Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.04.2015

12:47 Uhr

Schuldenkrise

Griechen ziehen immer mehr Geld ab

Aus Angst vor einer Zuspitzung der Finanzkrise heben die Menschen in Griechenland immer mehr Geld von ihren Konten ab und horten es in Bargeld. Die Einlagen der Banken sanken auf einen Tiefstand seit Beginn der Krise.

Die Angst nehme zu, dass sich die dramatische Finanzlage noch weiter zuspitzen könnte, wenn sich Ministerpräsident Alexis Tsipras und die EU nicht bald über die griechischen Reformpläne einigen würden. dpa

Begehrtes Bargeld

Die Angst nehme zu, dass sich die dramatische Finanzlage noch weiter zuspitzen könnte, wenn sich Ministerpräsident Alexis Tsipras und die EU nicht bald über die griechischen Reformpläne einigen würden.

AthenDie Griechen heben angesichts der schweren Finanzkrise des Landes immer mehr Geld von ihren Konten ab. Die Einlagen sanken nach Angaben von Geldinstituten auf den niedrigsten Stand seit Ausbruch der Schuldenkrise. Die Banken „verbluten“, schrieben griechische Medien am Freitag. Die griechischen Kreditinstitute sind wegen der starken Mittelabflüsse weiter auf Notkredite (ELA) von der Zentralbank des pleitebedrohten Landes angewiesen. Die Europäische Zentralbank (EZB) muss den Umfang regelmäßig neu bewilligen.

Wie die konservative Athener Zeitung „Kathimerini“ berichtete, horten die Griechen mittlerweile rund 15 Milliarden in Bargeld. Die Angst nehme zu, dass sich die dramatische Finanzlage noch weiter zuspitzen könnte, wenn sich die neue Regierung unter dem linken Ministerpräsident Alexis Tsipras und die EU nicht bald über die griechischen Reformpläne einigen würden.

Reparationsforderungen aus Athen und Deutschlands Rechtsposition

Zwangsanleihe

1942 musste die Bank von Griechenland der Deutschen Reichsbank einen Kredit über damals 476 Millionen Reichsmark gewähren, nach Kriegsende sollte er zurückgezahlt werden.

Rückzahlung

1953 verschob das Londoner Schuldenabkommen die Regelung deutscher Reparationen auf die Zeit nach Abschluss eines „förmlichen Friedensvertrages“. Das Londoner Moratorium wurde 1990 durch den „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ gegenstandslos. Die Staaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) - darunter Griechenland - stimmten 1990 der „Charta von Paris“ für eine neue friedliche Ordnung in Europa zu.

Ansprüche

Nach Auffassung Berlins ergibt sich aus der Zustimmung zur „abschließenden Regelung in Bezug auf Deutschland“ in der Charta, dass die Reparationsfrage nicht mehr geregelt werden sollte. In Athen wird dagegen argumentiert, die Entschädigungsfrage sei ungeklärt, denn die Unterzeichner hätten den Vertrag nur zur Kenntnis genommen.

Entschädigung für Kriegsverbrechen

2003 wies der Bundesgerichtshof (BGH) Forderungen wegen eines SS-Massakers in Distomo von 1944 ab. Ansprüche der Hinterbliebenen ließen sich weder aus dem Völkerrecht noch aus deutschem Amtshaftungsrecht ableiten. 2006 bestätigte das Bundesverfassungsgericht diese Auffassung und nahm eine Klage von vier Griechen nicht zur Entscheidung an.

Griechische Rechtsauffassung

Ein griechisches Gericht sprach 1997 Nachkommen der Opfer knapp 29 Millionen Euro zu. Laut BGH verstößt das Urteil aber gegen den Völkerrechtsgrundsatz der Staatenimmunität. Danach darf ein Staat nicht über einen anderen zu Gericht sitzen. Diesen Grundsatz hatten 2002 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und - in einem ähnlichen Fall - das Oberste Sondergericht Griechenlands bestätigt. Damit habe das griechische Urteil in Deutschland keine Rechtskraft, befand der BGH.

Griechische Berechnungen

In den vergangenen zwei Jahren haben Experten des griechischen Finanzministeriums und der Zentralbank in Athen die Höhe der Reparationen aus griechischer Sicht berechnet. In einer Studie, die die griechische Sonntagszeitung „To Vima“ im März veröffentlicht hatte, wurden die Gesamtforderungen auf zwischen 269 und 332 Milliarden Euro beziffert. Der griechische Vize-Finanzminister Dimitris Mardas nannte am 6. März in einer Rede vor dem Parlament nach einer ersten Auswertung des zuständigen Parlamentsausschusses eine Summe von 278,7 Milliarden Euro.

Gezahlt - gefordert

Deutschland vereinbarte zur Wiedergutmachung für NS-Unrecht Ende der 1950er Jahre Entschädigungsabkommen mit zwölf Ländern. Athen bekam 1960 Reparationen in Höhe von 115 Millionen D-Mark. Bereits in diesem Vertrag ist laut Bundesregierung festgehalten, dass die Wiedergutmachung abschließend geregelt sei. Doch verlangten griechische Politiker weiterhin Reparationen. 2014 wurde die Forderung nach Entschädigungen auch beim Athen-Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck laut. Die Bundesregierung wies die Ansprüche zurück. Athens Forderungen seien geregelt, heißt es bis heute.

Noch im Dezember erreichte das Volumen der Geldeinlagen der Griechen mehr als 160 Milliarden Euro. Bis Ende März schrumpften die Einlagen auf rund 135 Milliarden Euro. Die umfangreichsten Abhebungen gab es im Januar (12,8 Milliarden Euro) und im Februar (7,6 Milliarden Euro). Im März zogen die Griechen weitere 5,5 Milliarden Euro von ihren Konten ab.

Von

dpa

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Eugen Schmidt

17.04.2015, 14:12 Uhr

Wenn die Griechen 15 Mrd Euro Bargeld zu Hause rumliegen haben, dann werden ja sicher bald die einschlägigen Banden dort zuschlagen. Vielleicht haben wir ja dann weniger Wohnungseinbrüche in Deutschland. Schön für uns, aber teuer erkauft! Die Griechen sind nur noch mit Sarkasmus zu ertragen.

Herr Peter Noack

17.04.2015, 18:13 Uhr

Was passiert denn, wenn die Griechen weniger als 99 Milliarden Euro bei ihren Banken eingelegt haben? Ändert sich daran etwas, wenn die Einlagen unter 75 Milliarden Euro sinken? Wann sind dann alle einlagen abgehöben? Gibt es dann keine Euros bei den Banken mehr? Holen die dann die alten Drachmen wieder hervor und stempeln Euro drauf?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×