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13.07.2011

09:28 Uhr

Schuldenkrise

Braucht die EZB frisches Kapital?

VonMarietta Kurm-Engels

Ein Schuldenschnitt Griechenlands könnte die EZB mehr als 20 Milliarden Euro kosten. Der Chef des weltgrößten Anleihehändlers Pimco hält deshalb eine Kapitalerhöhung für nötig. Führende Ökonomen widersprechen. Von MARIETTA KURM-ENGELS

Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Quelle: dpa

Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB).

Das Wort von Mohamed El-Erian hat an den Märkten Gewicht. Ein unbedarfter Satz des Vorstandschefs des weltweit größten Anleiheinvestors Pimco - und schon bewegen sich die Kurse. Jetzt sorgt sich El-Erian um die Europäische Zentralbank (EZB). "Im Laufe des letzten Jahres wurde die Bilanz der EZB mit toxischen Anleihen belastet", sagte er dem Handelsblatt. "Ich vermute, dass die EZB in den nächsten drei Jahren frisches Kapital benötigen wird."

Führende Volkswirte sehen diese Gefahr dagegen nicht. Sie vertreten die Ansicht, dass die Kapitalsituation der EZB durch mögliche Verluste in den verschuldeten Problemstaaten nicht gefährdet sei. "Ehe die nationalen Zentralbanken bei der EZB Kapital nachschießen müssten, muss noch sehr viel passieren", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Maßnahmen gegen die Schuldenkrise

Schäuble Vorschlag

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beharrt auf seinem Vorschlag, alle griechischen Anleihen zu einem bestimmten Zeitpunkt - also während der Laufzeit - gegen neu Papiere mit längerer Laufzeit zu tauschen. Im Gespräch ist eine Verlängerung der Laufzeit der  Staatsanleihen privater Gläubiger um sieben Jahre. Dabei sollen die Gläubiger die vereinbarten Zinssätze erhalten.  

Damit die Rating-Agenturen dies nicht als Zahlungsausfall Griechenlands werten, sollen sich die privaten Gläubiger auf freiwilliger Basis beteiligen. Unklar ist jedoch, wie Schäuble genug Gläubiger dazu bewegen will, sich an einer solchen freiwilligen Lösung zu beteiligen.

Kauf von Anleihen durch den Euro-Rettungsfonds

Der Euro-Rettungsfonds (EFSF) könnte künftig auch Staatsanleihen von Privatgläubigern zum aktuellen Marktwert kaufen oder Schuldenländern den Rückkaufeigener Anleihen ermöglichen. Derzeit sind die Marktpreise für die Staatsanleihen der Schuldenländer deutlich unter den Ausgabekursen. Deshalb könnte auf diese Weise der Privatsektor indirekt an den Rettungskosten beteiligt werden.

Diskutiert werden zwei Varianten: Entweder der EFSF kauft die Schulden selbst auf oder er gibt Kredite an Griechenland, dessen Regierung dann den Rückkauf betreibt. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wäre der EFSF rechtlich dazu in der Lage. Für Griechenland würde sich die Finanzlage stark verbessern. Doch die Geberländer müssten viel Geld in die Hand nehmen. Und: Die Ratingagenturen würden dies vermutlich als Kreditausfall werten.

Im vergangenen Jahr hat bereits die Europäische Zentralbank (EZB) massiv Anleihen gekauft. Sie will jedoch keine weiteren Risiken eingehen. Außerdem stellt sich die EZB gegen Vorschläge zur Beteiligung des Privatsektors an der Griechenland-Rettung, weil sie ansonsten auf ihre eigenen Anleihen Abschreibungen bilden müsste.

Der Ackermann-Plan

Der Plan des von Josef Ackermann geführten internationalen Bankenverbandes IIF sieht ein freiwilliges, von Griechenland selbst organisiertes Rückkaufangebot für Staatsanleihen vor.

Ein solcher Schritt würde lediglich solche Banken treffen, die die Papiere zu Einstiegspreisen im Bankbuch halten. Sie müssten bei einem Rückkauf Abschreibungen in Kauf nehmen. Nicht betroffen wären hingegen Institute, die ihre Griechenland-Anleihen zum derzeitigen Wert im Handelsbuch bilanziert haben.

Der Schuldenrückkauf  würde nach Überzeugung des IIF keinen begrenzten Zahlungsausfall auslösen. Offen ist wer Griechenland den Schuldenrückkauf finanzieren soll.  Hier käme neben der EZB nur der europäische Rettungsschirm EFSF in Frage.

Bankenabgabe

Die Gläubiger kaufen freiwillig neue Griechenlandanleihen. Das zweite Hilfspaket für Griechenland wird aus einer Bankenabgabe oder aus einer Finanzmarktsteuer finanziert. Vorteil: Der EFSF bekäme zusätzlich Geld, ohne dass die Haushalte der Euro-Länder dadurch belastet werden. Nachteil: Bankenabgabe und die Finanzmarktsteuer sind in der EU stark umstritten. Und die griechische Schuldentragfähigkeit würde kaum verbessert. Die Ratingagenturen sehen dies wohl nicht als Zahlungsausfall.

Französisches Modell

Die französischen Banken haben ein Modell in die Diskussion gebracht, bei dem Griechenland seine auslaufenden Anleihen vollständig tilgt. 30 Prozent der Tilgungssumme sollen die Investoren direkt ausgezahlt bekommen. Die restlichen 70 Prozent des zurückgezahlten Geldes müssen sie in neue Griechen-Bonds mit 30-jähriger Laufzeit anlegen.

Die Banken haben verschiedene Varianten des Modells ins Spiel gebracht. Sie unterscheiden sich darin, inwieweit die anderen Euro-Staaten das Ausfallrisiko der verbliebenen Anleihen übernehmen.  Außerdem geht es um die Frage, wie die verbliebenen Papiere verzinst werden sollen. Im Gespräch ist ein Zinsbonus, der sich nach dem griechischen Wirtschaftswachstum richtet.

Entscheidend dafür, welches Modell sich am Ende durchsetzt, ist vor allem das Urteil der Rating-Agenturen. Für das französische Modell hat die Rating-Agentur Standard & Poors bereits signalisiert, dass sie dies als teilweisen Zahlungsausfall werten könnte. Eine Bewertung als Zahlungsausfall wollen die Euro-Länder unbedingt verhindern. In diesem Fall müssten Banken und Versicherungen Abschreibungen bilden und die Kreditausfallversicherungen (CDS) würden fällig – mit unkalkulierbaren Risiken für das Finanzsystem.

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

Eurobonds

Dahinter steht die Idee, dass alle Euro-Länder gemeinsame Anleihen ausgeben - für die sie gemeinsam garantieren. Durch das geringere Ausfallrisiko würde die Zinslast für die Schuldenländer sinken. Unklar ist jedoch, was dies für die Euro-Länder mit hoher Kreditwürdigkeit bedeuten würde, wie zum Beispiel Deutschland. Unter Umständen müssten sie für ihre Anleihen dann höhere Zinsen zahlen. Befürworter argumentieren jedoch, dass durch die höhere Liquidität der Anleihe der durchschnittliche Zinssatz für alle beteiligten Länder sinken würde.  

Das Modell wird in verschiedenen Varianten diskutiert. Neben der vollständigen Umstellung auf Eurobonds gibt es auch den Vorschlag, nur solche Schulden in Eurobonds umzuwandeln,  die im Rahmen der Maastrichter-Kriterien liegen.

Brady-Bonds

Der US-Finanzminister Nicholas Brady entschärfte die Lateinamerika-Krise 1989 dadurch, dass ausstehende Anleihen südamerikanischer Länder in solche mit sehr langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen umgetauscht wurden. Als Sicherheiten dienten US-Staatsanleihen.

Blessing-Vorschlag

Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, hat sich für einen Forderungsverzicht der Banken von 30 Prozent ausgesprochen. Die übrigen 70 Prozent sollen die Institute in Anleihen mit 30-jähriger Laufzeit tauschen, die von EU-Institutionen garantiert würden. Der Zins soll für diese Bonds nur 3,5 Prozent betragen. Der Vorschlag folgt der Logik der Brady-Bonds.

Selbst bei einem Schuldenschnitt Griechenlands, der der EZB einen Verlust von mindestens 24 Milliarden Euro bescheren dürfte, würde die EZB nicht pleitegehen, sagt Notenbankexperte Manfred J.M. Neumann von der Universität Bonn.

Notenbanken brauchen kein Eigenkapital. Sie können den Verlust in ihrer Bilanz vortragen. Und dass ein solcher Ausweis nichts Ungewöhnliches ist, hat die Bundesbank Anfang der siebziger Jahre vorexerziert. Wegen der Koppelung der D-Mark an den Dollar verlor die Bundesbank Milliarden, die sie als Bilanzverluste auswies. Diese Möglichkeit hat das Eurosystem auch.

Kommentare (5)

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Rainer_J

13.07.2011, 10:48 Uhr

Seit wann braucht denn eine Notenbank Geld? Sie hat doch das Monopol Geld zu drucken soviel sie will.

Oder ist die EZB jetzt ein Drehpunkt, um illegal deutsches Steuergeld an französische Banken zu überweisen?

Account gelöscht!

13.07.2011, 11:03 Uhr

Wie wäre es denn mit gedruckten Papier? Die EZB hat doch die Lizenz zum Drucken.

Rainer_J

13.07.2011, 11:23 Uhr

Langsam bin ich der Meinung, dass die EZB ihr Problem mit den gekauften Schrott-Staatsanleihen durch Inflation, also mit Geld drucken beseitigen sollte. Dabei muß noch nicht mal wirklich Papier bedruckt werden, sondern das passiert alles nur im Computer.

Vorteil: Eher reiche Menschen der gesamten Eurozone (alle die Geld gespart bzw. gehortet haben) würden das dann bezahlen.

Zur Zeit haben wir doch die Ungerechtigkeit, dass sich der deutsche Steuerzahler, der teilweise von der Hand in den Mund lebt und garnichts ansparen kann, Geld in die Rettung der EZB stecken soll (durch Lohn-, Mehrwertsteuer usw.), aber ein Millionär im Steuerparadis "Südeuropa" sich nicht oder nur mäßig an den Staatsausgaben beteiligt, geschweige den an dem Rettungsschirm der EUdSSR.

Solche Leute laufen zur Zeit mit Bargeldkoffer in ganz Europa rum, während Menschen, die in Deutschland in bescheidenen Verhältnissen leben, den illegalen Rettungsschirm stützen.

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