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19.09.2014

20:38 Uhr

Schottland-Referendum

Das Geheimnis der schweigenden Minderheit

VonKatharina Slodczyk

Warum hat Schottland so überraschend klar gegen die Unabhängigkeit gestimmt? Die Fehlersuche treibt das unterlegene Lager am Tag der Niederlage um. Eine Erklärungsmöglichkeit: Viele haben im Vorfeld schlicht geschwiegen.

Enttäuschte Wähler: Diese Jugendlichen hätten sich Schottlands Unabhängigkeit gewünscht. dpa

Enttäuschte Wähler: Diese Jugendlichen hätten sich Schottlands Unabhängigkeit gewünscht.

Er braucht weder ein wissenschaftliches Modell, noch komplizierte Analysen umfangreicher Daten – wie so einiger seiner Kollegen. Für David Bell, Ökonom an der Universität im schottischen Stirling, ist die Sache ganz einfach: „Für alle, die sich ganz genau angeschaut haben, was im Vorfeld des Referendums in den Wettbüros passierte, war der Ausgang alles andere als eine Überraschung“, sagt der Ökonom. Man müsse jetzt daher keine aufwendigen Erklärungen bemühen oder die Meinungsforschungsinstitute schelten, weil es anders gekommen sei als vorhergesagt.

Es ist Tag eins nach der historischen Abstimmung in Schottland. Seit den frühen Morgenstunden steht fest, die Mehrheit hat für die Union votiert. Dieses Lager hat 55,3 Prozent der Stimmen bekommen. Diejenigen, ein autonomes Schottland wollten, kamen auf 44,7 Prozent – und damit deutlich weniger als erwartet. Hatten doch die meisten Schotten und auch Beobachter mit einem viel knapperen Ergebnis gerechnet, nachdem Meinungsforscher den Unabhängigkeitskämpfern zwischendurch sogar einen klaren Sieg prophezeit hatten.

Die Suche nach Erklärungen und nach dem Schuldigen beginnt schon im Morgengrauen, noch bevor alle Stimmzettel ausgezählt sind und das offizielle Endergebnis feststeht: Es seien die Medien gewesen, sie hätten einfach nicht neutral berichtet, schimpft Alex Russell, ein Student in Edinburgh. Er ist die ganze Nacht mit Freunden durch die Straßen gezogen, jetzt sitzt er eingehüllt in die schottische Fahne vor einem Café in der Innenstadt und beschimpft einige Passanten – vor allem Fotografen und Fernsehjournalisten, die mit ihrem Kameramann an ihm vorbeilaufen. „Hätten die Medien sich wirklich mit den Argumenten des Yes-Lagers auseinander gesetzt, sie den Menschen richtig erklärt, dann wäre das alles nicht so ausgegangen.“

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Seine Freund hat eine andere Begründung: „Die Frauen sind schuld, eindeutig.“ Hätten stets so getan, als seien sie unentschieden oder vielleicht doch für eher Unabhängigkeit. Am Ende hätten sie aber mit „No“ votiert. „Meine Freundin hat das selbst zugegeben, genauso war's“, sagt der Mann.

Auch einige Wissenschaftler ziehen diese Erklärung am Freitag heran, um den Ausgang des Referendums plausibel zu machen: „Es war die schweigende Minderheit, die sich in Umfragen als unentschieden bezeichnete, die am Ende den Ausschlag gegeben hat“, sagt Ailsa Henderson, Politikprofessorin an der Universität von Edinburgh. Und Frauen seien wohl ein großer Teil dieser schweigenden Minderheit gewesen. „Unsere Untersuchungen haben ganz klar gezeigt, dass Frauen länger brauchen, um sich zu entscheiden und selbst wenn sie zwischendurch zu Yes tendieren, ist es keine ausgemachte Sache, dass sie dabei bleiben.“

Frauen und ihr sprunghaftes Wesen tragen also die Schuld? Rose, eine Studentin Anfang 20, räumt offen ein, sie habe sich die Sache mehrfach hin- und herüberlegt. „Meinen Freundinnen ging es nicht anders“, sagt sie. „Aber mit sprunghaft hat das nichts zu tun, sondern damit, dass man dazulernte und seine Entscheidungsgrundlage verbreiterte.“ Doch sie gibt zu: „So richtig im großen Kreis hab ich nie gesagt, dass ich am Ende mit Nein gestimmt hab.“ Das wäre nicht gut angekommen und hätte sie unter Rechtfertigungszwang gesetzt. Das will sie weiterhin vermeiden, ihren Nachnamen will sie daher nicht verraten.

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