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11.06.2012

16:57 Uhr

Schrumpfwirtschaft

Ökonomen warnen vor Ansteckung Italiens

VonDietmar Neuerer

ExklusivKaum wurde damit begonnen, den Euro-Brandherd Spanien zu löschen, brennt es an anderer Stelle: Italien droht immer tiefer in den Krisenstrudel zu geraten. Angesichts neuer Wirtschaftszahlen schlagen Ökonomen Alarm.

Eine italienische Ein-Euro-Münze in einer Schale halb unter Wasser zu sehen, in der sich die Nationalfarben von Italien spiegeln. dpa

Eine italienische Ein-Euro-Münze in einer Schale halb unter Wasser zu sehen, in der sich die Nationalfarben von Italien spiegeln.

BerlinFührende Ökonomen in Deutschland schlagen angesichts der jüngsten Wirtschaftsdaten aus Italien Alarm. Nachdem das Statistikamt des Landes bestätigte, dass die Wirtschaft in den ersten drei Monaten des Jahres um 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorquartal geschrumpft ist und damit den drastischsten Rückgang seit drei Jahren verzeichnet, forderte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer die Regierung in Rom eindringlich auf, gegenzusteuern. Italien sei ein reiches Land, das Finanzvermögen seiner Bürger betrage 175 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Deutschland seien es nur 125 Prozent.

„Eine einmalige maßvolle Vermögensteuer würde ausreichen, um die italienischen Staatsschulden unter die kritische Schwelle von 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu drücken“, sagte Krämer Handelsblatt Online. „Es ist unverständlich, warum die italienische Regierung eine solche einmalige Vermögensteuer nicht einführt.“

Krämer schließt gar einen Hilferuf Italiens an seine europäischen Partner nicht aus, sollte sich die Lage nicht entspannen. „Es ist durchaus möglich, dass auch Italien die Staatengemeinschaft am Ende um Hilfe bittet“, sagte er. Zwar gehe er davon aus, dass es Italien gelingen werde, sein Haushaltsdefizit in diesem Jahr auf weniger als 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu senken. „Aber der als Reformer angetretene Ministerpräsident Mario Monti hat den verkrusteten italienischen Arbeitsmarkt nicht wesentlich reformieren können“, fügte der Ökonom hinzu.

Italiens Reformen

Umgesetzte Maßnahmen

• Verfassungsänderung für ausgeglichene Haushalte
• Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20 auf 21%
• Rentenkürzungen
• „Solidaritätsabgabe“ bei Einkommen über 300.000 Euro
• Flexibilisierung der zumeist zentral geregelten Arbeitsverträge
• Weniger Geld für Provinzregierungen, Reduzierung der Zahl der Provinzen, Reduzierung der Feiertage

Geplante Maßnahmen 2

• Sparpaket mit Volumen 33 Mrd. Euro (Schwerpunkt: Einnahmeerhöhung ca. 30 Mrd. Euro; Kostenreduzierungen 12-13 Mrd. Euro; 10 Mrd. Euro Zusatzausgaben für Wachstumsförderung)
• Weitere Erhöhung der MwSt (von 21 auf 23%, ermäßigt von 10 auf 12% ab 01.09.2012)
• Anpassung des Renteneintrittsalters an Lebenserwartung (Rente mit 67, Einschränkung der Frühverrentung), Wegfall Inflationsanpassung von Renten, Änderung der Berechnungsgrundlage von letzten Gehalt bei gezahlte Beiträge
• Leichtere Kündigungsmöglichkeiten im privaten Sektor
• Möglichkeit, im öffentlichen Sektor Arbeitsplätze abzubauen
• Liberalisierung von kommunalen Dienstleistungen; weniger Exklusivrechte, Möglichkeit zum Abweichen von den Mindestgebühren für bestimmte Berufe
• Liberalisierung im Postwesen (Trennung Postbank von herkömmlichen Postdienstleistungen), im Handel, in zahlreichen Berufssparten, im lokalen Transportwesen und im Energiesektor
• Reformen von Justiz und Bildungssystem
• Privatisierungen im Rahmen von 15 Mrd. Euro über drei Jahre
• Abschaffung von Steuererleichterungen, Bekämpfung der Steuerflucht (Obergrenze für Bartransaktionen)
• Überprüfung des Systems für Arbeitslosengeld
• Wiedereinführung einer Immobiliensteuer (10 Mrd. Euro), höhere Grundbuchbewertung
• Luxussteuer auf Yachten, Privatflugzeuge und hubraumschwere Autos
• Regierungschef Monti verzichtet auf Gehalt
• Zusatzinvestitionen in Infrastruktur, Senkung der Körperschaftsteuer
• Wachstumsprogramm „Cresci Italia“ für Januar 2012 angekündigt

Nicht umgesetzte Maßnahmen

• Liberalisierung des Arzneimittelhandels und der Taxidienste
• Kürzungen von Pensionen und Bezügen von Abgeordneten

Die Löhne dürften nach Krämers Einschätzung in Italien weiter stärker zulegen als die Produktivität. Die Wettbewerbsfähigkeit Italiens werde zudem weiter leiden, nachdem das Land seit Einführung des Euro bereits die Hälfte seiner Weltmarktanteile verloren habe. „Italien ist trotz gewisser Erfolge bei der Haushaltskonsolidierung ein wirtschaftlich angeschlagenes Land, das dringend Reformen bedarf“, resümiert Krämer. „Aber der Reformwille der Regierung ist versandet.“

Kommentare (27)

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Montizuma

11.06.2012, 17:17 Uhr

Italien ist ein reiches Land. Seine Bürger viel reicher als die Deutschen. Die Deutschen in ihrer Arroganz und Überheblichkeit haben das noch gar nicht begriffen. Und Bofinger fordert allen Ernstes, daß Deutschland die italienischen Schulden bedienen soll.
Wäre ich Monti, würde ich das auch von den Deutschen fordern und den eigenen Bürgern den Wohlstand belassen. Die Deutschen lassen sich ohne Widerstand melken! Monti ist doch nicht doof! Bei Bofinger würde ich das nicht behaupten!

M.R.

11.06.2012, 17:33 Uhr

Itaien hat noch viel zu wenig getan (wie wir übrigens auch für Deutschland)!

1998

11.06.2012, 17:39 Uhr

„Ökonomen warnen vor Ansteckung Italiens“

Warum warnen?
Es ist schoin seit 2008 bekannt, daß nach Spanien der nächste Kandidat Italien sein wird.
Dafür muß ich kein studierter Ökonom und „Experte“ sein.
Wer seid 2008 aufmerksam im Interenet recherchiert und nachgelesen hat weiß, was uns alle erwartet.
Eine Inflations- und Transferunion mit dem Ende kollektiver europäischer Staatsbankrotte.
Natürlich wird Italien ebenso unter den Rettungsschirm müßen, wie bereits vorher die Griechen, Iren, Portugisen und Spanier.
Der Euro und die europäische Idee ist tot. Begraben unter Verträgen, die das Papier nicht wert waren, auf denen sie geschlossen wurden.
Selbst im Jahr 1998 konnte man bereits diese Befürchtungen, welche jetzt eingetreten sind lesen.
Siehe, lese hier:
http://www.chemie.fu-berlin.de/fb/diverse/kisker981104.html

Jetzt von politischer Seite so überrascht zu tun, als wäre alles aus heiterem Himmel und durch die Lehman Pleite eingetreten, ist Unfung und komplette Realitätsverdrängung.
Man plante schon damals in 1998 eine Inflationierung des Euros und die Ansteckung aller europäischer Staaten, um durch diese große Krise eine politische Union undemokratisch erzwingen zu können.
Alternativlos sozusagen zu den VSE, undemokratisch ohne Volksentscheide.
Von politischer Seite wird dann verlautbart: „Wir hatten keine Alternative, als den Schritt zur Inflations- und Transferunion, wir konnten ja nicht wissen, das diese Rettungsmaßnahmen so derart aus dem Ruder laufen und die Deutschen in die Euro- und Exportfalle tappten.“




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