungen des Schiismus...

... sind die Ismailiten, die Drusen, die Alawiten. Die Ismailiten werden auch als Siebener-Schiiten bezeichnet. Das Oberhaupt einer Ismailiten-Gruppierung ist der Aga Khan, der mit seiner gleichnamigen Stiftung Entwicklungshilfe-Projekte vor allem in Asien und Afrika fördert. Von den Ismailiten leiten die Drusen ihre Geheimreligion ab. Sie leben vor allem im Libanon. Die Alawiten, zu denen der syrische Staatschef Bashar al-Assad zählt, werden ebenfalls dem vielfältigen Spektrum des schiitischen Islam zugerechnet. Auch der alawitische Glaube gilt als Geheimreligion, über die nicht viel bekannt ist. Zudem werden die Alewiten zu den Schiiten gezählt. Die meisten Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft leben in der Türkei, wo die Mehrheit der Muslime allerdings sunnitisch ist.

Konservative Strömungen...

... gibt es vor allem bei den Sunniten. Anhänger des Salafismus etwa streben die Rückkehr zu einem fundamentalistisch interpretierten Ur-Islam an. Ihr Name leitet sich von den arabischen Worten für „die rechtschaffenen Altvorderen“ ab. Ziel der Salafisten ist die Errichtung eines Gottesstaates. Die Bewegung gilt als Durchlauferhitzer für die Radikalisierung von Attentätern.

In Deutschland...

... und vielen anderen Ländern ist der Salafismus die am schnellsten wachsende islamistische Bewegung. Auch die Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe, die Anschläge in Deutschland vorbereitet hatten und 2007 verhaftet wurden, gehörten zu den Salafisten. Der Wahhabismus ist die wichtigste ideologische Strömung im Salafismus. Er geht auf den Gelehrten Muhammad Ibn Abdalwahhab zurück und ist Staatsreligion in Saudi-Arabien. Das Königreich fördert mit Spenden die Ausbreitung der konservativen Lehre weltweit.

Islamistenorganisationen...

... sind häufig im sunnitischen Islam zu finden. Die 1928 von Hassan al-Banna in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft gilt als älteste sunnitische Islamistenbewegung. Sie ist in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Ländern vertreten. Aus der Muslimbruderschaft ging unter anderem die palästinensische Hamas hervor.

Bekannter...

... ist die Mitte der 80er-Jahre gegründete Extremistenorganisation al-Qaida (Die Basis), die unter ihrem inzwischen getöteten Anführer Osama bin Laden für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich ist. Ihr syrischer Ableger heißt Dschabhat al-Nusra (Nusra-Front). Im Jemen hat al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AKAP), die als aggressivster Arm der Organisation gilt, ihren Sitz. Die radikale Gruppe bekannte sich zuletzt zu dem Anschlag auf die französische Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ und betrachtet alle Schiiten als ihre Feinde.

Die Miliz Islamischer Staat...

... ist besonders im Irak und Syrien aktiv und sorgt dort seit über einem Jahr für Terror. Sie wurde 2003 unter dem Namen al-Qaida im Irak von dem Jordanier Abu Mussab al-Sarkaui gegründet und wird inzwischen von Abu Bakr al-Baghdadi geführt. Er liegt mit der ursprünglichen al-Qaida die von Aiman al-Sawahiri von Pakistan aus gesteuert wird, im Clinch. Der IS gilt als derzeit radikalste Islamistengruppe.

Die bekannteste schiitische Extremisten-Organisation...

.. ist die libanesische Hisbollah. Sie wurde 1982 gegründet. Unterstützung erhält die Schiiten-Organisation vom Iran und Syrien. Einheiten der Hisbollah kämpfen in Syrien auf Seiten von Assads Truppen.

Bis heute sieht die US-Regierung in Saudi-Arabien eine stabile geopolitische Komponente in einer Region, in der Unruhe die einzige Konstante ist. Die arabischen Aufstände 2011 schockierten zwar das Königshaus in Riad, gingen aber letztlich zumindest an der Oberfläche ohne größere Erschütterungen an Saudi-Arabien vorbei.

In vielen Konflikten der Region spielt das Land eine einflussreiche Rolle, etwa in Syrien, wo die Saudis die Opposition unterstützen. „Wir sind Saudi-Arabien für seine Führungsrolle dankbar“, sagt John Kirby, Sprecher des US-Außenministeriums.

Auch für Deutschland war das Königreich viele Jahre lang der wichtigste Partner in der Golfregion. Über die Defizite in Sachen Demokratie und Menschenrechte sahen die verschiedenen Bundesregierungen wie die USA großzügig hinweg. Mittlerweile ist aber in Berlin vielen unwohl dabei. Man sieht dies daran, dass die Formulierung, Saudi-Arabien sei ein „strategischer Partner“, nicht mehr zum offiziellen Vokabular gehört.

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