Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.08.2013

15:53 Uhr

Schüsse auf UN-Inspektoren

Deutschland will in Syrien nicht länger zuschauen

Ungewöhnlich deutlich hat sich Berlin gegen das Assad-Regime in Stellung gebracht. Der Giftgasangriff dürfe nicht folgenlos bleiben, sagt Merkel. Droht Deutschland nun, in eine Militäraktion verwickelt zu werden?

Syrien

"Wir müssen handeln"

Syrien: "Wir müssen handeln"

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinDer vermutete Giftgasangriff des syrischen Regimes auf Vororte der Hauptstadt Damaskus muss Bundeskanzlerin Angela Merkel zufolge geahndet werden. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Montag in Berlin: „Es handelt sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um einen Giftgasangriff. Er darf nicht folgenlos bleiben.“ Zu einem möglichen militärischen Eingreifen des Westens und einer deutschen Beteiligung daran äußerte er sich nicht näher.

Inzwischen haben die Chemiewaffen-Inspekteure die Ortschaft Moadhamijat al-Scham im Umland von Damaskus besucht. Dort sollen am vergangenen Mittwoch Menschen bei einem Giftgas-Angriff ums Leben gekommen sein. Revolutionsaktivisten veröffentlichten Videoaufnahmen, die das Team in einer Behelfsklinik zeigen. Die Experten der Vereinten Nationen waren während ihrer Fahrt von Damaskus in das Gebiet beschossen worden. Ein Sprecher der Vereinten Nationen betonte, es sei aber niemand verletzt worden.

Die Entwicklung in Syrien drückte die Stimmung am Aktienmarkt. Nach einem freundlichen Auftakt drehte der deutsche Leitindex rasch ins Minus und stand gegen Mittag 0,24 Prozent tiefer bei 8396 Punkten.

Expertengespräch über Giftgas-Inspektionen

Wie kann man Chemiewaffen vor Ort eigentlich nachweisen?

„Wenn man einen Kampfstoffeinsatz nachweisen will, dann muss man den Stoff irgendwie finden. Das heißt, man muss Proben nehmen und man muss sie analysieren lassen und schauen, ob man in diesen Proben Kampfstoffspuren oder Abbauprodukte von Kampfstoffen findet.“

Stefan Mogl (48), Experte für chemische Waffen beim Schweizer Bundesamt für Bevölkerungsschutz, im Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Wovon genau nehmen die Inspekteure Proben?

„Man kann zwei Gruppen unterscheiden. Klinische Proben sind Proben von exponierten Personen. Von Überlebenden würde man Urinproben oder Blutproben nehmen. Man kann auch von Verstorbenen gewisse Proben nehmen. Diese biomedizinische Analytik ist eine Spur anspruchsvoller als die Analytik von Umweltproben. Das ist dann die zweite Gruppe, Umweltproben ist ein Überbegriff für so ziemlich alles, was mit dem Kampfstoff in Berührung hätte kommen können. Bodenproben von der Einschlagstelle der Munition, Wischproben vom Munitionskörper, Kleidungsstücke von exponierten Personen oder Oberflächenproben aus Räumen.“

Können die Proben vor Ort untersucht werden?

„Generell wären die Inspektoren imstande, auch vor Ort eine gewisse Analytik durchzuführen. Ich würde im vorliegenden Fall davon ausgehen, dass das Team nur dazu vorbereitet ist, die Proben zu verpacken und direkt zu versenden. Das wäre viel zu kompliziert und vielleicht auch zu gefährlich, das vor Ort machen zu wollen.“

Kann man auch herausfinden, wer die Kampfstoffe verwendet hat?

„Generell ist es sicher nicht einfach, eine Schuldzuweisung zu machen. Der erste Schritt wird sein, herauszufinden, ob ein Kampfstoff eingesetzt wurde oder nicht. Wenn man die Bestätigung hat, dann muss man versuchen, das über die Munition, über Gefechtsbeobachtung zu etablieren. Aus welcher Richtung wurde geschossen? Aus welchem Gebiet kam die Munition? Wer hatte die Möglichkeit, diese Munition zu schießen? Aber das ist wahrscheinlich nicht einfach. Es kommt sehr auf die Munition an - wenn man welche findet.“

Wie schnell kann man mit Ergebnissen rechnen?

„Ich würde schon mindestens eine Woche veranschlagen, damit man auch eine umfangreiche, seriöse Analytik durchführen kann. Die ersten Resultate sind vielleicht sehr schnell da, aber ich denke mal, dass sich jedes Labor, das mit solchen Proben bedient wird, ganz genau absichern wird, dass die Analysen voll verlässlich sind. Aber das ist Spekulation. Bei uns im Labor würde es ein paar Tage dauern.“

Es gibt Bedenken, dass Beweise vernichtet längst sind. Ist das möglich?

„Gerade bei den Umweltproben ist es entscheidend, dass die Inspekteure an den Ort kommen, wo die Munition wirklich angekommen ist. Wenn sie freies Geleit haben und dort hinkommen, wo die Munition auch eingeschlagen ist, dann kann man das noch nachweisen.“

Und wie sieht es mit klinischen Proben von Menschen aus?

„Die Spitäler kennen das mittlerweile ja auch, die haben wahrscheinlich schon Proben sichergestellt von Patienten. Man kann natürlich im Nachhinein immer behaupten, jemand hätte den Proben noch etwas hinzugefügt. Wenn sie nichts finden in der Probe, dann ist die Sache einfach. Aber wenn sie eine Probe analysieren und es war etwas drin, dann muss man lückenlos beweisen, dass die Proben durch eine unabhängige Organisation genommen und dann versiegelt wurden. Sonst bleibt immer die Möglichkeit, dass jemand behaupten kann, diese Probe sei manipuliert worden.“

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sieht die internationale Gemeinschaft in der Pflicht zu handeln, falls der mutmaßliche Einsatz von Giftgas in Syrien bewiesen wird. Wenn die Verwendung „von chemischen Massenvernichtungswaffen“ bestätigt werde, „muss die Weltgemeinschaft handeln“, sagte Westerwelle auf der Botschafterkonferenz im Auswärtigen Amt in Berlin. „Dann wird Deutschland zu denjenigen gehören, die Konsequenzen für richtig halten“, kündigte der FDP-Politiker an. „Hierzu stehen wir in enger Abstimmung mit den Vereinten Nationen und unseren Verbündeten.“ Konkreter wurde auch Westerwelle nicht.

Seibert sagte: „Wir wollen alles, was wir können, dazu beitragen, damit es eine politische Lösung gibt.“ Er erklärte zugleich: „An diesem Ort ist ein entsetzliches Verbrechen an Männern, Frauen und Kindern verübt worden.“ Die Chemiewaffenkonvention verlange, dass es darauf eine sehr deutliche Antwort gebe. Die Uno-Inspekteure sollten allerletzte Gewissheit schaffen. Merkel telefonierte laut Seibert am Sonntag mit dem französischen Staatspräsidenten François Hollande und dem britischen Regierungschef David Cameron über eine klare internationale und möglichst geschlossene Reaktion.

Chemiewaffen im syrischen Bürgerkrieg

23. Juli 2012

Die syrische Regierung bestätigt erstmals, über Chemiewaffen zu verfügen. Sie werde diese nur im Falle einer Militärintervention aus dem Ausland einsetzen, niemals aber gegen Syrer.

20. August 2012

US-Präsident Barack Obama warnt, der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien – oder auch schon Vorbereitungen dafür – bedeuteten das Überschreiten einer „roten Linie“.

3. Dezember 2012

Die NATO und die Vereinigten Staaten drohen mit „einer unmittelbaren internationalen Antwort“, sollten diese Waffen eingesetzt werden. Ein US-Regierungsvertreter spricht von Erkenntnissen, dass die syrische Regierung alle Komponenten bereithält, um das hochtoxische Nervengas Sarin militärisch einzusetzen. Damaskus erklärt: „Sollten wir über solche Waffen verfügen, werden wir diese nicht gegen unser Volk einsetzen.“

19. März 2013

Regierung und Rebellen in Syrien beschuldigen sich gegenseitig, Chemiewaffen genutzt zu haben.

April/Mai 2013

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon verkündet am 8. April, Inspekteure stünden bereit, um überall in Syrien den Einsatz geächteter Waffen zu untersuchen. Damaskus will die Inspektion geografisch begrenzen. Am 29. Mai informiert Großbritannien die UNO über neue Verdachtsfälle von Chemiewaffeneinsatz.

Juni 2013

„Das Laborergebnis ist eindeutig: Sarin-Gas wurde gefunden“, berichtet der französische Außenminister Laurent Fabius am 4. Juni, nachdem Proben untersucht wurden, die Zeitungsreporter von „Le Monde“ und eine weitere Quelle aus Syrien mitgebracht hatten. Das Weiße Haus beschuldigt die syrische Regierung neun Tage später, Chemiewaffen, darunter Sarin, eingesetzt zu haben, "eine rote Linie" sei damit überschritten. Moskau findet die Beschuldigungen „wenig überzeugend“ und Damaskus nennt sie „Lügen“.

30. Juni 2013

Die israelische Luftwaffe bombardiert laut Angaben aus US-Regierungskreisen eine Stellung mit Boden-Luft-Raketen und eine militärische Anlage nahe Damaskus. Hintergrund sei die israelische Befürchtung, hochentwickelte Waffen sollten an die libanesische Hisbollah geliefert werden, die auf Seiten der Regierung in Syrien kämpft. Die „New York Times“ berichtet, bei dem Angriff sei das wichtigste Forschungszentrum für biologische und chemische Waffen getroffen worden.

Juli 2013

Der russische UNO-Botschafter berichtet am 9. Juli über Beweise, dass die oppositionellen Rebellen das Nervengas Sarin eingesetzt hätten. Washington kommentiert, „noch keinen Beweis zu kennen, der diese Behauptung stützt“. Die Vereinten Nationen wurden am 23. Juli nach eigenen Angaben über 13 mutmaßliche Angriffe mit Chemiewaffen unterrichtet. UN-Chefinspektor Ake Sellström und die UN-Abrüstungsbeauftragte Angela Kane erzielen in Damaskus eine Einigung über das weitere Vorgehen: Die Inspektoren sollen sich demnach auf drei Orte konzentrieren, an denen gemäß früheren Anschuldigungen Chemiewaffen eingesetzt worden seien.

August 2013

Die UNO informiert, dass „die syrische Regierung die grundlegenden Modalitäten akzeptiert“ habe, um die Sicherheit und Effizienz der Inspektion zu gewährleisten. Am 19. August beginnen die am Vorabend in Damaskus eingetroffenen UNO-Experten unter größter Geheimhaltung ihre Suche nach Beweisen für den erfolgten Einsatz von chemischen Waffen. Am 21. August werden nach Oppositionsangaben in von Rebellen beherrschten Ortschaften bei Damaskus bis zu 1300 Zivilisten durch Gaseinsätze getötet. Westliche Regierungen fordern, die UNO-Inspektoren im Lande sollten sofort diesen Fall untersuchen.

Uno-Experten schauen sich nun den Ort an, wo am Mittwoch mutmaßlich Nervengas eingesetzt wurde. Dabei kamen nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen Hunderte Menschen, darunter viele Kinder, ums Leben. Regierung und Rebellen beschuldigen sich gegenseitig. Seibert sagte, für eine Unschuld der Regierung Assads gebe es keine Anhaltspunkte. Nachrichtendiensten zufolge sei zu einem derart großflächigen Einsatz von Chemiewaffen nur sein Regime in der Lage. „Aber wir werden alle Indizien prüfen und hoffen, dass tatsächlich die Mission der UN-Inspektoren uns in der Beurteilung des Sachverhalts ein wenig weiterbringt.“

Kommentare (69)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

peer-bilderberger

26.08.2013, 13:27 Uhr

Den Regierungen der USA, Frankreich und Grossbritannien läuft der Schaum aus dem Mund vor lauter gekünstelter Empörung und sie wollen unbedingt den Befehl geben, Bomben, Raketen und Marschflugkörper auf Syrien abzufeuern.

Parallel dazu läuft die Propaganda, denn völlig kritiklos und ohne Bedenken manipulieren die Medien die Meinung der Bevölkerung in Richtung Krieg gegen Syrien.

Genau wie mit Lügen und gefälschten beweisen Slobodan Milosevic, Saddam Hussein oder Muammar Gaddafi als ganz üble Bösewichte hingestellt wurden, damit man einen Angriffskrieg gegen Serbien, Irak und Libyen rechtfertigen konnte, wird Bashar al-Assad jetzt als jemand beschrieben, der Giftgas gegen Zivilisten einsetzt, damit man Syrien plattmachen kann.

Dabei hat Assad UN-Inspektoren ins Land gelassen, damit sie prüfen können, wer wirklich Chemiewaffen einsetzt, denn die syrische Regierung sagt, es sind die Terroristen die es tun, um eine westliche Intervention auszulösen. Dann passiert ausgerechnet nach Ankunft der UN-Mission in Damaskus wie bestellt ein Angriff mit chemischen Waffen. Hallo!!! Alleine diese Tatsache zeigt, es wurde extra für die UN-Inspektoren von den Terroristen inszeniert.

brandstifter-sind-unterwegs

26.08.2013, 13:36 Uhr

Es gibt nur ein Ziel...der Weg dorthin läuft ausschliesslich über Syrien....der Weg nach Iran!
Da ist den "Verteidigern der Menschenrechte" jedes Mittel recht!

Koordinaten

26.08.2013, 13:39 Uhr

Wenn es Russland zu bunt wird, werden sie Berlin ordentlich ein-nuken. Dann hilft Angie auch ihr Bunker nichts mehr. In Kalingrad werden schon die Deckel für die Interkontinentalraketen und Mittelstreckenraketen zur Seite gefahren. Mal sehen wie genau sie treffen können.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×