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06.11.2015

08:50 Uhr

Schuldenkrise

Griechen drohen jetzt Zwangsräumungen

VonGerd Höhler

Viele Griechen bedienen ihre Hypothek nicht. Das belastet die Bankbilanzen – und gefährdet damit Hilfszahlungen der Euro-Gruppe. Die griechische Regierung will Zwangsräumungen verhindern. Doch wem drohen die eigentlich?

Selbst gesunkene Kreditraten können viele Griechen auf ihre Wohnungen und Häuser nicht mehr zahlen. dpa

Die Angst vor dem Verlust

Selbst gesunkene Kreditraten können viele Griechen auf ihre Wohnungen und Häuser nicht mehr zahlen.

AthenEin Streit um Immobilienkredite gefährdet die Auszahlung weiterer Hilfskredite an Griechenland. Griechenlands Kreditgeber möchten Zwangsvollstreckungen erleichtern, um die Bankbilanzen zu bereinigen. Dagegen will die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras möglichst viele Bürger vor Zwangsräumungen schützen.

Rund 300.000 griechische Immobilienkreditnehmer sind mit ihren Zahlungen im Rückstand. Vielen von ihnen droht der Verlust ihrer Wohnungen. So auch Petros und Charoula Vassiliadis: Vor acht Jahren kauften sie mit einem Bankkredit die Dreizimmerwohnung im Athener Vorort Maroussi. „Wir verdienten beide gut, die monatliche Rate von 850 Euro war damals ein Klacks für uns“, erinnert sich Petros. Jetzt fürchtet das Ehepaar, die gerade mal zu einem Fünftel abbezahlte Wohnung zu verlieren.

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Sparen für die nächste Hilfsgeldtranche: Griechische Bauern verlieren eines ihrer wichtigsten Privilegien. Das hat das griechische Parlament am frühen Freitagmorgen entschieden – nach einer zweitägigen Debatte.

Charoula Vassiliadis hat vor drei Jahren ihren Job als Filialleiterin eines Supermarkts verloren, die Kette machte pleite. Ihr Mann Petros, Verkäufer eines Autohauses, verdient heute nur noch halb so viel wie vor der Krise. 2014 handelte das Ehepaar mit der Bank eine Restrukturierung des Hypothekenkredits aus.

Die Monatsrate fiel auf 600 Euro. „Aber nicht mal diese Summe können wir jetzt aufbringen“, sagt Vassiliadis. Seit sechs Monaten sind sie mit den Zahlungen im Rückstand. „Wir fürchten, dass die Bank uns die Wohnung abnimmt“, sagt der Autohändler.

49 Prozent der in Griechenland vergebenen Darlehen sind notleidend. Zu diesem Ergebnis kam die europäische Bankenaufsicht jetzt beim jüngsten Stresstest der griechischen Kreditinstitute. Es geht um eine Summe von über 100 Milliarden Euro. Für die Banken ist das ein großes Problem: Die Milliardenrückstellungen für faule Kredite zehren am Eigenkapital.

Das griechische Schuldendrama von A bis M

A wie Austerität

Das Schlagwort der Krise. Umschreibt die Sparpolitik, um Haushaltsexzessen Einhalt zu gebieten. Weiteres Kürzen stürze die Menschen ins Elend und würge die Konjunktur ab, klagt Tsipras und steht damit nicht allein. Haushaltsdisziplin sei wichtig, um die Krise überwinden können, sagen Befürworter. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werfen Kritiker vor, für einen übertriebenen Sparkurs in Europa einzutreten.

B wie Bargeld

Äußerst knapp in Griechenland. Seit Ende Juni dürfen die Griechen an Bankautomaten nur noch täglich bis zu 60 Euro abheben. Weil viele aus Angst vor der Staatspleite ihre Konten leerräumten, droht den Banken das Geld auszugehen.

D wie Draghi

Mario Draghi, mächtiger Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Stabilität des Euro wacht. Draghi spielt eine Schlüsselrolle im Griechenland-Drama. Wenn die EZB den Geldhahn zudreht, weil es zu keiner Lösung kommt, stehen die Banken vor dem Aus; Griechenland dürfte dann endgültig zahlungsunfähig sein.

E wie Eurogruppe

Die Versammlung der Finanzminister aus den 19 Euroländern stieg in der Finanz- und Wirtschaftskrise zum weltweit beachteten Entscheidungsgremium auf. Sie hebt oder senkt den Daumen über Milliarden-Hilfsprogramme für die Euro-Krisenländer.

F wie Finanzmärkte

Verlieren Anleger das Vertrauen, dass Schulden überhaupt noch zurückgezahlt werden, dann können sich Staaten nur noch zu extrem hohen Zinsen finanzieren. Das wird sehr teuer. Diese Geldquelle bleibt Griechenland schon seit langem versagt.

G wie Grexit

Kunstwort bestehend aus „Greece“ (Griechenland) und dem englischen Wort „exit“ (Ausstieg). Der Ausstieg aus dem Euro - gewollt oder durch versehentliches Hinausschlittern - wurde zuletzt im Griechenland-Fall angesichts der drohenden Staatspleite von vielen nicht mehr ausgeschlossen.

I wie IWF

Der Internationale Währungsfonds mit Christine Lagarde als mächtiger Chefin ist einer der gewichtigen Kreditgeber Athens. Lagarde drängt die Eurogruppe, einer Umschuldung zuzustimmen.

J wie Jugendarbeitslosigkeit

Besonders dramatisch sind die Zukunftsaussichten der jungen Leute. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland haben die meisten kaum Hoffnungen, einen Job zu finden.

L wie Lissabon-Vertrag

Der Lissabon-Vertrag verbietet im Artikel 125, dass ein EU-Staat einen anderen Staat „herauskaufen“ kann („No-Bailout-Klausel“). Darauf berufen sich auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

M wie Merkel

Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.

Die Konsolidierung der notleidenden Kredite ist eine Voraussetzung für die Rekapitalisierung der Banken, die bis zum Jahresende abgeschlossen werden muss. Die griechische Regierung soll deshalb bis zum Treffen der Eurogruppe am kommenden Montag ein Regelwerk zur Bereinigung der Kreditrisiken vorlegen.

Es geht um viel Geld – und, bei den Immobilienkrediten, um das Schicksal zehntausender, möglicherweise hunderttausender Familien, die ihre Wohnungen verlieren könnten. Tsipras und sein Linksbündnis Syriza hatten im Wahlkampf versprochen, niemand werde aus seinem Zuhause vertrieben, weil er seinen Hypothekenkredit nicht mehr bedienen kann. Jetzt muss Tsipras auch in diesem Punkt, wie bereits bei so vielen Wahlversprechen, Abstriche machen.

Kommentare (34)

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Herr Vinzi Queri

06.11.2015, 08:56 Uhr

>> Griechen drohen jetzt Zwangsräumungen >>

Dafür haben sie Tsipras ! Die Griechen ernten jetzt das, was sie in der Wahl gesät haben.

Account gelöscht!

06.11.2015, 08:58 Uhr

Der Euro ist für die Griechen und für viele anderen EURO Schuldenländer ein Zwangskorsett der Finanz-Währungsmafia unter der Führung von Draghi und der deutschen Bundesregierung.
Damit Griechenland wieder Gesund wird, muss es den Euro als Krankmacher endlich loswerden und zur eigenen Währung der Drachme zurückkehren. Nur so wird das was. Die AfD fordert dies schon seit Jahren.

Herr Hans Mayer

06.11.2015, 09:18 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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