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16.09.2013

12:29 Uhr

Schlechte Wirtschaftslage

Standard & Poor's kritisiert Frankreich

Die Ratingagentur Standard & Poor's fordert mit Blick auf die schlechte Wirtschaftslage Frankreichs die Durchsetzung von Reformen. Präsident Hollande sieht den Grund für die negativen Daten auch bei den Deutschen.

Frankreichs Präsident Francois Hollande muss in seinem Land hohe Arbeitslosenzahlen wie noch nie beklagen. dpa

Frankreichs Präsident Francois Hollande muss in seinem Land hohe Arbeitslosenzahlen wie noch nie beklagen.

ParisDie schlechten Wirtschaftsdaten in Frankreich beunruhigen seit Monaten die Euro-Partner. Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) mahnte jetzt erneut mehr Reformanstrengungen an. „Frankreich muss den Beweis erst noch erbringen, dass es auch auf der Ausgabenseite konsolidieren kann“, sagte S&P-Chefanalyst Moritz Kraemer der Tageszeitung „Die Welt“ (Montag). Es gebe keinen Grund zur Annahme, dass es der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone nicht auch gelingen könnte, an die Staatsausgaben heranzugehen. „Dazu bräuchte es aber einen breiten Konsens - und bisher ist kein Druck da, der den befördern würde“, kommentierte Kraemer.

Gleichzeitig haben die sowieso hohen Arbeitslosenzahlen in Frankreich einen neuen Rekordhochstand erreicht. Ende Juli waren 3,29 Millionen Menschen ohne Job. Die Quote lag nach Vergleichszahlen der Europäischen Statistikbehörde Eurostat bei 11,0 Prozent, in Deutschland hingegen nur bei 5,3 Prozent.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Die im Vergleich zu Deutschland hohe Arbeitslosigkeit in Frankreich hat nach Ansicht von Präsident François Hollande auch etwas mit der höheren Geburtenrate zu tun. In Frankreich kämen mehr junge Menschen auf den Arbeitsmarkt, sagte der Staatschef am Sonntagabend in einem Fernseh-Interview. Man beschwere sich nicht darüber, Frankreich müsse aber deswegen mehr Wachstum generieren. Als weiteren Grund für die großen Unterschiede nannte Hollande die höhere Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Daraus müssten Konsequenzen gezogen werden. Man sei kurz vor dem Ziel, eine Trendwende zu erreichen, sagte Hollande zu den Arbeitslosenzahlen.

Bei der Geburtenrate steht Frankreich hingegen gut da. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern bekommen Frauen in Frankreich im Schnitt noch immer zwei Kinder. In Deutschland lag die Rate zuletzt nur noch bei 1,36 Kindern pro Frau. In der Bundesrepublik wird deswegen ein Bevölkerungsrückgang, in Frankreich ein weiterer Zuwachs erwartet.

Von

dpa

Kommentare (8)

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16.09.2013, 12:50 Uhr

Die Franzosen wissen es noch nicht, aber eins ist klar: wenn es die "Vereinigten Staaten von Europa" gibt, eine voll ausgebaute Fiskalunion, etc., dann bezahlen die Franzosen die deutschen Pensionen. Das hatten die sich aber anders gedacht. Ich freu mich schon. So schnell kann ein "politisches Projekt" auch für Frankreich nach hinten losgehen...

Account gelöscht!

16.09.2013, 12:57 Uhr

Es kommt allerdings weniger auf die Zahl, als auf die Qualität der Kinder an.

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16.09.2013, 13:31 Uhr

Die hohen Geburtenraten in F kommen im Wesentlichen von Migranten, die selbstverständlich vorbildlich integriert und bestens ausgebildet sind.

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