Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.08.2015

14:36 Uhr

Schlepper in Ungarn gefasst

Im Laderaum erstickten 71 Flüchtlinge

Flüchtlinge kommen in Booten übers Meer, in LKW übers Festland. Für viele Menschen eine tödliche Tortur: In Österreich wurden 71 Tote in einem Lastwagen gefunden. Bayern verschärft die Kontrollen an der Grenze.

Flüchtlingsdrama in Österreich

Über 70 Leichen aus Schlepper-LKW geborgen

Flüchtlingsdrama in Österreich: Über 70 Leichen aus Schlepper-LKW geborgen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Eisenstadt/TripolisDer Flüchtlingsstrom nach Europa reißt nicht ab – und mit ihm immer neue Tragödien. Die jüngste Horrormeldung: Bis zu 200 Tote beim Untergang eines Flüchtlingsbootes vor der libyschen Küste. Insgesamt hätten sich rund 400 überwiegend aus Afrika stammende Flüchtlinge an Bord befunden, sagte ein Vertreter der Sicherheitsbehörden in der westlibyschen Stadt Suwara.

Erst am Donnerstag alarmierte in Österreich der grausige Funde von Dutzenden Leichen im Laderaum eines Lastwagens Europas Spitzenpolitiker, die sich nur wenige Kilometer entfernt zur Westbalkan-Konferenz trafen. An diesem Freitag teilte das Innenministerium, dass mehr Leichen sich in dem am Donnerstag 50 Kilometer südöstlich von Wien gefundenen Lastwagen befanden als zunächst erwartet. Die Ermittler hätten in dem Fahrzeug 71 Leichen geborgen, teilte die Polizei am Freitag mit. Darunter seien 59 Männer und acht Frauen sowie vier Kinder, einschließlich eines zweijährigen Mädchens, sagte Polizeidirektor Hans Peter Doskozil auf einer Pressekonferenz am Freitag. Die Ermittler hätten bei der Bergung der Leichen auch ein syrisches Reisedokument gefunden und gingen daher davon aus, dass es sich bei den Flüchtlingen um Syrer handele.

Die verantwortlichen Schlepper sollen inzwischen gefasst sein. Die Polizei bestätigte drei Festnahmen über die zunächst die „Kronen Zeitung“ berichtet hatte. In einer groß angelegten Fahndung nach dem Fund des Fahrzeuges sei die Polizei den Tätern auf die Spur gekommen und habe in Ungarn drei Personen festgenommen. Einem der Verdächtigen gehöre der Kühlwagen, die zwei anderen hätten das Fahrzeug wahrscheinlich gelenkt. „Wir gehen davon aus, dass das die Spur ist, die uns zu den Tätern führen wird“, sagte Doskozil. Bei den drei Verdächtigen handle es sich um einen Ungarn und zwei Bulgaren, die einem ungarisch-bulgarischen Schlepperring angehören könnten, erklärte die Polizei.

Schleuser und ihr Geschäft mit den Flüchtlingen

Wo sind besonders viele Schleuser unterwegs?

Von den türkischen Hafenstädten wie Izmir setzen Zehntausende Flüchtlinge auf die in Blickweite liegenden griechischen Inseln mit klapprigen Booten oder Schlauchbooten über. Für die oft nur eineinhalbstündige Passage müssen pro Person wenigstens 1000, nicht selten 1500 Dollar an Schleuser gezahlt werden. Schlepper lassen sich auch den illegalen Grenzübertritt zwischen Mazedonien und Serbien fürstlich bezahlen. Die Reise nach Nordserbien und die Überquerung der ungarischen Grenze ist ebenfalls teuer. Österreich und das bayrische Grenzgebiet um Passau sind weitere Dreh- und Angelpunkte.

Wie groß ist das Heer der Schlepper?

Da Flüchtlinge und Schlepper eisern schweigen, gibt es keine gesicherten Zahlen. In Österreich saßen am 1. Juli 198 Schleuser in Haft. Einen Monat später waren es schon 298, berichtete die österreichische Nachrichtenagentur APA am Donnerstag unter Berufung auf das Justizministerium. In Bayern flogen im ersten Halbjahr 1300 Fälle auf. Das war schätzungsweise die Hälfte aller einschlägigen kriminellen Taten bundesweit. Im Passauer Untersuchungsgefängnis fehlt bereits Platz: Die Zahl der U-Häftlinge übersteigt die Zahl der Haftplätze um fast das Fünffache.

Wer profitiert noch vom Flüchtlingselend?

Wahrscheinlich sind die erwischten Schleuser nur die Spitze des Eisberges, weil die meisten Machenschaften unentdeckt bleiben. Vor allem in den Balkanländern ist Korruption weit verbreitet, so dass Behörden nicht selten gemeinsame Sache mit den Kriminellen machen. Zwei Belgrader Polizisten wurden festgenommen, weil sie zwei Syrern mit vorgehaltener Dienstwaffe 2050 Euro abgenommen hatten.

Welche Strafen müssen Schleuser fürchten?

In Serbien wurden Hunderte Taxis beschlagnahmt, weil deren Besitzer nicht registrierte Flüchtlinge illegal in Richtung Ungarn transportiert hatten. In Österreich müssen Schlepper mit Gefängnis bis zu zwei Jahren rechnen.

Wenden Schlepper auch Gewalt an?

Ja, zum Beispiel in den beiden mazedonischen Dörfern Vaksince und Lojane in Sichtweite zur Grenze mit Serbien. Dort hatten im Drogen- und Waffenschmuggel erfahrende organisierte Banden Hunderte Flüchtlinge eingekerkert und sie erst gegen hohe „Lösegelder“ wieder freigelassen. Mitte Juni befreite die Polizei, die hier sonst wenig zu sagen hat, in einer Aktion mit dem Codenamen „Ali Baba“ 128 festgehaltene Flüchtlinge.

Als Reaktion hat die bayerische Grenzpolizei ihre Kontrollen verschärft. Fahrzeuge, die mehr als 15 Personen befördern könnten, habe man dabei besonders im Blick, sagte ein Sprecher der Bundespolizei in Freyung am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters. Wegen der zunehmenden Flüchtlingsströme über die Westbalkan-Route haben Bundes- und Landespolizei ihr Personal in den vergangenen Wochen zudem deutlich verstärkt. Allein die Bundespolizei in Freyung bei Passau wird durch 150 Einsatzkräfte aus ganz Deutschland unterstützt und registriert täglich bis zu 750 Flüchtlinge, wie der Sprecher weiter sagte. „Die Lage ist prekär.“

Auch im Grenzgebiet zwischen Salzburg und Traunstein haben sich die Dienststellen mit Bereitschaftspolizisten verstärkt. Sie zählen täglich 300 bis 600 Flüchtlinge, berichtete die Landespolizei in Rosenheim. Die Bundespolizei in Rosenheim kontrolliert die Züge, die über die Grenze nach Deutschland kommen, und hat sich ebenfalls personell verstärkt sowie seine Dienststelle ausgebaut. Etwa 140 Beamte nehmen nach Angaben der Bundespolizei täglich bis zu 300 Neuankömmlinge am Bahnhof in Rosenheim in Empfang.

Mitarbeiter des Autobahn-Streckendienstes Asfinag hatten den 7,5 Tonnen schweren Lkw am Donnerstag im Autobahnabschnitt bei Parndorf (Bezirk Neusiedl am See) entdeckt. Aus dem Laderaum quoll laut offiziellen Angaben Verwesungsflüssigkeit.

Der Lkw wurde mittlerweile in eine ehemalige Veterinärmedizinische Anstalt gebracht, wo eine entsprechende Kühlung vorhanden sei, hieß es von den Ermittlern. In der Nacht zum Freitag sollten die Leichen geborgen werden. Anschließend würden sie in die Gerichtsmedizin Wien gebracht, sagte der Chef der Landespolizei des Burgenlands, Hans Peter Doskozil.

Kommentar zur Flüchtlingstragödie in Österreich: Null Toleranz für Schlepper

Kommentar zur Flüchtlingstragödie in Österreich

Null Toleranz für Schlepper

Dutzende tote Flüchtlinge in einem Lastwagen – ein grausiger Leichenfund erschüttert Österreich. Skrupellose Menschenhändler sind für diese Tragödie verantwortlich. Für Schlepper darf es Null Toleranz geben.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sagte am Freitag: „Die Menschen können nur nach Österreich, Schweden und Deutschland“, weil Europa sich nicht auf eine gemeinsame Flüchtlingspolitik einige. Das sei der „eigentliche Skandal“.

Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière rief zu einem entschiedeneren Kampf gegen Schleuser auf. „Ich halte verstärkte Kontrollen für richtig“, sagte er. Dutzende Menschen in Transporter zu stecken, die für acht vorgesehen seien, sei „kriminell“ und jeder Schleuser werde angezeigt. In einigen Bundesländern würden dadurch bereits die Haftplätze knapp. „Das muss weiter gehen“, sagte de Maizière.

Doch die Schlepper seien nur ein Teil des Schleusertums. „Der, der den Transport macht, verdient viel weniger als die Chefs, die das organisieren. Wir müssen mit Europol an diese Leute ran und deren Vermögen beschlagnahmen.“ Zudem sprach sich der Innenminister dafür aus, schnellstmöglich EU-Aufnahmestellen in Italien und Griechenland einzurichten. Damit könne verhindert werden, dass die Flüchtlinge weiter auf Schlepper angewiesen seien.

Dutzende Menschen ertrunken

Überlebender: „Wir mussten die Todesroute nehmen“

Dutzende Menschen ertrunken: Überlebender: „Wir mussten die Todesroute nehmen“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Doch das Heer der Schleuser ist groß. Da Flüchtlinge und Schlepper eisern schweigen, gibt es keine gesicherten Zahlen. In Österreich saßen am 1. Juli 198 Schleuser in Haft. Einen Monat später waren es schon 298, berichtete die österreichische Nachrichtenagentur APA unter Berufung auf das Justizministerium. In Bayern flogen im ersten Halbjahr 1300 Fälle auf. Das war schätzungsweise die Hälfte aller einschlägigen kriminellen Taten bundesweit.

Im an Ungarn grenzenden Burgenland wurden allein in den vergangenen beiden Tagen Hunderte Flüchtlinge aufgegriffen, heißt es aus Österreich. In den kommenden Tagen sei wegen der nahenden Fertigstellung des ungarischen Grenzzauns zudem mit einer Verschärfung der Schlepperproblematik zu rechnen. Die Alpenrepublik verzeichnete zuletzt stark gestiegene Flüchtlingszahlen. Viele von ihnen durchqueren Österreich vom Balkan in Richtung Deutschland.

Angesichts des Flüchtlingsdramas in Österreich forderte der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, die Europäische Union zum Handeln auf. „Die Tragödie ist das Ergebnis hochkrimineller Aktivitäten rund um das Flüchtlingsgeschehen und muss so bekämpft werden, wie es auftritt, nämlich länderübergreifend“, sagte Wendt dem Handelsblatt. „Mit einem perfiden System von Anwerbern, Fahrern und anderen unterbezahlten Handlangern verdienen die Hintermänner unfassbar hohe Summen, an die müssen wir herankommen, wenn das Phänomen der Schleusungskriminalität wirkungsvoll bekämpft werden soll.“

Wendt forderte die Europäische Union auf, länderübergreifende polizeiliche Aktivitäten zu koordinieren und zu unterstützen. „Wenn nur die letzten Glieder der Schleuserbanden hinter Gitter gebracht werden, nutzt das wenig, denn es wachsen sofort neue nach“, sagte der Polizeigewerkschafter.

Kommentare (119)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr wulff baer

28.08.2015, 08:42 Uhr

Wie man inzwischen weiß, werden Schlepper zwar festgenommen, befinden sich aber nach kurzer Zeit wieder in Freiheit, auch dank unseren tüchtigen Anwälten.
Wenn unsere dilettantischen Innen- und Justizminister nicht bald die Grenzen schließen und die bald millionenfache illegale Zuwanderung stoppen, kann man unseren Politnieten Mitschuld an dem erfolgreichen Schleusertum geben, bei dem es soviele Tote gibt.
Man könnte die faulen Griechen bevollmächtigen, die Asylverfahren im Auftrag der EU in ihrem Land gegen fürstliche Honorierung einzuleiten und nur die Berechtigten dann gleichmäßig über alle EU-Länder verteilen.

Herr wulff baer

28.08.2015, 08:42 Uhr

Wie man inzwischen weiß, werden Schlepper zwar festgenommen, befinden sich aber nach kurzer Zeit wieder in Freiheit, auch dank unseren tüchtigen Anwälten.
Wenn unsere dilettantischen Innen- und Justizminister nicht bald die Grenzen schließen und die bald millionenfache illegale Zuwanderung stoppen, kann man unseren Politnieten Mitschuld an dem erfolgreichen Schleusertum geben, bei dem es soviele Tote gibt.

(...)

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Frank Frei

28.08.2015, 08:43 Uhr

Die schlimmste Schleuderbande wird von uns allen finanziert: Die Bundeswehr!

Durch das Abholen der "Flüchtlinge" vor der afrikanischen Küste erzeugt sie einen gewaltigen Sog nach Deutschland: Man muss sich als Wirtschaftsmigrant (nicht Flüchtling) einfach nur in ein marodes Boot setzen und dann gezielt den deutschen Fregatten in die Arme fahren - und schon hat man das sichere Transferticket nach Deutschland.

Ehrlicher wäre es allemal, wenn wir direkt das Traumschiff zur Abholung einsetzen würden. Sacha Hehn & Co könnten sich dann in Till-Schweiger-Manir auch prima als Gutmenschen in Szene setzen...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×