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08.06.2017

14:25 Uhr

Saudi-Arabien und Katar

Al Dschasira steht am Pranger

VonPierre Heumann

Um Katar tobt eine internationale Krise. Mittendrin: der TV-Sender des Emirats. Dessen Kritik an den Herrschern der Region könnte den Konflikt mit ausgelöst haben. Was heißt das für die Zukunft Al Dschasiras?

Vor zwanzig Jahren lancierte Katar eine Medienrevolution im Arabischen Raum: Der Fernsehsender Al Jazeera sollte kritisch und offen berichten dürfen. Das war eine Sensation. Jetzt aber muss der Golfstaat dafür teuer bezahlen. AP

Al Jazeera

Vor zwanzig Jahren lancierte Katar eine Medienrevolution im Arabischen Raum: Der Fernsehsender Al Jazeera sollte kritisch und offen berichten dürfen. Das war eine Sensation. Jetzt aber muss der Golfstaat dafür teuer bezahlen.

Tel AvivVor zwanzig Jahren lancierte Katar eine Medienrevolution im arabischen Raum. Ein neuer TV-Sender wurde gegründet, Al Dschasira. Und anders als im Journalismus in der Region üblich, sollte der Sender kritisch und offen berichten.

Das war damals eine Sensation. Jetzt aber muss der Golfstaat dafür teuer bezahlen. Nicht nur die Nachbarländer, sondern auch Ägypten, Libyen und Mauretanien boykottieren das kleine, aber sehr vermögende Emirat – weil sie sich mit der Kritik aus Doha nicht abfinden wollen.

Der vom Herrscherhaus finanzierte Nachrichtensender Al Dschasira sorgt mit seinen Berichten über die Mächtigen der Region und deren Nähe zu den extremistischen Muslimbrüdern immer wieder für Zoff. Doch Ende Mai war die Geduld der gekrönten Häupter am Ende: Al Dschasira publizierte auf der Internetseite eine Karikatur des saudischen Königs, die den Herrscher des Nachbarstaates beleidigte und verunglimpfte. Nach wütenden Reaktionen entfernte der Sender zwar die majestätsbeleidigende Zeichnung - aber der Schaden war angerichtet.

Q&A Konflikt in Katar

Warum ist das Emirat Katar so wichtig?

Das Land hat nur rund 270.000 Staatsbürger - ist aber weltweit der größte Produzent von flüssigem Erdgas und teilt sich ein gewaltiges Unterwasser-Gasfeld mit dem Iran. Außerdem werden vom Luftstützpunkt Al-Udeid aus Angriffe der von den USA angeführten Anti-IS-Koalition gegen die Terrormiliz im Irak und in Syrien geflogen.

Warum steht Katar im Konflikt mit den mächtigsten arabischen Ländern?

Spannungen zwischen Katar und Saudi-Arabien sind bereits vor zwei Wochen an die Oberfläche getreten. Katar gab an, dass die staatlich geführte Nachrichtenagentur und der offizielle Twitter-Account des Landes gehackt worden seien, um eine Falschnachricht zu verbreiten. Darin soll der katarische Emir, Scheich Tamim bin Hamad al-Thani, den Iran eine „regionale und islamistische Macht, die nicht ignoriert werden kann“ genannt haben.

Was sind die Konsequenzen des Streits?

Die Kappung der Verbindungen könnte für Katar längerfristige wirtschaftliche Konsequenzen haben - die sich wiederum auf Millionen von Wanderarbeitern und Auswanderern übertragen würden. Ein Großteil der Nahrungsmittel für Katar kommt aus Saudi-Arabien über die einzige Festland-Grenze Katars, die Saudi-Arabien nun aber geschlossen hat.

Gibt Katar nach?

Katar bestreitet seine Unterstützung für Terroristengruppen in Syrien und anderen Länder. Und das, obwohl dem Land vorgeworfen wird, sunnitische Rebellengruppen zu fördern, die die syrische Regierung des Amtes entheben wollen. Offenbar ging katarisches Geld auch an Gruppen wie die Muslimbruderschaft. Die katarischen Herrscher zeigen sich von dem Konflikt bisher jedoch unbeeindruckt. Medien des Landes verbreiteten eine Karikatur, die sich darüber lustig machte, dass der saudische König Salman Fake News verbreite.

Der mächtige Nachbar Saudi-Arabien zürnte. Zuvor hatte bereits der Emir von Katar via Nachrichtenagentur an der von US-Präsident Donald Trump in Riad geschmiedeten Golf-Allianz gegen den Iran Kritik geübt. Feindschaft gegenüber dem Iran sei nicht weise, soll der Emir gesagt haben. Doha beeilte sich zu betonen, die Meldung sei von Hackern eingeschleust worden. Doch in den anderen Golfstaaten glaubte man ihm kein Wort.

Doch kritische Berichte sind nicht das einzige Markenzeichen von Al Dschasira. Seit Jahren ist der Sender zugleich ein Sprachrohr von Islamisten. So erhielt der einflussreiche Prediger Youssef Karadawi, ein Muslimbruder, der einst Selbstmordattentate gegen Israel gutgeheißen hatte, auf Al Dschasira von Anfang an eine wöchentliche TV-Show. Darin predigt er über die Bedeutung des Islam im Alltag. Das missfällt nicht nur dem Westen, sondern auch den Regierungen im arabischen Raum. 

Am Golf wird deshalb derzeit darüber gerätselt, ob Al Dschasira die diplomatische Krise überleben kann. Die mächtigen Regimes in Riad, in Abu Dhabi und in Kairo könnten von Katar verlangen, dass der Sender geschlossen werde – oder zumindest fortan auf kritische Berichte verzichte. Eine „Medienreform“ sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Beendigung der Krise, zitiert BBC Beobachter am Golf.

Im arabischen Raum würden dem unbequemen Sender nur wenige Regimes nachtrauern. Bereits vor drei Jahren hatten drei Golfstaaten ihre Botschafter aus Doha vorübergehend abberufen. Begründung: Al Dschasira habe sich in die internen Angelegenheiten ihrer Länder eingemischt. Auch mit Ägypten hat sich das Medienhaus immer wieder angelegt. Ende Mai blockierte Kairo den Zugang zu 21 Internetseiten, die von Doha finanziert wurden, darunter auch Al Dschasira.

Vor einem Jahr wurden dann Mitarbeiter des Senders wegen „Spionage und Verrats von Staatsgeheimnissen“ zum Tod verurteilt. Im November 2016 strahlte Al Dschasira einen Dokumentarfilm aus, in dem behauptet wurde, ägyptische Soldaten würden misshandelt. Später wurde ein für Al

Dschasira arbeitender Fernsehproduzent mit der Begründung verhaftet, er verbreite „fabrizierte Meldungen“ und helfe damit der Muslimbruderschaft, die in Ägypten als Terrororganisation gilt.

Kommentare (3)

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Herr Holger Narrog

08.06.2017, 14:33 Uhr

AL Jazeera kann in fast allen arabischen Ländern per Satellit empfangen werden,
Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Ein Fernsehsender der kritisch berichtet ist natürlich ein enormes Ärgernis. Man denke an das Merkel Politsystem dass sich spätestens seit dem GAU in der Sylvesternacht 15/16 den Kopf darüber zerbricht wie man unpassende Informationen im Internet am besten zensiert.

Frau Annette Bollmohr

08.06.2017, 15:03 Uhr

„Was heißt das für die Zukunft Al Jazeeras?“

Nichts Gutes.

Es bedeutet, dass ebenso rücksichtslose wie rückwärtsgewandte Machthaber nach „bewährter“ Manier alles tun, um potentielle „Störenfriede“ – wobei naturgemäß immer die Presse und alle sonstigen Medien, die ihnen nicht genehme Nachrichten (oder auch „nur“ Ansichten) unters Volk bringen (und damit ihre Macht und Pfründe gefährden könnten) in vorderster Reihe stehen - auszuschalten.

Da gibt‘s überhaupt nichts zu deuteln, dieses Prozedere im Umgang mit freien Medien sollte nun wirklich seit vielen Jahrzehnten jedem bis zum absoluten Überdruss bekannt sein.

Im Falle von Al Jazeera hier ein aktuelles Beispiel:

http://www.aljazeera.com/news/2017/06/egypt-extends-mahmoud-hussein-arrest-seventh-time-170601203044617.html (aus der Seite: http://www.aljazeera.com/topics/issues/journalism-not-crime.html).

G. Nampf

08.06.2017, 15:28 Uhr

@Annette Bollmohr 08.06.2017, 15:03 Uhr

"Da gibt‘s überhaupt nichts zu deuteln, dieses Prozedere im Umgang mit freien Medien sollte nun wirklich seit vielen Jahrzehnten jedem bis zum absoluten Überdruss bekannt sein."

Freie Medien, die die Dinge anders darstellen, als von den Machthabern gewollt, sind generell unerwünscht.

Es ist ein reines Wunder, daß hier in D wenigstens noch Ansätze von kritischer Berichterstattung vorhanden sind, allerdings nicht hier im HB.

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