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19.09.2014

13:53 Uhr

Schottland-Referendum

Die Londoner City atmet auf

VonCarsten Herz

Viele Unternehmen hatten vor der schottischen Unabhängigkeit gewarnt. Entsprechend groß ist die Erleichterung der Manager über den Ausgang des Referendums. Zerstreut sind die Zweifel ausländischer Investoren aber nicht.

Großbanken in London: „Kollektiver Stoßseufzer der Befreiung“. dpa

Großbanken in London: „Kollektiver Stoßseufzer der Befreiung“.

LondonEs ist der Tag der Wahrheit für die Schotten – und sie fällt glimpflich aus. In der schottischen Hauptstadt Edinburgh mögen die Anhänger der Yes-Kampagne über eine verpasste Chance trauern. Rund 665 Kilometer weiter südlich in der Finanzmetropole London überwiegt dagegen die Erleichterung.

Die klare Mehrheit der Unabhängigkeits-Gegner lässt Investoren und Unternehmen rund um den Globus aufatmen, was sich sofort an den Kursen niederschlägt. Das Pfund legte im frühen Handel gegenüber den anderen Devisen deutlich zu, der britische Börsenindex FTSE kletterte ebenso wie der Dax in Frankfurt.

Beflügelt vom Verbleib Schottlands hatte zuvor bereits die Aktienbörse in Tokio deutlich im Plus geschlossen. „Den Investoren ist dadurch sehr viel Unsicherheit erspart geblieben“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Entsprechend erlöst wirken viele Manager.

„Das Ergebnis wird mit einem kollektiven Stoßseufzer der Befreiung von der ganzen Wirtschaftswelt begrüßt“, jubelte John Cridland, Generaldirektor des führenden britischen Unternehmensverbands CBI. Auch in der Londoner City, wo die großen Banken im Finanzdistrikt an der Themse bereits gegen sechs Uhr morgens vorsorglich erste Krisensitzungen angesetzt hatten, wirken die Nachrichten vom Norden der Insel wie Balsam auf den angespannten Nerven. „Ich bin glücklich, dass die Mehrheit der Schotten sich entschieden hat, im Vereinigten Königreich zu bleiben“, entfährt es Fiona Woolf, der Repräsentantin der Londoner Finanzindustrie als Lord Mayor der City of London.

So geht es jetzt in Großbritannien weiter

19. September 2014

Die großen Parteien im britischen Parlament - Konservative, Labour und Liberaldemokraten - haben zugesagt, sofort mit der Planung für den als Devolution bezeichneten Machttransfer zu beginnen. Die Edinburgher Regierung soll noch mehr Autonomie bekommen in Erziehungs-, Polizei- und Gesundheitsfragen hinausgeht. Auch gibt es mehr Rechte bei der Festsetzung von Steuern.

Ende Oktober 2014

London will ein erstes Papier mit Vorschlägen fertig haben, das dann diskutiert wird. Was es enthalten wird, ist nicht ganz klar - vermutlich soll Edinburgh mehr Freiheit beim Erheben von Einkommenssteuern und in anderen Bereichen der Steuerpolitik bekommen.

Ende November 2014

Ein Informationsbericht des Unterhauses legt die neuen Kompetenzen für Edinburgh im Detail dar.

25. Januar 2015

Der Gesetzentwurf ist fertig, das Unterhaus stimmt darüber ab.

7. Mai 2015

Parlamentswahlen in Großbritannien. Mit dem Zusammentreten des neuen Parlaments sollen auch die neuen Devolution-Gesetze in Kraft treten.

5. Mai 2016

Schottland wählt ein neues Regionalparlament.

2017

Sollte David Cameron wiedergewählt werden, hat er für 2017 ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU in Aussicht gestellt. Wenn die Briten mehrheitlich für den Austritt stimmen, könnte das der Nationalbewegung in Schottland neuen Schwung geben - denn die Schotten sind eher EU-freundlich.

Auch die schottischen Großbanken bemühen sich, zur Tagesordnung zurückzukehren – und aufgerissene Gräben zuzuschütten. Die Institute Lloyds und Royal Bank of Scotland (RBS) erklärten ihre für den Fall einer Abspaltung entworfenen Abwanderungspläne umgehend für hinfällig. „Die Gruppe ist stolz über ihre starken schottischen Wurzeln“, sagte ein Lloyds-Sprecher. Die Bank werde mit einer „signifikanten Präsenz“ in Schottland bleiben.

Auch die RBS versicherte, ihre Abwanderungspläne nun einzukassieren. Nach dem Abstimmungsergebnis gelte für alle Kunden „business as usual“, sagte ein Sprecher. Die Institute hatten in Aussicht gestellt, ihren Hauptsitz im Fall der Unabhängigkeit nach England zu verlagern, um weiter die Unterstützung der Bank von England in Krisensituationen zu haben. Eine gewichtige Mahnung: Der schottische Finanzsektor ist derzeit für rund 13 Prozent der Arbeitsplätze Schottlands verantwortlich. Alleine Lloyds und die RBS beschäftigen mehr als 25.000 Menschen.

Kommentare (11)

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Herr W. Dilling

19.09.2014, 14:06 Uhr

Was denn nun, die Londoner City oder City of London?

Was in der Regel als Wortspiel durchgehen mag, ist in diesem Fall von entscheidender Bedeutung.

Die "City of London" ist der größte Finanzhandelsplatz der Welt - exterritoriales Gebiet und gehört nicht zu Großbritannien. Britische Gesetze greifen hier nicht, die "City of London" hat eine eigene Staatlichkeit, eigene Gesetze und überwacht sich selbst.

Herr Helmut Metz

19.09.2014, 14:44 Uhr

Ja, nicht England ist nochmal davongekommen, sondern das von der City of London mitinstallierte Falschgeldsystem. Eine Unabhängigkeit der Schotten hätte das GBP wohl crashen lassen, was den Druck zur Neuordnung des Weltfinanzsystems, das sich aufgrund der globalen Verschuldungskrise (die dem Falsch- = Schuldgeldsystem "geschuldet" ist) im Agonie-Stadium befindet, eklatant erhöht hätte. Je länger jedoch die Agonie dauert, umso schlimmer das Ende.
So hatten es die Griechen 2010 in der Hand, den Euro (und letztendlich das Finanzsystem) durch Wahl der Euro-Gegner in die Wüste zu schicken. Eine massive Kampagne der EU und der Medien (übrigens auch der deutschen) hatte sie dann aber umgestimmt. Folge: vier weitere Jahre der Agonie, vier komplett verlorene Jahre. Denn was wäre andernfalls passiert?
[...]
Dieser visionäre Kommentar verschweigt allerdings leider auch, weshalb man die Griechen nicht aus dem Euro herausgelassen hat: die Systembanken wären untergegangen.
Was geschieht jetzt, und wie würde dagegen die Zukunft eines unabhängigen Schottland aussehen?
[...]

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Herr Helmut Metz

19.09.2014, 14:49 Uhr

(Fortsetzung)
Das ist ein typischer Missbrauch ihrer Stellung, und jede Bank, die diese Auffassung vertritt, gehört die Bankenlizenz entzogen.
Sollte Schottland der Europäischen Union und Großbritannien fernbleiben und Marx den Rücken kehren und sich Adam Smith zuwenden, wird Schottland zur neuen Schweiz des 21. Jahrhunderts aufsteigen. Und dann können Sie dabei zuschauen, wie sich die Banker darum reißen werden, nach Schottland zu kommen. Ich würde keiner Bank eine Bankenlizenz geben, die diese Art von krasser Propaganda verbreitet, denn auch hier versuchen sie wieder einmal, die Gesellschaft zu manipulieren, um sich die Taschen vollzustecken."
[...]
Die Schotten waren mehrheitlich also leider nicht "brave" und haben sich somit – bewusst oder unbewusst spielt keine Rolle – ebenfalls für die lange Agonie entschieden.

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