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20.07.2011

12:06 Uhr

Schulden-Krimi

„Wir Griechen sind gezwungen, unsere Scheiße zu trocknen“

VonThorsten Giersch

Vieles war und ist über die Schuldenkrise Griechenlands geschrieben worden. Aber selten war es so spannend zu lesen wie im brandneuen Krimi von Starautor Petros Markaris. Denn hier wird die Krise selbst zum Thema - enthauptete Banker inklusive.

Streikende Taxifahrer demonstrieren vor dem griechischen Parlament. Quelle: dapd

Streikende Taxifahrer demonstrieren vor dem griechischen Parlament.

DüsseldorfDer Mörder kam durch die Hintertür. Die britische Bank hatte keinen Wachdienst, nur eine Sicherheitstür und Überwachungskameras. „Wenn das nicht der berühmte schottische Geiz ist“, denkt Kostas. „Wir Griechen sind durch unsere Verschwendungssucht wenigstens mit fliegenden Fahnen untergegangen. Aber wie haben diese Sparfüchse ihre Wirtschaft ruiniert?“

Das ist der Tenor Petros Markaris’ aktuellem Roman „Faule Kredite. Ein Fall für Kostas Charitos“. Der grenzenlos langweilige Titel ist ein Hinweis, dass die Handlung nur mittelmäßig spannend ist.

Aber es ist ja auch nicht die Suche nach dem Serienmörder von Finanzjongleuren, was dieses Buch so lesenswert macht. Es ist der Umgang mit dem griechischen Alltag, der Markaris so gut gelingt. Einige Klischees, die in den Köpfen von uns geldgebenden Mitteleuropäern festsitzen, werden voll bestätigt. Andere ad absurdum geführt.

Es ist die Suche nach der Wahrheit im Alltag von Kostas Charitos, einem Kommissar, der mitten im Leben steht und den neuen Alltag der Griechen aus der Ich-Perspektive erzählend sehr gut beschreibt. Da ist seine Tochter Katarina, die sich ärgert, ihren Doktor gemacht zu haben, anstatt nicht vor der großen Krise ins Berufsleben eingestiegen zu sein. Nun braucht sie viel Glück und Vitamin B, um trotz ihrer großartigen Ausbildung irgendeinen Job zu finden.

Da ist seine Frau, die den Selbstmord eines Nachbarn mit ansehen muss. Der Besitzer eines Damenmodegeschäftes wusste keinen anderen Ausweg, weil es im Zuge der Krise allzu sehr bergab ging mit den Umsätzen und die Banken den Kredithahn zuzogen.

Da sind all die Kollegen, die wie so viele Beamte auf das 13. und 14. Monatsgehalt verzichten müssen. Noch härter trifft sie aber das Zusammenstreichen der Pension: „Wie soll ich im Alter mit 500 Euro auskommen?“ Sparen geht nicht, das jetzige Gehalt ist zu knapp. Offen diskutieren die Polizeibeamten über das „Abkassieren non Nachtlokalen“. Es sind keine böse Menschen, die so reden. Es sind brave Familienväter, die die Not treibt.

Da bleibt keine Frage offen, wie es zu all der Korruption in Griechenland kommt. „Die Stimmung unter den Kollegen erinnert mich an die Mobilmachung der Junta im Jahr 1974“, denkt Kostas am Anfang des Buches.

Da ist ein alter Freund voller Wut, dessen Widerstandskämpferrente erheblich zusammengestrichen wurde. Nicht, weil ihm das Geld fehlt, sondern aus Prinzip: „Es ist, als würde man mir sagen: Mal langsam. So einen tollen Widerstand hast du noch auch wieder nicht geleistet. 380 Euro sind mehr als genug für dich.“

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

20.07.2011, 13:33 Uhr

Das Land hat keine Chance; durch die jahrhundertelange Besatzung durch die Türkei in einen Befreiungskrieg gezwungen zu Beginn des 20. JH, mit deutschen Adligen dann als Staatslenker versehen, von Italienern und Deutschen im 2. Weltkrieg heimgesucht, durch Engländer korrumpiert, die nach dem 2. Weltkrieg griechische Kommunisten und Nationalisten gleichzeitig mit Waffen versorgten - ohne Marschallplan, auf niedriges Agrarniveau zurückgeworfen, auf Importe angewiesen - was erwarten wir?
Über Wasser gehalten haben sich die Besitzer der Importpfründe, die Familien, die Grundbesitz in Stadtlagen haben, und daraus Geld und politischen Einfluß erlangten.

Wer hier agitiert und keinen konstruktiven Vorschlag beizutragen hat, solle sich seine Wortmeldung doch bitte verkneifen. Ob D und EU Hilfsgelder verweigern oder nicht - keinem der Schreihälse wird es bei Ausschluss Griechenlands nur ein Jota besser gehen, wir Steuerzahler werden es nicht einmal merken. Die Absahner hier im eigenen Land, die sollten wir im Auge behalten. Die Banker-Zock-Geschäfte, die Luftnummern, die dort in Frankfurt und New York über die Bühne gehen! Zurück mit den Banken aufs eigentliche Bankgeschäft und die Gambler in die Spielkasinos! Wir überlassen Hassadeuren unser Überleben!

Nikos35

20.07.2011, 14:32 Uhr

@ewolfgang: Gebe Ihnen Recht was die griechi. Steuerhinterzieher angeht. Venizelos ist ein Wonneproppen, wie einst Hr. Kohl als er den dt. Traum der Wiederverinigung samt Soli schmackhaft machte ;-).....oder Franz-Josef Strauss, dessen unterschwellige Idee wohl ein unabhängiges Bayern war.

Was mich wirklich interessiert ist eines: Wieviel ist vom dt. Steuerzahler tatsächlich bisher nach GR geflossen, Cash, keine Garantien, Versprechungen und und und.....NETTO, wieviel? Warum erzählt das keiner?

@egal: hat der schreiben damit nicht doch die Griechen gemeint?

Account gelöscht!

20.07.2011, 15:13 Uhr

Mir sind diese ganzen Diskussionen völlig egal. Die Deutschen wählen Ihre Politiker, so wie jeder andere auch. Sie wurden nicht dazu gezwungen irgendwelche Ausgleichszahlungen in Form von Krediten über Griechenland an Internationale Banken zu leisten. Das hat die deutsche Politik für sich selber entschieden. Deswegen sollte keine Volkshetze tolleriert werden. Den Faschismus kann nur durch Anzeigen bekämpft werden. Das Internet ist keine Plattform um braunes beleidigendes Gedankengut anonym zu verbreiten.
Jeder der sich durch solche Kommentare beleidigt fühlt, soll Anzeige erstatten. Die Behörden haben Mittel und Wege die IP Adresse den Verfassern zuzuordnen.

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