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14.08.2011

16:07 Uhr

Schuldenkrise

Finanzindustrie zofft sich wegen Eurobonds

Nicht nur die Politik, auch unter den Finanzmanagern ist die Einführung von Euroanleihen umstritten. Bei der Deutschen Bank ist man sich nicht mal intern einig.

Plädierte für die Einführung von Eurobonds: DWS-Fondsmanager Asoka Wöhrmann. Quelle: BostelMANN / BILDFOLIO für Handelsblatt

Plädierte für die Einführung von Eurobonds: DWS-Fondsmanager Asoka Wöhrmann.

FrankfurtDeutschlands größte Fondsgesellschaft DWS plädierte für die Einführung von Eurobonds: „Wenn Frankreich weiter eskaliert, werden Eurobonds die letzte Chance sein“, sagte Asoka Wöhrmann, oberster Fondsmanager der Deutsche-Bank-Tochter, der „Welt am Sonntag“. Der Markt werde weiter testen, wie ernst es den Regierungen mit ihrer Schuldenpolitik sei. Eurobonds könnten in dieser Lage für eine Beruhigung sorgen.

Grundsätzlich erwartet Wöhrmann zwar keine Rezession, er sieht aber einen „schmerzhaften Prozess“ auf alle Staaten zukommen: „Wir müssen einsehen, dass wir am Ende eines Superzyklus der Verschuldung sind“, sagte der Fondsmanager. Die Staaten seien als Stabilisatoren der Wirtschaft und damit auch der Finanzmärkte ausgefallen und blieben dies auf Jahre. Die einzig verbliebenen Handlungsakteure seien die Zentralbanken, die jederzeit Geld drucken könnten. Dies geschehe allerdings auf Kosten steigender Inflationsraten. „Das können mittelfristig in Deutschland vier oder fünf Prozent sein“, so der DWS-Manager. Zuletzt lag die Inflationsrate im Juli bei 2,4 Prozent.

Gegenwind bekommt Wöhrmann dabei ausgerechnet aus dem eigenen Haus: Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, warnte im Deutschlandfunk vor der Einführung von Euro-Anleihen. Bei einem Rückgriff auf Eurobonds oder einer Erhöhung der Verschuldungsgrenze des ESFS komme es zu einem politischen Zusammenbruch der EWU. „Das kann es nicht sein“, sagte er.

Was spricht für Euro-Bonds, was dagegen?

Was verbirgt sich hinter dem Begriff Eurobonds?

Gemeinsame Staatsanleihen aller Euro-Länder, die von einer noch zu gründenden europäischen Schuldenagentur zur Versteigerung angeboten würden. Bisher begibt jedes Land ausschließlich eigene Anleihen - mit der Konsequenz, dass hoch verschuldete Staaten teils extrem hohe Zinsen zahlen müssen. Geraten sie in den Fokus der nervösen Märkte, steigen die Zinsen sogar noch höher. Staaten mit glänzender Bonität wie Deutschland oder Österreich kommen dagegen günstig an frisches Geld.

Was wären die Vorteile von Eurobonds?

Pleitekandidaten stünden nicht mehr wie bisher weitgehend allein gegen die Macht von Finanzmärkte und Spekulanten: Mit Hilfe der Eurobonds könnten sie sich wieder zu moderaten Konditionen Kredite besorgen - schließen sind die solideren Staaten ja bei jeder einzelnen Anleihe mit im Boot. Allerdings würde ein anderer Teil der Schulden nach wie vor zu nationalen Zinssätzen verzinst werden - mindestens 40 Prozent müssten dies sein, fordert etwa Grünen-Chef Cem Özdemir.

Was spricht gegen Eurobonds?

Dass eine gemeinsame Haftung für Schulden ein tatkräftiges Sanieren und Sparen für Athen, Lissabon & Co noch unattraktiver machen könnte - nach dem Motto: Die Reichen werden schon zahlen. Dies befürchtet etwa Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Außerdem würden dann - so formulieren es die Eurobond-Gegner - deutsche Steuerzahler für Schulden derer mithaften, die zuvor über ihre Verhältnisse gelebt haben. Befürworter wie Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker versichern deshalb, parallel solle ein Anreizsystem für verschuldete Euroländer geschaffen werden, das strikte Haushaltsdisziplin belohne.

Wo verlaufen die Fronten in dem Streit?

In Deutschland zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün. In Europa - stark vereinfacht - zwischen Staaten mit AAA-Bonität und dem Rest. In Brüssel hat sich neben Juncker auch EU-Währungskommissar Olli Rehn für Eurobonds ausgesprochen. Die führenden Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland sind uneins. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger beispielsweise ist für diese Lösung, ifo-Chefvolkswirt Kai Carstensen spricht von einer „hanebüchenen Idee“.

Was würden Eurobonds für Deutschland kosten?

Das ist höchst umstritten. Kai Carstensen etwa kalkuliert, dass Deutschland einen deutlichen Zinsaufschlag von 2,3 Prozentpunkten zahlen müsste. Unter dem Strich entspräche dies jährlichen Mehrkosten von gut 47 Milliarden Euro, errechnete er für die „Welt am Sonntag“. Eurobonds-Befürworten meinen dagegen: Staatspleiten und ein Auseinanderbrechen der Eurozone kämen für Deutschland teurer als die gemeinsamen Bonds.

Finanzinvestor George Soros sieht das anders. Der Hedgefonds-Manager, der unter anderem mit Währungsspekulationen ein Milliardevermögen angesammelt hat, sprach sich gegenüber dem Handelsblatt ebenfalls für eine Einführung von Eurobonds aus. Gleichzeitig appellierte er an Länder wie Deutschland als stärkstes Land der Gemeinschaft, diese Lösung mitzugestalten. Nur so lasse sich eine neue Bankenkrise und eine weltweite Depression abwenden.

Die Bundesregierung stemmt sich derweil vehement gegen die immer lauteren Forderungen nach europäischen Staatsanleihen. „Es bleibt dabei: Es gibt keine Vergemeinschaftung von Schulden und keinen unbegrenzten Beistand“, sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble dem „Spiegel“ zu den sogenannten Eurobonds. Diese seien ausgeschlossen, „solange die Mitgliedstaaten eine eigene Finanzpolitik betreiben“. Die „Welt am Sonntag“ berichtete dagegen, Schritte hin zu einer Transferunion würden in der Bundesregierung inzwischen zumindest nicht mehr kategorisch ausgeschlossen. Um Strategien zur Euro-Rettung geht es auch beim Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy am Dienstag.

Bisher gibt jeder Euro-Staat eigene Anleihen heraus. Mit Eurobonds würde die Schuldenaufnahme zum Teil auf die gesamte Zone verteilt. Der Zinssatz bei diesen Anleihen wäre für alle Staaten gleich, die Euro-Krisenländer kämen zu günstigeren Konditionen an Geld. Für Eurobonds sind etwa Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker und Währungskommissar Olli Rehn. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hingegen bekräftigte seine
Warnung: Für Deutschland würde eine gemeinsame Euroanleihe höhere Zinsen bedeuten und damit zulasten des Steuerzahlers gehen, sagte er dem Handelsblatt (Montagsausgabe).

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

14.08.2011, 16:44 Uhr

Eurobonds = Subprime CDOs

Eurobonds nein Danke!

Wenn ich schone höre "letzte Chance", das heißt dann wohl Bitte den Vertstand ausschalten und Eurobonds kaufen.

Und wer wird garantiert hier an Kommissionen verdienen? DWS!

Dieser Artikel sollte als Werbung gekennzeichnet werden.

Account gelöscht!

14.08.2011, 17:00 Uhr

Eurobonds sind volkswirtschaftliche Massenvernichtungswaffen. Neben den Zinasaufschlägen für Deutschland, die sich bei einer gemeinsamen Bruttoinlandprodukthaftung von 60-Prozent auf derzeit 50 Mrd. Euro belaufen, wird Deutschland bei Einführung sein AAA-Rating verlieren und auch für den Rest der Bundesschulden höhere Zinsen - vielleicht in Summe 10 Mrd. - zahlen müssen. Sollte sich die wirtsch. Situation in den vielen Krisenländern weiter verschlechtern - und wer zweifelt daran eigentlich noch? - könnten aus diesen 60 Mrd. schnell 100 Mrd. Euro jährlich und unbegrenzt werden. Nachträglicher Ausstieg unmöglich! Aber es wird noch schlimmer kommen: Einzelne Eurobondländer - z.B. Italien - werden trotz dieser Hilfsmaßnahmen in Teilen zahlungsunfähig werden und ihre Zinsen auf die Bonds nicht mehr bedienen können. Die 1,1 Billionen (!!!) an Eurobond-Schulden von Italien müssten dann von anderen Eurobondländer mitbedient werden - das ist ja gerade das Prinzip der gemeinsamen Haftung. Summen kann man hier nur noch schätzen, aber allein für diese Schulden müssten die anderen Länder dann ca. 40 Mrd. Euro an Zusatzbelastungen jährlich und bis in alle Ewigkeit übernehmen. Sollten dann weitere Länder wie Griechenland, Protugal, Spanien usw. folgen, löst sich der Euro trotz Bonds in Antimaterie auf - leider auch die deutsche Volkswirtschaft!

Long-Short

14.08.2011, 17:00 Uhr

Schon witzig: noch vor 4-5 Monaten hat Asoka Wöhrmann sich mit der Entwicklung in Europa zufrieden gezeigt und in einem Interview mit der FAZ erklaert warum die DWS weiter in zB italienische Staatsanleihen investiert (und tatsaechlich diese super attraktiv finded - risk/return etc.).

Na diese Rechnung ist dann wohl nicht so recht aufgegangen - jetzt muessen die Eurobonds her um die unfaehigen Fondmanager rauszuhauen ...

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