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17.09.2013

15:33 Uhr

Schottland

Die „Bravehearts“ ringen um Unabhängigkeit

Seperatismusdebatte: In einem Jahr stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit von Großbritannien ab. Nun fängt der Wahlkampf gerade richtig an. Denn ein breites Bündnis in England will die Unabhängigkeit verhindern.

Blick auf die schottische Insel Canna: Von Edinburgh bis in die Highlands mache sich vor allem unter Männern eine „Braveheart-Mentalität“ breit, meint die britische Arbeits-Staatssekretärin Jo Swinson. dpa

Blick auf die schottische Insel Canna: Von Edinburgh bis in die Highlands mache sich vor allem unter Männern eine „Braveheart-Mentalität“ breit, meint die britische Arbeits-Staatssekretärin Jo Swinson.

LondonGroßbritanniens Premierminister David Cameron hatte seit seinem Amtsantritt eine Menge Baustellen zu bearbeiten - der Schuldenberg machte ihm zu schaffen und die Murdoch-Affäre, mit plündernden Brandstiftern musste er sich plagen und mit Parteifreunden, die ihm die Gefolgschaft verweigerten. Um ein Haar hätte er bei seinem Überlebenskampf an vielen Fronten ein Problem übersehen - Schottland.

Nach ihrem überraschenden Wahlsieg 2011 mit absoluter Mehrheit im Edinburgher Regionalparlament hat die Schottische Nationalpartei (SNP) die Gelegenheit beim Schopf gepackt und das gemacht, wofür sie einst einmal gegründet worden war: die Unabhängigkeit des seit mehr als 300 Jahren an England angliederten Schottlands zur Debatte zu stellen.

In einem Jahr, am 18. September 2014, stimmen die Schotten darüber ab, ob sie sich vom Staatsgebilde des Vereinigten Königreichs loslösen wollen. Neben dem Streit um die Unabhängigkeit der Katalanen von Spanien ist es die zweite große Separatismusdebatte in der EU.

Unabhängigkeitsbestrebungen in Europa

Katalonien

In der Region im Nordosten Spaniens soll auf Bestreben des regionalen Regierungschefs Artur Mas am 9. November eine Unabhängigkeitsabstimmung abgehalten werden. Einer von der Regionalregierung in Auftrag gegebenen Umfrage zufolge befürworten derzeit 74 Prozent der Katalanen die Gründung eines eigenen Staates. Katalonien ist die wirtschaftsstärkste Region in Spanien. Die Katalanen kämpfen seit Jahrzehnten für mehr Autonomie. Mas ist aber der erste katalanische Regierungschef seit Ende der Franco-Diktatur in Spanien (1939-1975), der sich offen für die Unabhängigkeit der Region ausgesprochen hat.

Baskenland

Fast 50 Jahre lang hat die Untergrundorganisation ETA für einen von Spanien unabhängigen baskischen Staat gekämpft. Bei etwa 4000 Terroranschlägen kamen mehr als 830 Menschen um Leben. Die ETA-nahe Separatistenpartei Batasuna wurde im März 2003 vom Obersten Gerichtshof verboten. Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy kritisierte die nach Unabhängigkeit strebenden baskischen Nationalisten scharf. Diese wollten „Spanien kaputtmachen“, sagte er bei einer Wahlkampfveranstaltung in der baskischen Hauptstadt Vitoria. Im Baskenland sind am 21. Oktober vorgezogene Parlamentswahlen geplant.

Korsika

Seit gut 20 Jahren kämpfen Separatisten mit Gewalt für eine Unabhängigkeit der Mittelmeerinsel von Frankreich. Ziel ihrer Anschläge sind oft Villen von Festlandfranzosen und Ausländern, aber auch Verwaltungsgebäude, Politiker und Beamte. Erst im vergangenen Juli bekannte sich ein Kommando der Untergrundorganisation Nationale Befreiungsfront Korsikas (FLNC) zu einem Anschlag auf das Anwesen eines Pariser Bankiers. Die FLNC hatte zuvor die Verantwortung für eine Serie von rund 20 Attentaten auf der Insel übernommen.

Padanien

Die aus verschiedenen italienischen Autonomiebewegungen entstandene Lega Nord mit ihrem Vorsitzenden Umberto Bossi forderte jahrelang von Rom die Unabhängigkeit Padaniens. Der Name ist abgeleitet vom italienischen „pianura padana“ für die Po-Ebene. Bossi zählt zu Padanien die Regionen Lombardei, Aosta, Piemont, Ligurien, Trient-Südtirol, Venetien, Friaul-Julisch Venezien und Emilia-Romagna mit insgesamt 25 Millionen Einwohnern. Von 1994 an gehörte die Lega Nord mehreren Regierungen von Ministerpräsident Silvio Berlusconi an. 1996 wurde sogar eine „Bundesrepublik Padanien“ ausgerufen, allerdings ohne Folgen.

Flandern

Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts schwelt der Streit zwischen den Bevölkerungsgruppen Belgiens. Heute steht der niederländisch-sprachige Teil des Bundesstaates wirtschaftlich besser da als die französischsprachige Walonie. Im Juni 2010 wurden die flämischen Nationalisten mit der Partei N-VA, die einen unabhängigen Staat Flandern anstrebt, zur stärksten politischen Kraft in Belgien. Monatelang verhinderte nach der Wahl ein Sprachenstreit die Bildung einer Zentralregierung in Brüssel. Erst im September 2011 einigten sich die Parteien und verhinderten eine Aufspaltung Belgiens.

Slowakei

In einer „samtenen Revolution“ ohne Gewalt erkämpften 1989 Tschechen und Slowaken noch gemeinsam die Freiheit. Nach den ersten freien Wahlen 1990 formierten sich in der Slowakei separatistische Gruppen. Im Juli 1992 proklamierte dann der östliche Teil der Konföderation seine Trennung von Tschechien. Zum 1. Januar 1993 trat die Unabhängigkeit der Slowakei in Kraft. Prag akzeptierte die „samtene Scheidung“: Nach 74 Jahren hörte die Tschechoslowakei auf zu existieren. Der damalige Bundesaußenminister Klaus Kinkel (FDP) bedauerte die Teilung des Staates, lobte aber die friedfertige Art und Weise der Trennung als vorbildlich.

Viele Schotten sind genervt von den Engländern. Von Edinburgh bis in die Highlands mache sich vor allem unter Männern eine „Braveheart-Mentalität“ breit, meint die britische Arbeits-Staatssekretärin Jo Swinson. Die SNP hatte laut Umfragen aus dem Stand rund ein Drittel der Schotten hinter sich gebracht. Danach ging's aber schleppend. Derzeit stehen die Separatisten bei 37 Prozent. Gerade noch rechtzeitig schloss Cameron im vergangenen Jahr die Reihen in Westminster und baute eine All-Parteien-Front auf.

Die Nationalisten hatten zu diesem Zeitpunkt längst ihre Geschütze durchgeladen. Salmond sieht eine historische Chance, die enge Bindung zum verhassten England aufzulösen. Ein Ziel hat er schon erreicht. Premierminister David Cameron muss mit ihm auf Augenhöhe diskutieren.

Ganz nebenbei muss London noch ein paar Befugnisse nach Edinburgh abgeben - ganz so, wie Cameron es selbst aus Brüssel einfordert. Neben dem Nationalstolz führen die Schotten vor allem zwei Argumente ins Feld: Ökonomische Unabhängigkeit und Verteidigung.

In der schottischen Verfassung soll beispielsweise festgeschrieben werden, dass in Schottland keine Massenvernichtungswaffen stationiert werden dürfen. Derzeit hat die britische Armee ihr gesamtes atomares Abschreckungspotenzial auf U-Booten in Schottland stationiert.

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