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17.06.2016

04:30 Uhr

Schärfere Kontrollen

Amerikas Waffenproblem könnte Chance für Trump sein

VonAxel Postinett

Der voraussichtliche Präsidentschaftskandidat Donald Trump will die NRA zu schärferen Waffenkontrollen überreden. Im Senat bringen Demokraten einen Entwurf dazu ein. Nach Orlando ist nichts mehr, wie es war.

„Ich werde mit der NSA reden“, sagte Trump via den Kurznachrichtendienst Twitter. Ist die Verbindung der Waffenlobby zu Trump eine Chance für schärfere Waffengesetze in den USA? Reuters

Donald Trump

„Ich werde mit der NSA reden“, sagte Trump via den Kurznachrichtendienst Twitter. Ist die Verbindung der Waffenlobby zu Trump eine Chance für schärfere Waffengesetze in den USA?

Ted Cruz setzte das besorgteste Gesicht auf, zu dem er wahrscheinlich fähig ist. Das sei nicht mehr als eine „politische Show“ gewesen, erklärte er gegenüber Journalisten und versuchte so am Donnerstag, eine großangelegte Kampagne der demokratischen Senatoren in Washington lächerlich zu machen.

Senator Chris Murphy hatte über 14 Stunden mit Dauerreden den Senat blockiert und so Abstimmungen zu Allerweltsgesetzen verhindert. „Filibuster“ wird das in den USA genannt. Das Ziel: Eine Abstimmung über verschärfte Waffengesetze erzwingen.

„Wir können so nicht mehr weitermachen“, sagt Senator Murphy. Man könne den Menschen nicht in die Augen schauen und sagen, seit Sandy Hook haben wir nichts getan. 2012 tötete ein 20-jähriger Amokläufer in einer Grundschule 20 Kinder und sechs Erwachsene.

Und das Unglaubliche geschah. Die republikanische Senatsmehrheit stimmte unter dem ungeheuren Druck der Ereignisse von Florida zu, zumindest eine Abstimmung nicht mehr zu verhindern, so wie seit Jahrzehnten. In Orlando hatte ein Amokläufer am Wochenende 49 Menschen getötet und 53 Menschen teilweise schwer verletzt.

Was über das schlimmste US-Massaker bekannt ist

Opfer

Mindestens 50 Menschen sind tot. 53 wurden verletzt, die meisten von ihnen befanden sich am Sonntag noch in kritischem Zustand. Die Opferzahl dürfte laut den behandelnden Ärzten noch steigen.

Der Schütze

Der 29-jährige Omar M. ist US-Bürger, wurde in New York geboren und hat afghanische Wurzeln. Er lebte in Fort Pierce fast 200 Kilometer südlich von Orlando und arbeitete seit 2007 für den privaten Sicherheitsdienst G4S. Deshalb hatte er auch eine Schusswaffenlizenz. Zweimal, 2013 und 2014, nahm das FBI Ermittlungen gegen ihn auf, stellte sie aber wieder ein. Im ersten Fall ging es um aufhetzerische Aussagen gegenüber Arbeitskollegen, im zweiten um seine möglichen Verbindungen zu einem amerikanischen Selbstmordattentäter.

Motiv

Ermittlern zufolge rief er vor der Tat beim Polizei-Notruf an und bekannte sich zur Terrormiliz Islamischer Staat. Der Vater des Angreifers schloss einen religiösen Hintergrund aus, deutete aber an, dass sein Sohn von Schwulenhass getrieben gewesen sein könnte. M. sei vor zwei Monaten wütend geworden, als er gesehen habe, dass sich zwei Männer küssten, sagte der Vater dem Sender MSNBC.

Was ist passiert

Der Angreifer Omar M. kam am Sonntag gegen zwei Uhr früh mit einem Sturmgewehr und einer Pistole bewaffnet in den gut besuchten Schwulenclub Pulse in Orlando und eröffnete das Feuer. Wenig später lieferte er sich laut der Polizei ein Feuergefecht mit einem Sicherheitsbeamten des Clubs. Daraufhin sei der Schütze in das Gebäude zurückgegangen und habe Geiseln genommen. Eine Spezialeinheit der Polizei stürmte Stunden später den Club und tötete Omar M.

Ted Cruz, der im Vorwahlkampf gegen Donald Trump hoffnungslos untergegangen war, versuchte den Vorgang noch einmal mit der bewährten Terrorkarte abzuwürgen: Orlando sei ein „Terrorproblem, kein Waffenproblem“, wandte er ein. Das sei nicht die „Zeit, um gesetzestreuen Bürgern die Waffen aus der Hand zu reißen“. Doch da war er wieder einmal längst von Donald Trump ausgebremst worden.

„Ich werde mit der NRA reden“, hatte der getwittert. Er wolle mit der mächtigen Waffenlobby über bestimmte Verschärfung verhandeln. Und es gab, zur Verwunderung von Cruz und Senator Marco Rubio aus Florida, der ebenfalls kompromisslos die Seite der Waffenlobby ergriffen hatte, keinen Aufschrei der Parteibasis auf den sozialen Netzwerken.

Sogar Ladd Everett von der liberalen Koalition für Waffenkontrollen war fassungslos. „Der Tweet von Trump ist nicht weniger als absolut bemerkenswert“, zeigte er sich auf dem Sender MSNBC beeindruckt.

Hat Trump mal wieder als einziger Republikaner erkannt, wie die Basis wirklich denkt? Das Massaker von Orlando war eine gigantische Zäsur in der US-Innenpolitik. Immer mehr unglaubliche Fakten kommen ans Licht. Der Täter war mehrfach wegen Terrorverdachts überprüft worden und konnte trotzdem ungehindert schwere Waffen wie das halbautomatische Schnellfeuergewehr AR-15 kaufen.

Es ist die Lieblingswaffe amerikanischer Massenmörder. Nur mit seiner Feuergeschwindigkeit sind viele Tote in kürzester Zeit möglich. Rund acht Millionen dieser Kriegswaffen sind in Privathänden in Umlauf. Die Zahl der Vorbestellungen ist seit dem Massaker stark angestiegen. Die Angst geht um – die Angst, der Verkauf könnte eingeschränkt werden.

Die demokratischen Senatoren wissen aber, dass sie den Bogen jetzt nicht überspannen dürfen. Ein Verbot von Kriegswaffen steht nicht auf dem Plan. Zwei Kernpunkte sollen in der Abstimmung kommenden Montag zur Sprache kommen. „No fly, no buy“ ist der eine: Eine Initiative der Senatorin Diane Feinstein will erreichen, dass niemand, der wegen Terrorverdachts in den USA kein Flugzeug besteigen darf, weiterhin Waffen kaufen kann. Das Problem: Jedermann kann ohne Gerichtsverfahren auf diese umstrittene Liste gesetzt werden. Auch Demokraten sehen das kritisch.

Daneben soll ein Schlupfloch geschlossen werden, das die Waffenlobby bislang mit Zähnen und Klauen verteidigte: Bei privaten Waffenverkäufen und Online-Geschäften ist in vielen Staaten keine Hintergrundprüfung des Käufers nötig, so wie sie in Waffengeschäften zwingend vorgeschrieben ist. Wer psychische Probleme oder Vorstrafen wegen Gewaltverbrechen hat, versucht bevorzugt so an eine Waffe zu kommen.

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