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27.07.2012

15:45 Uhr

Schuldenkrise eskaliert

Spanien wankt

Die Zeichen mehren sich, dass es das schuldengeplagte Spanien ohne Hilfe seiner EU-Partner nicht schaffen wird. Ein großer Markteingriff könnte bevorstehen – unter Führung der EZB, die sich aber selbst nicht einig ist.

Spanischer Torero wird von einem Stier auf die Hörner genommen. dpa

Spanischer Torero wird von einem Stier auf die Hörner genommen.

Frankfurt/DüsseldorfIn der Spanien-Krise überschlagen sich die Ereignisse. Nach der Europäischen Zentralbank (EZB) wollen nun auch Deutschland und Frankreich die Euro-Zone mit allen Mitteln absichern. In einer gemeinsamen Erklärung von Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande hieß es am Freitag mit Blick auf beide Länder: "Sie sind entschlossen, alles zu tun, um die Eurozone zu schützen." Merkel und Hollande forderten: "Hierfür müssen die Mitgliedstaaten, wie auch die europäischen Institutionen, jeweils in ihrem eigenen Kompetenzbereich, ihren Verpflichtungen nachkommen." Zudem müssten die Schlussfolgerungen des letzten Euro-Gipfels von Ende Juni für eine langfristige Sicherung der Eurozone "rasch" umgesetzt werden. Die Aussagen sind sehr vage. Unklar ist, wie ein Feuerwehreinsatz aussehen könnte.

Deutlich mehr Aufschluss geben Medienberichte, denen zufolge die (EZB wohl Käufe von spanischen und italienischen Staatsanleihen vorbereitet, um das Land vor dem Absturz zu bewahren. Durch einen solchen Markteingriff würde die Refinanzierung günstiger, weil die Renditen sinken und damit der Zinsdruck nachlässt. Die Rettungsaktion wird wohl die EZB nicht alleine durchführen. Es scheint eine konzertierte Aktion zu sein, die sich seit Dienstag angebahnt haben könnte.

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EZB-Chef Draghi gibt dem Druck der Märkte nach. Die Zentralbank wird wohl mit der Notenpresse die gigantischen Staatsschulden abtragen. Das ändert die Rolle der Währungshüter in der Krise fundamental.

An diesem Tag hatte sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit seinem spanischen Kollegen Luis de Guindos getroffen. Offiziell hieß es danach, Schäuble hätte der spanischen Regierung bei ihrer Reformpolitik erneut Rückendeckung gegeben. Das hohe Zinsniveau für spanische Anleihen spiegle nicht die wahre wirtschaftliche Lage des Landes wider.

Heute, drei Tage später, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters über Details aus dem Gespräch. Spanien soll demnach erstmals eingeräumt haben, dass es wegen der Schuldenkrise möglicherweise das volle EU/IWF-Rettungsprogramm mit einem Volumen von 300 Milliarden Euro in Anspruch nehmen muss. Aus Kreisen der Euro-Zone will Reuters zudem erfahren haben, dass Deutschland der Gedanke aber nicht gefallen habe, dass das volle Programm in Anspruch genommen werde. "Nichts wird geschehen, bis der ESM einsatzfähig ist." Dann könne erneut diskutiert werden. Erwartungsgemäß wiegelte die Regierung in Madrid ab und erklärte, zu derartigen Plänen gebe es weder Überlegungen noch sei darüber diskutiert worden.

Wie dem auch sei, im weiteren Verlauf deuteten noch weitere Umstände darauf hin, dass Spanien ohne Hilfe den immensen Refinanzierungsbelastungen nicht mehr gewachsen sein könnten. So warnte in dieser Woche eine Gruppe von 17 renommierten Ökonomen, darunter zwei Mitglieder des Deutschen Sachverständigenrates, vor einer dramatischen Verschärfung der Euro-Schuldenkrise und verlangte ein schnelles Umsteuern – ansonsten „schlafwandle“ Europa auf eine Katastrophe mit unkalkulierbaren Ausmaßen zu. Die Experten beschrieben die Situation einer nicht-endenden Krise, in der ein Dominostein nach dem anderen falle. Der bislang letzte Dominostein, Spanien, stehe kurz vor einer Liquiditätsspritze.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Nicht nur für die Ökonomen ist die Schmerzgrenze für Spanien bereits überschritten. Spaniens Außenminister José Manuel García Margallo sieht das Zinsniveau als „nicht tragbar". Spanische Regierungsvertreter funken schon länger SOS und fordern vehement Unterstützung der EZB. Die Notenbanker könnten die Renditen durch Anleihekäufe drücken. Doch sie weigern sich, ihr seit März ruhendes Aufkaufprogramm wieder zu starten. Sie drängen vielmehr die Politiker, Lösungen für die Euro-Krisenländer zu finden. Doch seit Donnerstag ist das Geschichte.

Kommentare (88)

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EinBuerger

27.07.2012, 15:24 Uhr

Die Investoren trauen dem ClubMed nicht - und ich traue denen auch nicht.

Und je höher die Rettungswälle und je größer die EZM-Bazookas werden, desto größer wird das Mißtrauen sein, dass die Pleiteländer es alleine jemals schaffen werden.

Aber der Plan der Euro-Phantasten ist in Wirklichkeit:
Die Investoren sollen auch nicht den Pleiteländern vertrauen, sondern darauf dass die totale Transferunion für alle Gelder bürgt.

Dieser Plan wird die Investoren aber auch nicht zurückbringen, denn dann sind eben alle - inclusive Deutschland - sehr schnell völlig pleite.

UND DAS FINALE ERGEBNIS:

- Es gibt keine Investoren von außerhalb des Euro-Raumes mehr, nur noch Zwangs-Investoren wie Versicherungen von innerhalb des Euros.

- Alle Gelder werden zentral von der Brüssel-Diktatur verwaltet.

- Eine Staatsform wie die Ex-UdSSR ist endlich implementiert worden.

champus

27.07.2012, 15:45 Uhr

Keine Angst vor der Wallstreet???
Die international agierende und vernetzte Finanzoligarchie/-aristokratie und ihre Helfer entwickelt inzwischen mehr finanzielle Macht als alle politischen Systeme zu ihrer Verfügung haben. Mit Geld kann sie nicht nur Ratingagenturen sondern auch Regierungen beeinflussen, die Gesetze zu ihren Gunsten zu schreiben. Die Bewegungen der Märkte und auch Krisen vermindern nicht ihre Gewinne sondern vermehren ihre Profite. Hedgen, short oder long gehen mit Unterstützung mondernster Supercomputer und Algorithmen degradieren den normalen Sparer zum Verlierer in diesem modernen “Hase und Igel Wettlauf”. Wichtig für diese Finanzjonguleure ist die Nähe zu potenten Entscheidungsträgern im den Zentren der politischen Macht. Denn aktuelle Kenntnis der Interna und die hohe Zuverlässigkeit der Informationsquelle sind wichtig, um sich vor anderen Marktteilnehmern an den Märkten zu disponieren und Profite einzufahren.
In früheren Zeiten wedelte der Hund (Politik) mit dem Schwanz (Finanzoligarchie). Nun aber wedelt der Schwanz (Finanzoligarchie) mit dem Hund (Regierungen, Politiker). Macht, Ruhm, Einfluss, Geld und Sex sind der wahre Zucker unserer Zeit. Unsere politischen Eliten sind sowohl Täter als auch Opfer und führen auf diesem Weg ihre Länder langristig in die Verarmung und Zerstörung. Keine Angst vor der Wallstreet haben??? Ich beginne, eine sehr große, verwesende Ratte zu riechen schrieb mir kürzlich ein Freund.
http://www.youtube.com/watch?v=eKHKfcT9pCI&feature=relmfu
http://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/euro-krise-keine-angst-vor-der-wall-street/v_detail_tab_comments/6924842.html?ajaxelementid=%23mailAuthView&pageNumber=0

Eurowahn

27.07.2012, 15:49 Uhr

Die hohen Zinsen spiegeln nicht die wirtschaftlcihe Lage Spaniens wider !!! Wiedr so ene dreiste Lüge. Natürlich spiegeln die Zinsen das wider. Höchste Arbeitslosigkeit seit den 70-iger Jahren. Jeder zweite unter 26 ist arbeitslos, Gebralstreiks, Demos etc. ! Kein Invstor will in einem so unsicheren Land investsieren. Die Bürger lassen sich die Sparprogramme nciht mehr bieten und legen alles lahm. Die Zinsen sind noch zu niedrig, denn Spanien ist Pleite !!!

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