Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.10.2014

10:58 Uhr

Schiitische Milizen im Irak

Teufelskreis von religiös motivierter Gewalt

Schiitische Extremisten sollen laut Amnesty International Sunniten entführen und töten – offenbar aus Rache für die Taten der radikal-sunnitischen Terror-Miliz IS. Der IS kontrolliert mittlerweile ein Drittel des Irak.

Die Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten fordern immer mehr Todesopfer. dpa

Die Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten fordern immer mehr Todesopfer.

BerlinDie Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat schiitischen Extremisten im Irak schwere Menschenrechtsverstöße und Kriegsverbrechen an Sunniten vorgeworfen. Die Schiiten handelten offenbar aus Rache für Übergriffe der radikalen sunnitischen IS-Miliz, hieß es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht der Organisation.

Die schiitischen Gruppen hätten Dutzende sunnitische Zivilisten entführt und getötet. Viele der Opfer seien offenbar gezielt hingerichtet worden – auch wenn ihre Familien vorher bereits Lösegeld gezahlt hätten.

Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten

Unterschiede in der Praxis

Für beide Glaubensgruppen ist der Koran das Wort Gottes. Die Unterschiede liegen in der theologischen Auslegung und der religiösen Praxis. Manche Differenzen sind marginal: So halten beispielsweise Schiiten ihre Hände beim Beten seitlich des Körpers, Sunniten hingegen kreuzen sie vor der Brust oder dem Bauch.

Verwandtschaft mit Mohammed

Entscheidender sind Fragen, die sich um die Interpretation der Lehre drehen. Die Schiiten argumentieren, dass nur ein Blutsverwandter auf Mohammed folgen kann und sehen daher in dessen Cousin und Schwiegersohn Ali und seinen Nachfahren die rechtmäßigen Erben des Propheten. Letztlich kommt der Begriff Schiiten von „Schiat Ali“ - Partei Alis. Die Sunniten hingegen bestehen nicht auf einer Blutsverwandtschaft. Sie ließen ihren Anführer nach Mohammeds Tod wählen und so huldigten sie in den Wirren des 7. Jahrhunderts zunächst den drei Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman, bevor Ali für einige Zeit die Macht errang. Die vier gelten nach sunnitischer Lehre als die vier Rechtgeleiteten Kalifen. Nach Alis Tod 661 errangen erneut die Sunniten die Oberhand und konnten ihre Macht für die folgenden Jahrhunderte in verschiedenen Herrscherdynastien festigen.

Die Rolle des Imam

Im Schiismus entwickelte sich daraufhin die Lehre der geistlichen Führerschaft des Imams, dem ein besonderes religiöses Wissen und Unfehlbarkeit zugesprochen werden, was die Sunniten ablehnen. Angefangen mit Ali gab es nach Mohammed zwölf Imame. Die meisten von ihnen wurden von Sunniten getötet und starben als Mätyrer. Der zwölfte indes starb nicht, sondern entschwand, um eines Tages als der Rechtgeleitete, der Messias, zurückzukehren und Gerechtigkeit zu üben.

Die Sunniten werfen den Schiiten vor, ein übersteigertes Bild von Ali zu pflegen und diesen auf eine Stufe mit Mohammed zu stellen. Genau betrachtet ist der Vorwurf falsch, denn die Schiiten sehen in Mohammed den letzten Propheten, was eine zentrale Lehre des Islams ist.

Vorwürfe

Die Sunniten werfen den Schiiten vor, ein übersteigertes Bild von Ali zu pflegen und diesen auf eine Stufe mit Mohammed zu stellen. Genau betrachtet ist der Vorwurf falsch, denn die Schiiten sehen in Mohammed den letzten Propheten, was eine zentrale Lehre des Islams ist.

Verbreitung

Heute wie damals sind die Sunniten in der Mehrheit. Schätzungen zufolge machen Sunniten zwischen 85 bis 90 Prozent der Muslime aus, Schiiten bis zu 15 Prozent. In Nahost leben und herrschen Schiiten vor allem im Iran, Irak und in Bahrain. Große Gemeinden gibt es zudem unter anderem in Syrien, Saudi-Arabien, Kuwait, im Libanon und Jemen.

Politische Auswirkungen

Die erbitterte Feindschaft von einst nährt noch heute Ressentiments und Streitigkeiten zwischen den Glaubensgemeinschaften. Selbst moderate Schiiten würden ihre Kinder wohl kaum nach den ersten drei Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman nennen. Politische Trennlinien in der arabischen Welt lassen sich entlang der Glaubenszugehörigkeit ablesen. Doch nur die überzeugtesten Hardliner setzen die theologischen Differenzen in Gewalt und Hass um, wie im Irak und Syrien, wo sunnitische Extremisten gegen schiitische Regierungen kämpfen.

Auch die Regierungstruppen folterten und töteten Gefangene, hieß es in dem Bericht. Die irakische Regierung lasse dies zu und fördere damit den Teufelskreis von religiös motivierter Gewalt, die das Land auseinanderreiße, erklärte die Amnesty-Krisenbeauftragte, Donatella Rovera.

Mit der wachsenden Macht der schiitischen Milizen habe sich die Sicherheitslage massiv verschlechtert. Sie hätten an Einfluss gewonnen, nachdem sich die Armee im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) aus weiten Landesteilen zurückgezogen habe.

Der IS kontrolliert inzwischen rund ein Drittel des Irak und geht ebenfalls mit großer Brutalität gegen Andersgläubige vor.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×