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12.08.2011

14:08 Uhr

Schuldenkrise

Endspiel um den Euro

VonHannes Vogel

Merkel und Sarkozy wollen die Spekulanten mit einem neuen Krisengipfel beeindrucken. Doch die Märkte lassen sich nicht länger mit Rettungspaketen besänftigen. Euro-Bonds oder Euro-Crash - Europa muss sich entscheiden.

Schuldenkrise

Deutsche-Bank-Chefvolkswirt mahnt Anleger zur Ruhe

Schuldenkrise: Ist die Weltwirtschaft in Gefahr?

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DüsseldorfMehr als 20 Prozent ist der Dax in den vergangenen zwölf Tagen gefallen, doch die Panik hat ein Gutes: Sie zwingt die Politiker Europas zum Handeln. Italien, Spanien, Belgien und Frankreich verbieten besonders spekulative Börsengeschäfte, Angela Merkel und Nicolas Sarkozy wollen am Dienstag auf einem Krisentreffen über die Börsenpanik beraten - und neue Vorschläge für eine bessere wirtschaftspolitische Steuerung der Euro-Zone besprechen.

Europa ist in einer neuen Wirklichkeit aufgewacht: Die Finanzmärkte wetten inzwischen nicht mehr nur auf einen Bankrott Griechenlands, sondern nehmen mit Frankreich Kerneuropa ins Visier. Europas Politiker sind zu Getriebenen der Märkte geworden. Die dramatische Zuspitzung der Schuldenkrise hat eine Reihe von Erkenntnissen gebracht, die für die Zukunft Europas weitreichende Konsequenzen haben dürften.

Die erste und wichtigste: Märkte sind nicht rational und die Politik muss darauf reagieren. „Mit den Fundamentaldaten hat das alles nicht mehr viel zu tun. Das ist Panik und ich kann nur hoffen, dass die Panik bald vorbei ist“, sagt Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer zu den Kursbewegungen der letzten Tage. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sieht hier „psychologische Faktoren, insbesondere das Herdenverhalten“ am Werk.

„Die Politik muss diesen Machtkampf mit den Finanzmärkten gewinnen. Was sich da an den Börsen abspielt, ist überhaupt nichts anderes als ein finanzmarktgetriebenes Spektakel, an dem viele, viele Leute gerade sehr viel Geld verdienen. Es darf keine Politik nach Börsenlage geben“ fordert Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Wer argumentiere, dass die Kapitalmärkte und die Ratingagenturen informationseffizient seien, sei entweder blind oder naiv, kritisiert der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther.

Jammern hilft aber nicht weiter. Die Schuldenkrise in Europa ist auf dem Wege eine weitere Rezession auszulösen. Das Chaos an den Börsen muss endlich in eine bessere Regulierung münden - vor allem von Derivaten. Warum darf jemand eine Kreditausfallversicherung für französische Staatsanleihen kaufen, die er gar nicht besitzt - und damit an sich auf den Bankrott eines ganzen Landes wetten?

Die Chronik der Schuldenkrise

25. März 2010

Beim EU-Gipfel einigen sich die Euro-Länder auf einen Notfallplan für das hoch verschuldete Griechenland. Der Plan sieht freiwillige Hilfen einzelner Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor. Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou betont: „Griechenland ist entschlossen, mit seinen eigenen Problemen fertig zu werden.“

10. Mai 2010

Um die Schuldenkrise einzudämmen, spannen die Finanzminister und der IWF einen Rettungsschirm (EFSF) für pleitebedrohte Euro-Mitglieder. Insgesamt 750 Milliarden Euro sollen im Notfall fließen. Der damalige Kanzleramtsminister Thomas de Maizière resümiert, jetzt komme „Ruhe in den Karton“.

21. November 2010

Als erstes EU-Land schlüpft Irland unter den EFSF. Europäer und IWF schnüren ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hält Sorgen vor einem Überschwappen auf Portugal für unbegründet: „Gerede über eine Ansteckung hat keine wirtschaftliche oder rationelle Grundlage.“

25. März 2011

Der ständige Krisenfonds wird mit über 700 Milliarden Euro ausgestattet. Der Stabilitätspakt wird verschärft, Defizitsündern drohen auch bei einer zu hohen Gesamtverschuldung Sanktionen. Die 17 Euro-Länder wollen sich in der Sozial-, Steuer- und Haushaltspolitik enger abstimmen.

8. April 2011

Nach einem Hilferuf aus Lissabon setzt die EU ein Rettungspaket für Portugal in Gang. Höhe: Rund 80 Milliarden Euro. Schäuble sieht die Gefahr einer Ausbreitung der Krise zunächst als gebannt an: „Die Ansteckungsgefahr ist geringer geworden.“

20. Juni 2011

Die EU-Finanzminister beschließen eine Ausweitung des EFSF. Deutschlands Anteil steigt von 123 auf 211 Milliarden Euro. Damit bis zu 440 Milliarden Euro an Krediten gezahlt werden können, müssen die Euro-Länder ihre Garantien auf 780 Milliarden Euro erhöhen. Merkel verteidigt das: „Scheitert der Euro, scheitert Europa.“

23. Juni 2011

Athen beantragt ein zweites Hilfspaket. Es beläuft sich schließlich auf 159 Milliarden Euro. Erstmals beteiligen sich auch private Gläubiger Athens, ihr Anteil beträgt rund 50 Milliarden Euro.

8. August 2011

Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft nun auch Staatsanleihen von Italien und Spanien auf, um beide Länder zu stützen.

 

23. - 27. Oktober 2011

Nach einem Doppelgipfel beschließen die Euro-Länder das bislang dickste Paket zur Eindämmung der Krise: Griechenlands Schulden werden um 50 Prozent gekappt. Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert: Nun soll es zusätzliche öffentliche Hilfen von 100 Milliarden Euro geben, sowie Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. Die Schlagkraft der EFSF soll auf rund eine Billion Euro erhöht werden. Zudem müssen Europas Banken ihr Kapital um mehr als 100 Milliarden Euro aufstocken. „Ich bin sehr zufrieden mit den Ergebnissen“, bilanziert Merkel. Und Frankreichs Finanzminister François Baroin sagt erleichtert: „Es gab ein Explosionsrisiko. Das Abkommen von heute Nacht ist eine freundschaftliche, globale und glaubwürdige Antwort.“

01. November 2011

Griechenlands-Ministerpräsident Papandreou kündigt völlig überraschend eine Volksabstimmung über das neue Milliarden-Rettungspaket für Griechenland an. Damit stößt er Merkel und Sarkozy vor den Kopf, die den griechischen Staatschef zum Appell zitieren. Am Vorabend des G20-Treffens in Cannes setzen sie sich mit dem Griechen, IWF-Chefin Christine Lagarde und Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker zusammen. „Wir haben Papandreou, ohne ihm einen wirklichen Vorwurf zu machen, darauf hingewiesen, dass sein Benehmen illoyal ist“, wird Juncker am Tag darauf im ZDF-„Morgenmagazin“ sagen. Der unerwartete Vorstoß habe nun zu erheblichen Verstimmungen an den Finanzmärkten und in europäischen Regierungskreisen geführt. Die wichtigste Frage sei, ob Griechenland in der Euro-Zone bleibt oder nicht, so Juncker: „Wir hätten gerne, dass Griechenland Mitglied bleibt, aber nicht zu jedem Preis.“

02. November 2011

Kaum eine Woche im Amt überrascht der neue Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) die Öffentlichkeit: Aus Sorge um die Wirtschaft in der anhaltenden Griechenland-Krise, senkt Mario Draghi den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent. Gleichzeitig wird die bereits gebilligte Kreditauszahlung von acht Milliarden Euro an Griechenland auf Eis gelegt.

6. November 2011

Nach einer quälenden Hängepartie einigen sich die beiden großen politischen Lager in Athen auf eine Übergangsregierung. Hauptziel soll die Umsetzung der EU-Beschlüsse vom 27. Oktober sein. Später soll es Neuwahlen geben. Wer die neue Regierung führen soll, darüber wird noch tagelang gestritten. Die Konservativen fordern weiterhin zuerst einen Rücktritt des Sozialisten Papandreou.

8. November 2011

Nun steht auch Silvio Berlusconi vor dem Aus. Bei der Abstimmung über den Rechenschaftsbericht 2010 verfehlt er im italienischen Parlament die absolute Mehrheit. Am Abend kündigt er seinen Rücktritt an. Zuvor sollen aber noch die Brüssel zugesagten Reformen beschlossen werden.

9. November 2011

Griechenlands Regierungschef Giorgos Papandreou kündigt in Athen seinen Rücktritt an. Im italienischen Parlament drücken die Fraktionschefs derweil aufs Tempo und einigen sich darauf, dass die Reformen innerhalb weniger Tage durchs Parlament gehen sollen. Staatspräsident Giorgio Napolitano ernennt den ehemaligen EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti überraschend zum Senator auf Lebenszeit - das wird in Rom als Signal gedeutet, dass Monti Nachfolger von Berlusconi werden könnte.

10. November 2011

Die Akteure in Athen einigen sich auf einen neuen Ministerpräsidenten: Der frühere EZB-Vizepräsident Lucas Papademos (parteilos) soll eine Übergangsregierung bis zu Neuwahlen führen und im Parlament die von den internationalen Geldgebern verlangten Reformen durchsetzen. In Italien scheint Silvio Berlusconi mit Mario Monti als neuem Regierungschef einverstanden zu sein.

09. Dezember 2011

Nahezu alle Mitgliedstaaten einigen sich beim EU-Gipfel in Brüssel nach zähen Verhandlungen auf eine Fiskalunion. Großbritannien steht im Abseits. Eine Spaltung der EU wird abgewendet.

12. Januar 2012

In Athen beginnt eine wichtige Verhandlungsrunde über einen Schuldenschnitt der privaten Investoren für Griechenland.

13. Januar 2012

Standard & Poor's senkt die Bonität Frankreichs um eine Stufe auf AA. Acht weitere Euro-Länder sind ebenfalls betroffen.

14. März 2012

Die Eurogruppe gibt ein zweites Griechenland-Paket frei. Der IWF beteiligt sich daran mit 28 Milliarden Euro.

30. März 2012

Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 in Höhe von 27 Milliarden Euro.

09. Juni 2012

Spaniens Regierung kündigt an, zur Sanierung der maroden Banken ein Rettungspaket "light" zu beantragen. Die Eurogruppe sagt Madrid bis zu 100 Milliarden Euro zu.

17. Juni 2012

Bei der Neuwahl in Athen siegen die reformwilligen Konservativen. Europa atmet auf, das Schreckensszenario eines griechischen Euro-Austritts scheint zumindest vorerst gebannt.

25. Juni 2012

Nach langem Zögern flüchten Spanien und auch Zypern unter den Euro-Rettungsschirm. Der Finanzierungsbedarf beider Länder zur Rekapitalisierung ihres Bankensektors ist noch unklar.

Die Euro-Länder sind mit Recht ins Visier der Märkte geraten, weil sie zu viele Schulden gemacht haben. Klar ist aber auch: Hier rollt eine Spekulationswelle wie beim Crash 2008. Genau wie heute Präsident Sarkozy versuchte damals Lehman-Chef Dick Fuld verzweifelt negative Gerüchte über seine Kreditwürdigkeit zu zerstreuen.

Fulds Bank ging unter, doch das war nicht das Ende der Welle. 2008 reichte sie von Bear Stearns zu Fannie Mae, Freddie Mac, Lehman Brothers, Merill Lynch, Morgan Stanley, Goldman Sachs - vom schwächsten zum stärksten Glied. Heute reicht sie von Griechenland nach Irland, Portugal, Spanien, Italien, Frankreich - und Deutschland.

Kommentare (106)

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Ondoron

12.08.2011, 14:16 Uhr

Dann bitte die Abschaffung des Euros. Die Eurobonds sind nur der Volkssturm, die die Katastrophe etwas hinauszögern aber noch mehr an Substanz zerstören!

Kackbolzen

12.08.2011, 14:22 Uhr

Mein Gott, Herr Vogel, was sind Sie naiv. "Eurobonds werden nicht im Schuldensozialismus enden, wenn Sarkozy und Merkel sich endlich auf einen echten Stabilitätspakt mit harten Verschuldungsgrenzen einigen, die automatisch greifen und nicht durch eine europäische Schuldenkoalition außer Kraft gesetzt werden können" - das schreiben Sie. Und genau daran liegt es: Der Euro ist ein französisches Konstrukt, das ausschließlich Frankreich dienen soll.
Wenn es hier um den gesamten deutschen Wohlstand gibt, der der "europäischen Idee" auf den Altar gelegt werden soll, dann ginge es nur, wenn sich Europa Deutschland anschließt. Das wird NIE passieren! Und soll es auch nicht! Jede Nation in Europa nach ihrem Gusto, ihrer Mentalität, ihrer Kultur! Die Deutschen sollen nur zahlen - und das lehne ich ab! Europa ist keine Nation, sondern mittlerweile wie der frühere Balkan - ein Pulverfass. Und das haben die Politiker mit ihren "politischen Projekten" zu verantworten!

Account gelöscht!

12.08.2011, 14:22 Uhr

Sind Eurobond CDOs auch eine Erfindung von Goldman Sachs und JPM? Der Stoff wird solange gestreckt bis die Junkies "Scheisse fressen".

http://www.vanityfair.com/business/features/2011/09/europe-201109

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