Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.04.2015

20:35 Uhr

Schüsse vor den Bug

Iran sieht Frachtschiff-Stopp als legal an

Der Iran bringt einen dänischen Frachter auf und zwingt ihn in einen Hafen. Als Grund für das rabiate Vorgehen nennt Teheran einen Rechtsstreit zwischen einer iranischen Firma und der Reederei.

Der US-Zerstörer USS-Farragut. Nach dem Stopp eines dänischen Frachtschiffes durch den Iran haben die USA das Marineschiff in Richtung des Vorfalls befohlen. AFP

Vorfall im Persischen Golf

Der US-Zerstörer USS-Farragut. Nach dem Stopp eines dänischen Frachtschiffes durch den Iran haben die USA das Marineschiff in Richtung des Vorfalls befohlen.

Teheran/KopenhagenDas iranische Außenministerium hat den Stopp eines Frachtschiffes der dänischen Reederei Maersk im Persischen Golf als legal bezeichnet. Marineeinheiten der iranischen Revolutionsgarden hatten am Dienstag im Persischen Golf das Feuer auf den Frachter eröffnet und die „Maersk Tigris“ anschließend zum Einlaufen in den Hafen von Banderas Abbas gezwungen. „Alle Maßnahmen der iranischen Seite waren im Rahmen nationaler und internationaler Vorschriften“, sagte Außenamtssprecherin Marsieh Afcham am Mittwoch.

Hintergrund des Vorfalls in der Straße von Hormus sei ein Rechtsstreit zwischen einer privaten iranischen Firma und Maersk gewesen, betonte die Sprecherin weiter. Strittig ist, ob sich das Schiff - wie von Teheran angegeben - im iranischen Hoheitsgebiet oder in internationalen Gewässern befand, als es gestoppt wurde.

Die Besatzung ist nach Angaben beider Seiten wohlauf. Allen 24 Crewmitgliedern gehe es gut, sie hätten konsularische Unterstützung ihrer jeweiligen Länder, hieß es in der Erklärung Afchams.

Der Reedereikonzern A.P. Møller-Maersk teilte in Kopenhagen mit: „Wir stehen in ständigem Kontakt mit Rickmers Shipmanagement und haben mit Erleichterung erfahren, dass die Besatzung in Sicherheit ist und es ihr den Umständen entsprechend gut geht.“ Das Hamburger Unternehmen hat laut Maersk die überwiegend aus Osteuropa und Asien stammende Mannschaft organisiert. Das dänische Außenministerium betonte, der Iran sei für die Sicherheit der Seeleute verantwortlich. Das Schiff fährt unter der Flagge der Marshallinseln.

Laut der iranischen Schifffahrtsbehörde führt die iranische Firma Pars Oil seit Jahren einen Rechtsstreit mit Maersk. Nach mehreren Gerichtsverfahren und Berufungen habe es ein Urteil gegen das dänische Unternehmen gegeben. Maersk sollte einen nicht bekannten Schadenersatzbetrag an Pars Oil bezahlen. Die Summe sei angeblich noch nicht bezahlt worden.

Daher sei der Frachter in iranischen Gewässern gestoppt und in den Hafen von Bandar Abbas geleitet worden, so die Schifffahrtsbehörde. Das iranische Außenministerium erklärte, man hoffe, dass der Streit bald beigelegt werde und das Schiff wieder ausfahren dürfe.

Die iranischen Atomanlagen

Schwerwasserreaktor in Arak

Eine zentrale Rolle im Atomstreit spielt der geplante Schwerwasserreaktor in Arak, rund 250 Kilometer südwestlich von Teheran. Solche Reaktoren werden mit gewöhnlichem, nicht angereichertem Uran befeuert und mit sogenanntem schwerem Wasser, einer molekularen Variante, gekühlt. Schwerwasserreaktoren sondern als Nebenprodukt mehr Plutonium ab als Reaktoren, die mit gewöhnlichem Wasser gekühlt werden. Plutonium wiederum kann für die Herstellung von Atomwaffen eingesetzt werden.

Der Bau des Reaktors in Arak begann 2004 und ist fast fertig. Ein Datum für die Inbetriebnahme ist jedoch noch nicht bekannt. Der Iran gibt an, die Anlage für die Herstellung von Isotopen für medizinische und industrielle Zwecke nutzen zu wollen. Die UN-Inspektoren haben die Anlage bereits besichtigt. Vor knapp zwei Wochen sagte die Regierung ihnen überdies zu, weitere Kontrollen zu ermöglichen.

Urananreicherungsanlage in Natans

Der Iran betreibt zwei bedeutende Urananreicherungsanlagen. Die älteste und größte befindet sich in Natans, rund 260 Kilometer südwestlich von Teheran. Die Schutzmaßnahmen sind aufwendig: Die Zentrifugen stehen unter der Erde und die Anlage wird von mehreren Luftabwehrgeschützen verteidigt. Seit 2006 drehen sich die Zentrifugen und reichern Uran an. Insgesamt soll der Iran nach UN-Angaben 18.000 Zentrifugen besitzen

Urananreicherungsanlage in Fordo

Die zweite Anlage liegt in Fordo, im bergigen Süden der Hauptstadt Teheran. Die Regierung hielt die Urananreicherungsanlage lange geheim. Erst 2009 wurde ihre Existenz durch ausländische Geheimdienste bekannt. Das Gelände wird von den elitären Revolutionsgarden geschützt. Die UN-Inspektoren haben beide Anlagen in Natans und in Fordo bereits besucht und Systeme für eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung eingerichtet. Der Iran will aber nach eigenen Angaben zehn weitere Anlagen zur Urananreicherung bauen. Details zu den Plänen sind jedoch noch nicht bekannt.

Reaktor Buschehr

Das Kraftwerk Buschehr befindet sich im Südwesten des Landes an der Küste des Persischen Golfs. Das Projekt hatte schon vor der islamischen Revolution 1979 mit deutscher Beteiligung begonnen, später wurde es mit russischer Unterstützung weiter betrieben. 2011 wurde Buschehr als erstes iranisches Atomkraftwerk ans Netz angeschlossen.

Reaktor Teheran

Der wichtigste Forschungsreaktor steht in der iranischen Hauptstadt. Dort werden vor allem Isotope für medizinische Zwecke produziert. Die UN-Experten haben Zugang zu der Anlage.

Reaktoren in Planung

In den kommenden 20 Jahren plant der Iran den Bau mehrerer neuer Reaktoren. Wenige Details sind bekannt. Der meistdiskutierte Vorschlag ist ein Reaktor zur Energiegewinnung in Darchowin in der südwestlichen Provinz Chusestan. Er soll ausschließlich mit iranischer Technologie konstruiert werden. Der Iran hat der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) versprochen, seine Pläne zu erläutern.

Uranmine Saghand

Die bedeutendste Uranmine des Landes liegt in Saghand in der zentralen Provinz Jasd. Dort lagern die größten iranischen Vorkommen. Die Inspektoren dürfen die Mine betreten.

Uranmine Gachin

Eine kleinere Uranmine liegt am Persischen Golf. Ganz in der Nähe gibt es eine Raffinerie in Bandar Abbas. Seit 2006 wurden hier kleine Mengen von sogenanntem Yellowcake hergestellt. Dabei handelt es sich um ein gelbes, pulverförmiges Material aus Uranverbindungen, aus dem Brennstäbe hergestellt werden.

Uranmine Ardakan

Rund 500 Kilometer südlich von Teheran ist eine Raffinerie zur Produktion von Yellowcake geplant. Sie ist noch nicht in Betrieb.

Militäranlage Parchin

In Parchin südöstlich von Teheran befindet sich ein Militärgelände, auf dem konventionelle Waffen getestet werden. Die IAEA vermutet, dass dort eine unterirdische Anlage existiert, in der Zünder für Atomsprengköpfe getestet worden sein sollen. Der Iran weist die Vorwürfe zurück. Zwar konnten die Inspektoren den Stützpunkt 2005 besuchen, seither verlangt die IAEA aber erneut Zugang, den sie aber bislang nicht bekam.

Maersk erklärte, die Reederei stehe in Kontakt mit den iranischen Behörden. Die dortige Schiffahrtsbehörde habe Maersk informiert, dass es angeblich ausstehende Frachtforderungen gebe. Bisher habe die Reederei aber keine schriftliche Stellungnahme zu den Vorwürfen oder zur Aufbringung des Schiffes „in internationalen Gewässern“ erhalten.

Nach Angaben des Pentagons vom Dienstag hatte der Frachter nach den Schüssen einen Hilferuf abgesetzt, der von US-Streitkräften in der Gegend aufgenommen worden sei. Der Zerstörer „Farragut“ sei in Richtung des Vorfalls beordert worden. Die US-Marine habe außerdem Flugzeuge zur Beobachtung geschickt. Die Straße von Hormus verbindet den Persischen Golf mit dem Arabischen Meer. Laut der Website Marine Traffic ist der Frachter 250 Meter lang.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×